Die Stunde Null

Unser Autor weiß noch sehr gut, wie gut mal alles war, damals bei der AEG. Eine Erinnerung. Und eine Hoffnung.

Und wieder macht ein deutsches Traditionsunternehmen dicht, diesmal die Nürnberger AEG, und das geht mir besonders nahe, denn mit der AEG bin ich aufgewachsen. Ich heiße ja nicht nur Nürnberger, sondern bin auch fast einer.

Meine Kindheit und Jugend habe ich in der Kleinstadt Lauf an der Pegnitz verbracht, 20 Kilometer östlich von Nürnberg. Dort arbeitete ich in der Stemag, einem Unternehmen, das von der AEG aufgekauft und später an Rosenthal weiterverkauft wurde, danach an Hoechst, das gibt’s auch nicht mehr, dann an die Metallgesellschaft, die ist ebenfalls verschwunden.

Jetzt gibt es also auch die AEG nicht mehr, und wie immer heißt es: die hohen Löhne! Dagegen sagen die Gewerkschaften: das schlechte Management!

Beide Argumente sind nie ganz falsch, aber meine Erinnerung sagt mir, dass es komplizierter ist. In meiner Erinnerung nämlich ist das Deutschland meiner Jugend ein völlig anderes als das heutige. Ich musste nicht hundert oder tausend Bewerbungen für eine Lehrstelle schreiben. Die Unternehmen bewarben sich um mich. Es gab mehr Arbeitsplätze als Menschen. Wir arbeiteten immer weniger für immer mehr Geld, die Sozialkassen waren trotzdem zum Bersten voll, und auf den Straßen demonstrierte die APO gegen die Ausbeutung der Arbeiterklasse. Etliche derer, die damals Marx-Parolen skandierten, saßen bis vor kurzem in der Regierung und wickelten jenes Erfolgsmodell Deutschland ab, das es nun nicht mehr gibt.

Wie konnte aus so einem kraftstrotzenden Land innerhalb eines Vierteljahrhunderts ein Land werden, das trotz „Du-bist-Deutschland“-Parolen seinen Niedergang nicht mehr aufhalten zu können scheint? Ist es so, wie die Neocons sagen, dass wir jetzt alle wieder länger für weniger Geld arbeiten müssten, eben weil wir es während der siebziger und achtziger Jahre umgekehrt gemacht hatten, und es damals übertrieben?

Auch diese These ist zu primitiv. Für den Wandel vom Wunder- zum Jammerland lassen sich ganz konkrete Stationen und Weggabelungen benennen. Mein eigenes Berufsleben begann an so einer Gabelung. Als ich in jener Stemag in Lauf 1967 eine Lehre als Physiklaborant begann, hat sich dieses innovative mittelständische Unternehmen schon mit der Mikroelektronik beschäftigt. In dem Labor, in dem ich arbeitete, entwickelten wir Halbleiter und Piezokeramik.

Auf diesem ganz neuen Gebiet waren wir damals in Deutschland ziemlich genau auf dem gleichen Stand wie die US-Amerikaner und vermutlich weiter als die Japaner. Aber ab Mitte der siebziger Jahre erkannten die Japaner und Amerikaner das Potenzial dieser Technik und förderten sie mit vielen Milliarden Dollars und Yen. In Deutschland schüttete Helmut Schmidtimmer noch weitere Milliarden und Abermilliarden D-Mark in den Schnellen Brüter von Kalkar.

Die Mikroelektronik war also schon 1967 einem kleinen Unternehmen in der fränkischen Provinz bekannt, nicht aber den Ministerialbürokratien in Bonn. In einer CD-ROM des Ministeriums für Forschung und Technologie, die alle periodischen Publikationen des Ministeriums zwischen 1955 und 1995 dokumentiert, taucht das Wort Mikroelektronik zum ersten Mal Ende 1977 auf, 1978 gar nicht und 1979 zweimal. Von 1980 an häufen sich die Nennungen, sind aber immer noch deutlich seltener als das Wort Kernenergie.

Die Mikroelektronik war in der schwäbischen Provinz bekannt – nur nicht in Bonn.

