Der Schattenmann

Die Frau im Fernseher kennt jeder: Petra Gerster. Ihren Ehemann davor nicht. Und das ist sein Problem. Gegen das er – nicht ohne Würde – ankämpft.

Eine der häufigsten Frage, die mir von TV-Moderatoren immer wieder gestellt werden, lautet: „Wie kommen Sie damit zurecht, dass Sie im Schatten Ihrer prominenten Frau stehen?“

Die Frage kann der Schattenmann natürlich gut verstehen, denn für einen TV-Moderator, der sein Lebensziel – die regelmäßige Präsenz auf dem Bildschirm – glücklich erreicht hat, muss es eine Horrorvorstellung sein, seinen Ehepartner statt sich selbst in der Glotze sehen zu müssen.

Ich als gelernter ModeratorInnenversteher pflege daher zu antworten: Wieso Schatten? So wie die Sonne den Mond anstrahlt und dieser mit seinem Abglanz die Welt und die auf ihr wandelnden Liebespaare erleuchtet, so strahlt meine Frau mich an und so erleuchte ich mit meinem Abglanz die Welt und die in ihr talkenden Fernsehmoderatoren.

Diese Lüge hat sich bewährt. Auch sonst bemühe ich mich, drü- ber-, statt im Schatten zu stehen, so wie neulich bei einer Lesung, als die Buchhändlerin sagte: „Wir begrüßen Petra Gerster, bekannt als das Gesicht des ZDF, und Christian Nürnberger, bekannt“ – und da stockte die Dame für einen Augenblick, es fiel ihr nichts ein, weshalb ich aushalf mit der Ergänzung: „bekannt als Ehemann des Gesichts des ZDF.“

 

„Wie kommen Sie damit zurecht, im Schatten Ihrer Frau zu stehen?“ –

so etwas werde nur ich gefragt.

Und die Männer von Amelie Fried und Maybritt Illner.

 

Die Wahrheit ist natürlich, dass es mir schon sehr auf die Nerven geht, bei jedem gesellschaftlichen Anlass immer nur als „Begleitung“ eingeladen zu sein, beim Presseball am Tisch des Bundespräsidenten zu sitzen und zu wissen, dass ich hier nicht säße, wenn ich mit Lieschen Müller verheiratet wäre. Es tangiert schon das Ego, wenn man mit seiner Frau zusammen ein Buch schreibt und die Talkshow- Redaktionen dann nur die Autorin einladen, aber nicht den Autor. Ich leide wie ein Hund, wenn am Gardasee eine fränkische Oma in die etwas abseits stehende Reisegruppe ruft: „Allmächt, Hedwich, kumm amol hähr, dou is die Bedra Gärschder und der danehm, dös is ihr angeheiradeder Ehemann.“ Natürlich fällt es mir auf, wenn ich nach Bühl, Rosenheim oder Trier zur Lesung komme und auf den Plakaten der Name Petra Gerster ganz groß und der Name Christian Nürnberger ganz klein gedruckt ist – weil mein Name so lang sei, wie die Sensibleren unter den Veranstalterinnen dann entschuldigend erklären. Und natürlich würde ich die pomadisierten Marketingmacker am liebsten an ihren eigenen Hosenträgern aufhängen, wenn sie mir und dem Verlag einreden, auf dem Titel unseres gemeinsamen Buches solle nur das Foto meiner Frau erscheinen, weil ein Foto von uns beiden nur die Käufer verwirre, erklärungsbedürftig wäre und darum vom raschen Kauf abhielte.

Ja, ich bin eine tragische Figur, aber diesen Zustand habe ich selbst herbeigeführt. Als ich Textchef war bei einem Wirtschafts- und Technologiemagazin und ich einen neuen Chefredakteur vor die Nase gesetzt bekam, blitzte die Erkenntnis in mir auf: Du kannst auf der Karriereleiter so hoch steigen, wie du willst, du wirst immer einen über dir haben, der dümmer ist als du, aber meint, dir vorschreiben zu müssen, was du zu tun hast.

