Die Desinformationsgesellschaft

Eine Konferenz in Bonn zum Thema ‚Macht Information‘

Die Zukunft wird schön sein. Zwar werden etliche, die heute noch eine ruhige Kugel schieben, demnächst ziemlich wild und gefährlich leben müssen, aber die Bundesregierung paßt auf. Im nächsten Jahr kommt das Multimedia-Gesetz, und dann kann nichts mehr passieren.

Die Öffentlichkeit scheint das noch nicht so richtig begriffen zu haben. Deshalb hat Bundesforschungsminister Jürgen Rüttgers die Presse und andere wichtige Leute zu einer internationalen Konferenz über das Thema ‚Macht Information‘ nach Bonn geladen.

Wo muß der Mensch in der Informationsgesellschaft stehen? Im Mittelpunkt (Jürgen Rüttgers). Das digitale Prinzip – warum erst heute? Weil man erst jetzt Geschäfte damit machen kann (Robert Cailliau, CERN, Genf). Brauchen wir noch Originale? Ja. (Carter Brown, National Gallery of Art, Washington). Braucht das virtuelle Unternehmen einen Chef? Nein (Helmut Meier, Booz Allen & Hamilton, Düsseldorf). Ist das Internet gut für die Demokratie? Kommt drauf an (Claus Leggewie, Universität New York). Wie wichtig sind die neuen Medien für die Wirtschaft? Sehr (Thomas Middelhoff, Bertelsmann ). Verdrängt das Internet Zeitung und Zeitschrift? Nie (Jörg Bueroße, Burda). Wie wird die Zukunft werden? Großartig (Giovanna Legnani, Consultant, Rom).

Cyberia ohne Sonne

Draußen wallten die Nebel. Vom Rhein, von Bonn war nichts zu sehen. Drinnen raunten die Redner, eine neue Zeit werde anbrechen, etwas Großes auf uns zukommen, und es werde unaufhaltsam sein. Darüber hätte man gern Genaueres erfahren, aber wir erfuhren es nicht. Am Ende lief es dann doch wieder auf den fröhlichen Heimarbeiter hinaus, der mit Notebook und Handy vor dem Swimmingpool unter blauem Himmel seine Arbeit verrichtet. Sein Bild leuchtete vom Großbildschirm auf die Zuhörer herunter, und niemand erhob Einspruch. Der hätte aber kommen müssen, es sei denn, die Mitglieder des Rüttgers-Clubs haben noch nie versucht, mit dem Notebook im Freien zu arbeiten. Dann können sie nicht wissen, daß die Sonne die Zeichen selbst auf dem kontraststärksten Display verschwinden läßt und darum aus dem Bräunen während der Arbeit nichts wird.

Die Informationsgesellschaft kann aber auch ohne Sonne recht heiter werden, zumindest für den Bertelsmann-Vorstand Thomas Middelhoff. Der hält bereits das Sacktuch auf, um die Abermilliarden Taler aufzufangen, die es bald vom Cyber-Himmel regnen wird. Und dabei, so erzählt er mit Begeisterung, werde ihm eine neue Generation von Angestellten helfen . ‚Von denen ist keiner älter als 28, die brauchen keinen Betriebsrat, die arbeiten, wenn’s sein muß, auch sonntags bis tief in die Nacht, und nach ein paar Jahren sagen sie höchstens, daß sie sich gerne mit ein paar Prozent am Profit-Center beteiligen möchten.‘ Middelhoff sprach von PC-Penetration und Modem-Penetration, von Multimedia-Haushalten und CD-ROM-Haushalten, penetrierte sein Publikum mit zahlreichen Kurven, und alle stiegen steil aufwärts. Worüber er schwieg, waren jene zwei Drittel aller Deutschen, die weder ihren Videorecorder programmieren noch ihre Gasrechnung lesen können. Deren sich abzeichnende Computer-Resistenz könnte den Bertelsmännern die hoffnungsvollen Kurven durchaus noch vermasseln.

