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Die Krise als Moment der Selbsterkenntnis: Rendite wird gemacht, weil wir alle es wollen – es war unsere eigene Gier, die die Banken befeuert hat

Der Wunderglaube an den Markt ist ein Phänomen, das unseren Autor Christian Nürnberger, 57 , schon lange beschäftigt: Vor mehr als einem Jahrzehnt hat er über den Internet-Hype geschrieben und den Absturz des Neuen Markts im Jahr 2001 vorhergesagt. Für die momentane Finanzkrise macht er nicht nur einige Bankmanager verantwortlich, sondern vor allem die Gier vieler Anleger nach immer Mehr! Mehr! Mehr!
Jemand musste Michel M. betrogen haben. Gestern war er noch wohlhabend, heute ist er fast arm. Hatte diese Zertifikate von Lehman Brothers gekauft und sieht sich nun abermals um sein Grundrecht auf Wohlstand ohne Leistung betrogen, zum dritten Mal schon innerhalb zweier Jahrzehnte.

Michel kennt die Schuldigen: Gierige Pensionsfonds, Bush, den früheren Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan, die Wall Street, die Investmentbanker, die Hypothekenbanker, überhaupt die Banker. Dass zu einem Geschäft immer zwei gehören, die Banker das verkaufen, was »der Markt«, also Michel, verlangt, vergisst er. Beim ersten Mal, als er sich betrogen fühlte – Michel hatte gerade stattlich geerbt, und in Berlin fiel die Mauer -, waren Kohl und Waigel schuld. Diese hatten, beraten von Koryphäen der Wirtschaft mit Harvard-Diplom, Master of Business Administration (MBA), Doktorhut und vielen Ämtern, den Deutschen verkündet, die »Selbstheilungskräfte des Marktes« würden in den neuen Bundesländern einen »sich selbst tragenden Aufschwung« generieren, der »blühende Landschaften« sprießen lasse. Die Kosten der deutschen Einheit werde man »aus der Portokasse bezahlen« können, und jeder, der Geld übrig hat, solle im Osten investieren.

Michel, ein deutscher Mustermann, investierte und sparte Steuern ohne Ende. Dann aber erwiesen sich drei seiner fünf Investments als Schrottimmobilien, in die nie ein Mieter einzog, und die anderen beiden sind zwar vermietet, aber die Einnahmen liegen weit unter den Erwartungen. Es ging Michel trotzdem gut, denn einen Teil seines Erbes hatte er in Aktien angelegt, und die entwickelten sich ordentlich. Michel hätte sich also sagen können: Na gut, ich mache zwar Verluste im Osten, aber die bringen mich nicht um. Ich betrachte das als meinen persönlichen Soli für den armen Ossi, der jetzt billig in meiner Schrottimmobilie wohnt, nicht so viel Glück hatte wie ich und sich müht, seine Miete an mich abzudrücken.

Aber so denkt Michel nicht. Die Erbschaft hatte ihn verändert. Vorher lautete sein Motto: Geld ist nicht alles. Nachher lautete es: Aber viel Geld, das ist was anderes. Michel verbrachte jetzt viel Zeit mit der Lektüre von Börsenblättern, und da traten wieder die Männer mit Harvard-Diplom und Doktorhut in sein Leben. Diesmal kamen sie aus Amerika und verkündeten: Es gibt neue Technologien und diese generieren einen ganz neuen Markt immerwährenden Wachstums. Also investiert, profitiert! Nach Europa kam damals der Messias der Digitalen Revolution, Nicholas Negroponte, diesmal nicht mit Harvard-, sondern mit einem Diplom des renommierten Massachusetts Institute of Technology, erzählte die Geschichte des »Paradigmenwechsels« vom »Atom zum Bit«. Er habe sich schon mal in der neu entstehenden Welt eingerichtet, berichtete er, und benötige nun kein Büro, keine Sekretärin und keinen festen Wohnsitz mehr, weil er mit dem kleinen Gerät in seiner Tasche alles habe, was er brauche, damit er jederzeit an jedem Ort mit jedem kommunizieren und das Wissen der ganzen Welt anzapfen könne. In der Seinsform des digitalen Nomaden liege die Zukunft des Menschen. Michel war beeindruckt, rückte sein Geld heraus, und tatsächlich: Es wurde mehr. Es kam ihm nicht merkwürdig vor, dass grottige Internetklitschen, betrieben von ein paar Studenten mit großartigen Storys und noch großartigeren Verlusten an der Börse plötzlich mehr wert waren als damals General Motors. So sei das eben in der New Economy, sagten die Männer mit Ämtern und Titeln, deshalb spreche man ja von einem Neuen Markt, weil auf ihm die Gesetze des alten Marktes außer Kraft gesetzt sind.