Anfang der Achtziger sagten einige Vernünftige, dass Deutschland unbedingt in die Mikroelektronik investieren müsse, denn hier handle es sich um eine Basistechnologie, ohne deren Beherrschung wir alles andere, was darauf aufbaut, auch nicht beherrschen würden. Durchgesetzt aber – ich kann mich daran so gut erinnern, weil ich damals bei einer Zeitschrift namens highTech arbeitete und die Entwicklung hautnah mitverfolgte – hatte sich der damalige Vorstandsvorsitzende der Nixdorf AG, Klaus Luft, der behauptete, die Entwicklung dieser Technik sei viel zu teuer, man brauche sie auch gar nicht, denn Chips würden auf dem Markt gehandelt wie Schweinebäuche, man könne sie jederzeit überall kaufen.

Begleitet wurde diese Behauptung von dem Argument der Gewerkschaften, Computer seien Jobkiller; und die sich formierende Bewegung der Grünen malte angesichts der geplanten Volkszählung das Gespenst von „Big Brother“ an die Wand. Der Effekt ist, dass heute Mikroprozessoren, Speicher, Monitore, Festplatten, Grafikkarten, Soundkarten, DVD-ROM-Laufwerke, digitale Kameras, Camcorder und Organizer in Asien und den USA hergestellt werden. Die zugehörige Software wird natürlich auch dort programmiert. Und die Fabriken, Maschinen und Anlagen, die es für die Herstellung mikroelektronischer Produkte braucht, entstehen ebenfalls dort, wo frühzeitig in diese Basistechnologie investiert wurde.

Wir könnten heute schätzungsweise eine Million Arbeitsplätze mehr haben, wenn wir in den siebziger und achtziger Jahren nicht die Mikroelektronik verschlafen hätten. Siemens- und Nixdorf-Manager, Verbandsfunktionäre, Banker und Gewerkschafter haben genauso versagt wie Politiker, Ministerialbürokratien und Politik- und Wirtschaftsberater.

Hätte die technische, wirtschaftliche und politische Intelligenz des 19. Jahrhunderts so gedacht wie jene der siebziger und achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts, wäre eine Industriegesellschaft in Deutschland nicht entstanden. Warum aber wurde die Bedeutung des Mikroprozessors von unseren Eliten nicht erkannt? War es Unfähigkeit?

Manchmal war es nur schlichte, selbstzufriedene Ignoranz oder Arroganz. Sieben Jahre nach Japans Start in die Mikroelektronik – Ende 1983 – hat der damalige Siemens-Aufsichtsratsvorsitzende Bernhard Plettner vor einem Auditorium in Zürich gesagt, Japan sei ein Land, „von dem bisher noch nie eine Basisinnovation ausgegangen ist“. Sein Fazit zum Thema „Lage der europäischen Elektroindustrie“: „In den nächsten zehn Jahren werden sich kaum wesentliche Veränderungen in den (weltweiten) Kräfteverhältnissen einstellen.“ Leute wie Plettner haben die Regierung beraten und großen Einfluss auf das deutsche Wirtschaftsleben ausgeübt.

Plettners Irrtum wurde wenig später bei Siemens erkannt. Das Unternehmen stieg in die Produktion von Speicherchips ein, um im Technologierennen aufzuholen. Aber da mussten schon millionenteure Patente, Lizenzen, Maschinen und Anlagen von den „japanischen Kopisten“ erworben werden. Max Grundig, eine der großen Nachkriegs-Unternehmerpersönlichkeiten meiner fränkischen Heimat, hatte, als man ihm zum ersten Mal ein japanisches Transistorradio zeigte, gefragt, wer so ein quäkendes, rauschendes „Plastikkästla“ kaufen solle? Akio Morita, Gründer des japanischen Elektronikriesen Sony, erzählt in einem seiner Bücher von einer Europareise, die ihn Anfang der achtziger Jahre auch zu Grundig geführt hat. Vornehm und zwischen den Zeilen deutete Morita an, wie wenig Innovatives er damals bei Grundig entdeckte und mit welcher Her-

ablassung man ihm dort begegnete. Als während der siebziger Jahre die Präsenz japanischer Hersteller bei der Frankfurter IAA von Jahr zu Jahr wuchs, sagten die deutschen Autobosse, ja, die Japaner bauen jetzt auch Autos, aber man schaue sich nur das holprige Design, die schlechte Verarbeitung an, und alles sei doch nur von deutschen Autos abgeguckt und schlecht nachgeahmt. Die deutschen Manager wiederholten das so lange, bis die ADAC-Pannenstatistik fast komplett von teuren deutschen Automarken angeführt wurde und Toyota zu jener Marke avancierte, die am seltensten in die Werkstatt muss.