Besonders erhaben geht es immer zu, wenn einer aus der Zunft der Unternehmensberater das Wort ergreift. Auf dem Petersberg tat das Helmut Meier, Vizepräsident von Booz Allen & Hamilton . Er beeindruckte beispielsweise mit dem Satz: ‚Unternehmenserfolg in der Informationsgesellschaft wird über interdependente Führungsteams gesichert, denen es dank kommunikativer Fähigkeiten gelingt, Wissensarbeiter über Kompetenz, Vision und Werte in vernetzten Unternehmen zu motivieren.‘ Das haben wir zwar nicht ganz verstanden, aber zur Beunruhigung bestand kein Anlaß, denn während seines ganzen Referats stellte Meier den Menschen gewaltig in den Mittelpunkt und verhieß auch sonst viel Gutes, zum Beispiel einen neuen sozialen Vertrag. Wer Meier noch zuhörte, konnte sich dabei zwar einbilden, er verlange die Rückkehr zur Tagelöhnerei, aber so kraß sagte er es nicht, statt dessen meinte er nur, an die Stelle der Arbeitsplatzgarantie trete die lebenslange, ‚Eigeninitiative verlangende Weiterentwicklung marktgängiger Kompetenzen in Selbständigkeit‘.

Er gab dann noch viel Visionäres von sich, verabschiedete die Chefs dieser Welt aus den virtuellen Unternehmen , und als er sich selbst verabschiedete, war das Publikum sehr erleichtert und der Nebel weg.

Man sah jetzt den Rhein, man sah Bonn, und ans Rednerpult schritt Michael Sommer, Mitglied des geschäftsführenden Vorstands der deutschen Postgewerkschaft. ‚Wissen über Staub beseitigt ihn nicht‘, sagte Sommer, und wir verstanden, daß es auch in der Informationsgesellschaft noch Plastik, Stein und Eisen geben und aus dem Zapfhahn unserer Stammkneipe weiterhin Bier fließen wird und nicht etwa der Rohstoff Information. Um diesen ranken sich phantastische Arbeitsplatzverheißungen. Dazu meinte Sommer: Schon möglich, daß neue Arbeitsplätze entstehen, aber dafür verschwinden sie an anderer Stelle, und wie der Saldo sein wird, weiß niemand.

Sommer stellte auch ganz praktische Fragen: Wenn der Büromensch einst sein Büro räumt, um sich zu Hause eine elektronische Klause einzurichten, beteiligt sich dann die Firma an der Miete? Und wer bezahlt eigentlich den Computer, das Modem und das Telephon? Mit ihm als Gewerkschafter könne man ja über alles reden, sagte Sommer, er sehe durchaus auch Chancen in der Tele-Heimarbeit, aber um sie zu realisieren, gebe es mit den Arbeitgebern einiges zu regeln. Die aber schielen schweigend gen Osten bis nach Indien. Dort liefert eine wachsende Zahl qualifizierter Arbeitskräfte erstklassige Tele- Heimarbeit zu einem Bruchteil hiesiger Löhne. Warum noch mit Gewerkschaften verhandeln?

Vielleicht fällt ja die Tele-Heimarbeit in Deutschland einfach aus, weil die sich unentwegt verschlankenden Unternehmen ihre Büroangestellten lieber gleich in die Arbeitslosigkeit entlassen . Und vielleicht meinen der Herr Minister und der Herr Meier, wenn sie den Menschen in den Mittelpunkt stellen, speziell den indischen. Eine Debatte darüber hätte sehr spannend werden können, aber das war nicht vorgesehen. Schließlich ging es ja nur um PR. Und überhaupt, so mag man sich gedacht haben, was soll man noch groß diskutieren über eine Entwicklung, die sowieso kommt?

Eben das wäre die zweite Frage gewesen, über die zu reden sich gelohnt hätte und die entfernt im Vortrag des Politikwissenschaftlers Ludger Kühnhardt anklang: Wozu machen wir uns noch die Mühe, Parlamente zu wählen, wenn wichtige Entwicklungen immerzu an den Parlamenten vorbeilaufen, diese allenfalls noch dazu dienen, das angeblich Unaufhaltsame irgendwie zu regeln, zu bremsen oder zu beschleunigen? Man hätte darüber reden können, aber dann wäre es eine ganz andere Veranstaltung geworden.