Die Erkenntnis mündete in die Frucht bringende Frage: Ist es nicht viel sinnvoller, ein Kind in die Welt zu setzen, als für den Rest des Lebens in überflüssigen Magazinen überflüssige Texte zu redigieren und sich dabei mit Vorgesetzten herumzustreiten, die keine Ahnung haben?

Zum ersten Mal nistete sich eine bis dahin nicht gekannte Vorstellung in meinem Kopf ein: Aussteigen. Vater werden.

Die Vater Morgana verdichtete sich, als mein Chef eine Überschrift von mir durch seine eigene ersetzte, die da lautete: „Wie das Ozonloch seine Wunden leckt.“

Wer soll sich kümmern?, fragte sie.

Wer, wenn nicht ich?, sagte ich. Das passte ihr gut in den Kram. Und sie bewunderte mich.

Die Ehefrau ist berühmt und der Gatte nicht. Eine schwierige Situation – die nur ein echter Mann ertragen kann.

Ein Jahr später hielt ich glücklich meine Mini-Tochter auf dem Arm, plante die Zukunft und sechs weitere Töchter und kündigte meine gut bezahlte Festanstellung. Kleine Kinder schlafen viel, und während sie schlafen, kann ein Mann wie ich viele Bücher schreiben. Dachte ich. Als Erstes werde ich ein Buch über mein Leben als Hausmann und Vater schreiben. Seht her, werde ich Alice Schwarzer und den anderen Frauen mitteilen, hier bin ich, der neue Mann, ein Held unserer Zeit! Während meine Frau im Sender Karriere macht, schmeiße ich den Haushalt und ziehe ein paar Kinder groß. Mir nach, werde ich meinen Geschlechtsgenossen zurufen, wir sind die wahren Revolutionäre. Die Supermänner! Man wird uns bewundern, man wird uns verehren, die Leute werden uns in den Bundestag wählen und als Kanzlerkandidaten vorschlagen.

Der Mann von der Sparkasse sah das etwas enger, sah nur die Ebbe auf meinem Konto und fragte mich, ob ich arbeitslos sei. „Aber überhaupt nicht“, sagte ich, „ich habe mich nur selbstständig gemacht.“

Im Jahr 2000 hätte mich der Banker vermutlich mit einer Million Mark Venture Capital überschüttet und gefragt, wann ich mein Start-up-Unternehmen an die Börse bringe. Damals aber, 1990, war mein Banker noch altmodisch und darum kürzte er mir erst einmal die Kreditlinie.

Nun war klar: Ich muss jetzt sofort einen Bestseller schreiben. Noch unklar war, wann ich das tun sollte. Mein Kind schlief wenig, schrie viel und unangenehm laut. Musste gewickelt, gebadet, an die frische Luft gebracht und zum Stillen zweimal pro Tag zur Mutter in den Sender gefahren werden. Schlief es doch einmal, schlief auch ich, jedoch immer nur so lange, bis jemand an der Haustür klingelte, der Hund bellte, das Telefon düddelte und das Baby schreiend aufwachte. Das war gut, denn ich hatte ja noch den Haushalt zu erledigen. Einkaufen, putzen, kochen, waschen, bügeln – alles wichtige, neue Erfahrungen im Leben eines neuen Mannes. Aber wann sollte ich je darüber schreiben?