So war es in vielen Branchen, die einst der Marke „Made in Germany“ zu Weltruhm verholfen hatten. Weil es so war, verschwand die Unterhaltungselektronik – TV, HiFi-Verstärker, Plattenspieler, DVD-Player – fast ganz aus Deutschland. Die Optik mit ihren Fotoapparaten und Camcordern ist heute digital und kommt aus Südostasien. Ähnlich verhält es sich mit der Uhrenindustrie, der Motorradindustrie, der Textil-, Leder- und Schmuckindustrie.

Standort-Kaputtredner und Untergangsprediger gibt es in Deutschland genug.

Bei Letzteren – Textil, Leder, Schmuck – waren tatsächlich die hohen deutschen Löhne fast die alleinige Ursache für ihr Verschwinden. Aber eben nur fast. In der Goldschmiedestadt Pforzheim hat von den vielen dort ehemals ansässigen Schmuckherstellern als eine der wenigen die Firma Wellendorf überlebt.

Sie produziert heute höchst erfolgreich Schmuck fürs Edelsegement der ganzen Welt, trotz hoher Löhne, und das wurde möglich, weil die Familie auf die Idee kam, Schmuck mit Hightech-Verfahren herzustellen. In Verbindung mit einem innovativen Design entstand so ein Schmuck, den nur diese Firma herzustellen in der Lage ist.

Es geht also, wenn Unternehmer wirklich Unternehmer sind. Etliche weitere deutsche Mittelständler beweisen täglich: Wer immer hellwach alle für das Unternehmen relevanten Entwicklungen verfolgt und auf Brauchbarkeit prüft, bleibt dran. Auch meiner ehemaligen Lehrfirma Stemag in Lauf geht es wieder gut. Sie fertigt heute unter dem Namen ceramTec jene piezokeramischen Elemente, die eine Hand voll Physiker und Chemiker damals vor fast 40 Jahren in jenem Labor entwickelt hat, in dem ich meine Lehrzeit absolvierte. Heute werden diese Elemente in großer Zahl in der Kraftfahrzeug-Elektronik verwendet.

Zu mehr, etwa zur Entwicklung von Mikroprozessoren, hat es nicht gereicht. Das hätte die Möglichkeiten eines mittelständischen Unternehmens bei weitem überstiegen. Und doch wäre es nicht ausgeschlossen gewesen, wenn die damals führenden Köpfe in Politik und Wirtschaft die Milliarden statt in den Brüter in Mikrochips investiert hätten.

Nicht alles beruht auf Arroganz und Versagen der damaligen Elite. Es hat, wie so vieles in Deutschland, auch und schon wieder mit Adolf Hitler zu tun.

Er hat einen großen Teil der fähigsten Köpfe Deutschlands in die Flucht getrieben, in den Konzentrationslagern ermordet oder in seinem Krieg verheizt. Die Lücke war nach dem Krieg nicht sofort spürbar. Die deutsche Wirtschaft zehrte noch etliche Jahrzehnte von dem Know-how, das vor dem Krieg erarbeitet wurde, und der Wiederaufbau generierte ein solch stürmisches Wachstum, dass es auch ohne Innovationen lange gut ging.

Hitler, den Krieg und seine Folgen können wir nicht ungeschehen machen. Aber eines lässt sich lernen: Die immergleichen Parolen, die wir uns während der vergangenen zwanzig Jahre um die Ohren gehauen haben – mehr Markt oder weniger, mehr Staat oder weniger, eisern sparen oder den Konsum anheizen und so weiter – sind zu grobschlächtig für die Komplexität der tatsächlichen Lage.

Gewiss ist der Markt ein Motor für Innovationen, aber die Mikroelektronik hat nicht der Markt hervorgebracht. In Japan haben der Staat und einige Großbanken aufgrund einer bewussten politischen Entscheidung strategisch in diese Technik investiert, und zugleich über mehrere Jahrzehnte ihre Wirtschaft vor ausländischer Konkurrenz geschützt. In jener Zeit ist Japan zu einer führenden Wirtschaftsmacht aufgestiegen. Später wurde dann der richtige Zeitpunkt für die Marktöffnung verpasst, und Japan hat dafür bezahlen müssen, aber beides stellt den Glauben an den allein selig machenden Markt genauso in Frage wie den Glauben an den Staat. Mal kann das eine nötig sein, mal das andere.

Auch in den USA war es nicht der Markt, sondern der Staat mit seinen milliardenschweren Spritzen für die Rüstungs-, Luft- und Raumfahrtindustrie. Japan und die USA haben also genau jene Industriepolitik betrieben, die von den Predigern der reinen Lehre des Marktes immerzu als Übel gebrandmarkt wird.

Daraus folgt: Europa braucht eine intelligente Industriepolitik. Franz Josef Strauß, Gott hab ihn selig, hat mit dem Bau des Rhein-Main-Donaukanals „das dümmste Projekt seit dem Turmbau zu Babel“ durchgesetzt, wie der Ex-Verkehrsminister Volker Hauff einmal sagte. Aber Strauß hat auch den Bau des „Prestigeprojekts“ Airbus betrieben und ist dafür heftig beschimpft worden. Heute ist der Airbus eine europäische Erfolgsgeschichte. Der Unterschied zwischen beiden Projekten – hier der Airbus, dort der Kanal – markiert den Unterschied zwischen guter und schlechter Industriepolitik.

„Könnte denn eine kräftige Lohnsenkung von zehn Prozent den Export von Industrie-Arbeitsplätzen stoppen?“ fragte Marietta Slomka im heute journal Meinhard Miegel am Tag der Bekanntgabe der bevorstehenden AEG-Werksschließung. Und Miegel antwortete, das könnte helfen, das Tempo des Arbeitsplatz-Exports zu verringern. Aber für eine Trendumkehr reiche es nicht. Dafür sei das Lohngefälle zwischen uns und Osteuropa oder gar Asien einfach zu groß. Wir sollten uns auf einen langfristigen sinkenden Lebensstandard einstellen, sagte Miegel.

Also müssen wir uns auch auf wachsende Armut, soziale Spannungen, Kriminalität, Vandalismus, Alkoholismus und verödende Städte einstellen? Das sagte Miegel nicht mehr, aber wenn er Recht hat, dann bedeutet seine Aussage genau das, und damit wird Miegel selbst zu einem Teil des Problems, dessen Lösung zu sein er vorgibt.

Standort-Kaputtredner und fatalistische Untergangsprediger haben wir in Deutschland genug. Sie schaffen keinen einzigen Arbeitsplatz, allenfalls für sich selbst einen ständigen Sitz in diversen Talkshows. Auch unsere Hauruck-Redner und Verkünder von zwanzig Jahren alten Parolen-Litaneien tragen wenig zur Verbesserung der Lage bei.

Jene aber, die wirklich etwas unternehmen, sieht man im Fernsehen selten oder nie. In jenem fränkischen Städtchen Lauf, in dem ich vor fast 40 Jahren mein Berufsleben begann, hatte die Stemag drei Konkurrenz-Unternehmen: Stettner, Döbrich & Heckel und Sembach. Alle drei gibt es noch. Stettner hat zwar ebenfalls den Besitzer gewechselt und heißt jetzt Saint-Gobain Advanced Ceramics. Aber alle vier zusammen haben sich während der letzten 40 Jahre trotz aller technischen, wirtschaftlichen und politischen Umbrüche auf ihren Märkten behauptet und sind das deutsche Zentrum der Industriekeramik geblieben, das sie seit Beginn des 20. Jahrhunderts waren. Sie beliefern mit ihren Nischenprodukten die ganze Welt.

Die Firma Sembach befindet sich jetzt in vierter Generation im Familienbesitz. „Es ging immer menschlich zu beim Sembach“, sagte meine Mutter, die dort als ungelernte Kraft arbeitete – vielleicht eines der Erfolgsgeheimnisse solcher Unternehmen, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind. Ein anderes Erfolgsgeheimnis brachte Erdmann Sembach auf den Nenner: „Bis die anderen bei ihrer obersten Geschäftsleitung ihren Reiseantrag gestellt haben, sitzen wir schon im Flugzeug zum Kunden.“

Solche Leute sind es, von denen sich etwas lernen lässt. Solche Leute müsste das Fernsehen zeigen. Aber die hätten dafür gar keine Zeit.

 

Christian Nürnberger lebt als Buchautor und Journalist in Mainz. Im Deutschen Taschenbuchverlag erschienen „Die Machtwirtschaft“ (1999) und „Kirche, wo bist du?“ (2000). Sein neues Buch heißt „Die Bibel – was man wirklich wissen muss“ (Rowohlt).

Süddeutsce Zeitung Magazin, 17.12.2005