Nachdem ich mich ein ganzes Jahr lang von den körperlichen Bedürfnissen eines Kleinkinds durch die Welt habe hetzen lassen, war ich sichtlich gealtert und des Heldentums ein bisschen müde. Alice Schwarzers Emma wählte mich nicht zum Mann des Jahres. Die Medien ignorierten meine revolutionäre Tat, Franz-Josef Wagners Bunte machte unsereinen als Softi, Schlaffi und Hänger nieder, man feierte die Powerfrauen und der Literaturbetrieb fand Popliteraten interessanter, die von morgens bis abends nichts anderes zu tun haben, als darüber nachzudenken, auf welche Party sie gehen und was sie dafür anziehen. >

Ich mied Partys eher, nicht nur aus Müdigkeit und Zeitmangel, sondern auch weil ich die Partyfrage fürchtete: „Und was machen Sie denn so?“ Antwortete ich wahrheitsgemäß, teilte sich die Menschheit in vier Lager: Die üblichen Männer, allesamt ausgestattet mit Job, Sekretärin und Dienstwagen, guckten etwas ratlos, um sich dann möglichst schnell zu verabschieden und wichtigere Gesprächspartner zu suchen. Die Sensibleren bezeichneten mich als mutig und überschütteten mich mit Bewunderung, um zu verbergen, dass sie diesen Mut für Blödheit halten. Unausgesprochen sagten sie: Ich hab doch nicht zwölf Semester studiert, um anschließend daheim den Johann zu machen.

Beim Presseball darf ich als „Begleitung“ am Tisch des Bundespräsidenten sitzen. Aber natürlich nur, weil meine Frau nicht Lieschen Müller heißt.

Und dann gab es noch jene ältere Dame, die das Ansinnen ihrer akademisch gebildeten Schwiegertochter, ihr Mann möge es mir gleichtun, abwehrte mit dem Argument: „Na, fürs Windelnwechseln hat mein Bub doch nicht studiert.“ Und schob nach: „Ein Mann, der sich von seiner Frau ernähren lässt, ist kein richtiger Mann.“ Punkte machte ich dagegen bei den jüngeren Frauen, die in Kleingruppen meiner Frau von dem „süßen Mann“ vorschwärmten, den sie sich da an Land gezogen hatte – während ich mich fühlte wie ein Streber, dem seine Tanten zufrieden übers Haar streichen.

MÄNNER IM FERNSEHEN segeln, snowboarden, saufen, huren und prügeln sich. Ich aber wickelte mein Baby, machte die Wäsche und putzte das Klo. Das ist nur auszuhalten, wenn man sich der Illusion hingibt, eine große Mission zu erfüllen, das Projekt der Moderne, der Aufklärung und der Emanzipation voranzutreiben, die Welt im Grundsätzlichen zu verbessern und künftigen Generationen junger Männer als leuchtendes Vorbild zu dienen.

Ich zeige Größe durch tätige Reue für 10000-jähriges Patriarchat und die von den Frauen in diesen Jahrtausenden erlittene Unbill – Selbstentmachtung durch Selbsterkenntnis. Wir Männer, die wir jetzt leben, sind die letzten Kaiser. Aber diese, ich muss es leider sagen, zeigen einen beklagenswerten Mangel an Einsicht. Sie stemmen sich verbissen gegen den endgültigen Zusammenbruch ihrer Herrschaft und finden es auch heute noch völlig normal, dass nur Frauen gefragt werden: „Wie vereinbaren Sie Familie und Beruf?“ Diese Frage wurde mir noch nie vorgelegt, aber seit 13 Jahren alle vier Wochen meiner Frau.

„Wie kommen Sie damit zurecht, im Schatten Ihrer erfolgreichen Gattin zu stehen?“ – so etwas werde nur ich gefragt. Und der Mann von Amelie Fried. Und der Mann von Maybritt Illner. Wir drei haben schon erwogen, eine Schattenmann-Boygroup zu gründen und uns dazu ein paar Schattenfrauen einzuladen, aber komisch, die gibt’s nicht. Kanzler-, Minister- und Berühmtheiten-Gattinnen werden nie gefragt, wie sie sich so fühlen, und, noch komischer: Sie selbst fühlen sich auch nicht als Schattengewächse, sondern sonnen sich selbstbewusst im Glanz ihrer Männer. Während ich mir am Tisch des Bundespräsidenten vorkomme wie ein Hochstapler, der sich reingeschlichen hat, thronen die Promi-Gattinnen so selbstverständlich auf ihren Stühlen, als hätten ihre Männer es ihnen zu verdanken, dass die da sitzen dürfen.

Diese Weiber, die sich im Patriarchat kommod eingerichtet haben und unsereinem in den Rücken fallen, wenn wir im Namen des Fortschritts, der Emanzipation und des herrschaftsfreien Diskurses eine neue Epoche des Friedens zwischen Mann und Frau einläuten möchten, machen mich noch wahnsinnig. Und geradezu hysterisch reagiere ich, wenn ich sehe, dass sie immer noch oder schon wieder auf so testosterongesteuerte Napoleone in Nadelstreifen wie Jürgen Schrempp abfahren. Dabei sind es nicht nur die dummen, sondern auch kluge Weibchen, die sich unbedingt einem Alpha-Männchen unterwerfen möchten.

Schrempp, so las ich in einem Buch über den Chrysler-Deal, habe die Amerikaner durch seine überbordend männliche Vitalität beeindruckt und sie gerade deshalb über den Tisch gezogen. Einmal, nach einem recht alkoholreichen Geschäftsabendessen in Sevilla, etwa um zwei Uhr morgens, hatte Schrempp plötzlich dieses gefürchtete Glitzern in den Augen, packte seine Assistentin, warf sie sich über die Schulter, griff sich eine Flasche Champagner, rief seinen hellauf begeisterten Geschäftsfreunden über die noch freie Schulter ein markiges „Bis später, Jungs!“ zu und war verschwunden.

Ich gebe zu, ich beneide sie ein wenig, diese Sieger und Hoch- leister, wie Gertrud Höhler sie zu nennen pflegt. So ein Hochleister steht bekanntlich morgens schon energiegeladen zwischen fünf und sechs auf, joggt, setzt sich dann noch energiegeladener in den Dienstwagen, braust zum Managen ins Büro, und noch bevor er am Schreibtisch sitzt, hat er schon drei bis vier weit reichende Entscheidungen gefällt, welche die Zukunft seines Unternehmens für die nächsten hundert Jahre sichern.

Ich Tiefleister stand zwar ebenfalls zwischen fünf und sechs auf, als die Kinder noch klein waren, aber nur, weil sie ihren Kakao verlangten. Damit trage auch ich zur Zukunftssicherung des Wirtschaftsstandorts D bei, aber irgendwie zählt das nicht so richtig. Statt Großes zu tun, Firmenimperien zu schmieden, Weltmärkte zu erobern, Frauen über die Schulter zu werfen und nach Champagnerflaschen zu greifen, ist mir bestimmt, mein Leben mit den Kindern bei Arztbesuchen und Zahnspangenkorrekturen zu verzetteln und meine Zeit auf Elternabenden, Schulkonzerten und mit dem Schmieren von Pausenbroten zu verbringen.

Ja, doch, ich beneide sie, die Schrempp-Typen, die haben für all diese würdelosen Beschäftigungen genügend Angestellte und ihre Lebensabschnittsgefährtinnen und können sich daher ganz auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren: Großes zu leisten, wie ein richtiger Mann.

Gelegentlich, auf jenen Events mit hohem Schrempp-Typen-Aufkommen, schleicht so einer um meine Frau und mich herum, beobachtet mich aus den Augenwinkeln, während ich aus den Augenwinkeln die Gedanken hinter seiner Stirn lese: Wie kommt so ein Mann zu so einer Frau? Geld hat er nicht, Macht hat er nicht, ein Beau ist er nicht, ein Genie ist er nicht, berühmt ist er nicht, aber er sitzt da mit der unerschütterlichen Ruhe des Felsens von Gibraltar. Was ist sein Geheimnis?

Und ich denke mir: Verrat ich nicht. So soll es sein. So soll es bleiben.

Von Petra Gerster und Christian Nürnberger erscheint im März Stark für das Leben -Wege aus dem Erziehungsnotstand bei Rowohlt Berlin.

Süddeutsche Zeitung Magazin, 28.02.2003