Und wirklich eilten Michels Aktien von Höchststand zu Höchststand. Ein Jahr noch, dachte sich der 38-Jährige, vielleicht noch anderthalb, dann hocke ich auf so viel Geld, dass ich nie mehr arbeiten muss. Als das Jahr rum war, hockte er auf neuen Schulden. Kurz vor dem Crash hatte er, um ganz schnell ganz reich zu werden, Aktien und Optionsscheine auf Kredit gekauft. Dann war alles weg. Glücklicherweise besaß er noch ein paar gut vermietete West-Immobilien, spießige Festverzinsliche und einen Packen Langweiler-Aktien aus der Old Economy. Die retteten ihn. Getröstet hat ihn das nicht. Er fühlte sich als Opfer übler Machenschaften und versuchte jetzt verbissen, das verlorene Geld wieder hereinzuholen. Und hatte Glück. Die Herren mit dem MBA waren kreativ. Hedgefonds, Private Equity, Leerverkäufe, Derivate, immer neue Finanzinstrumente mit großer Hebelwirkung führten zu wundersamen Renditen von 20, 25 und 30 Prozent. Unternehmen wie Porsche betätigten sich als Zocker an der Börse und verdienten damit mehr als mit dem Verkauf ihrer Produkte.

 

Regelmäßig fährt Michel mit seinem Geländewagen zu Aldi und Lidl. Noch nie hat er einen Gedanken daran verschwendet, was die Beschäftigten dort eigentlich verdienen. Er hält es vielmehr für Fortschritt, dass er jetzt auch sonntags shoppen kann

 

Michel hätte dazu viele Fragen stellen können. Aber er hatte nur eine einzige: Wie kann ich an diesen Traumrenditen partizipieren? Und er partizipierte. Alles wurde wieder gut, nur hat Michel bis heute nicht bemerkt, wie sehr er sich verändert hatte in den letzten zwanzig Jahren, und auch sein Land war ein anderes. Dass die meisten Arbeitnehmer heute immer länger für immer weniger Geld arbeiten müssen, interessiert ihn nicht. Einkommen aus Arbeit doppelt so hoch zu besteuern wie leistungslos erworbenes Einkommen aus Kapital, findet er okay. Wo immer er kann, schleust er sein Geld am Staat vorbei, der davon ja doch nur die »Sozial-schmarotzer« durchfüttert. Fern liegt ihm der nahe liegende Gedanke, dass die da unten nur nachahmen, was ihnen die da oben oder Leute wie Michel vormachen. Arbeitslose, das Prekariat, die Generation Praktikum, das sich Durchwursteln von Zeitvertrag zu Zeitvertrag, die steigenden Kosten für Miete, Strom, Gas, die ungesicherte Altersversorgung – das ist das Leben der anderen, nicht seines. Regelmäßig fährt er mit seinem Geländewagen zu Aldi und Lidl, und noch nie hat er auch nur einen Gedanken an die Frage verschwendet, wie es eigentlich den Beschäftigten von Aldi und Lidl geht, was sie verdienen, wie sie leben, wie sie ihre Kinder erziehen. Er hält es für einen Fortschritt, dass jetzt immer öfter auch sonntags geht, was bisher nur von Montag bis Samstag ging: Shoppen. Man könne das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, sagt er seinem Freund, dem Sozialdemokraten, der etwas nostalgisch auf die Siebzigerjahre zurückblickt, in denen Arbeiter Lohnerhöhungen von zwölf Prozent durchdrückten, mehr Freizeit und mehr soziale Sicherheit erstreikten, sonntags Ruhe herrschte, und die Sozialkassen trotzdem prall gefüllt waren. Damals war es Konsens, dass alle von der Ernte profitieren sollten, der Unternehmer durch Gewinne, der Arbeitnehmer durch Löhne und soziale Sicherheit und der Staat durch sprudelnde Steuern. Man nannte es Soziale Marktwirtschaft oder auch Rheinischen Kapitalismus. Dann wurde der Shareholder Value erfunden, was so viel bedeutete, wie: alles für den Aktionär und für die anderen nichts mehr. Seitdem geht dem Staat und den anderen auf geheimnisvolle Weise das Geld aus, man nennt es angelsächsischen Kapitalismus, und den Sonntag gibt es auch nicht mehr. Eingeführt hatte man ihn mal vor rund 3000 Jahren. Man kann also das Rad der Geschichte nicht mehr in die Siebzigerjahre zurückdrehen, aber zurück in die Barbarei, das geht. Michel interessiert das nicht besonders. Fortschritt ist für ihn, wenn er nach 25 Prozent Rendite auf 30 kommt. Nie fragt er, auf welch krummen Menschenrücken in asiatischen Galeeren solche Renditen zustande kommen, wie jung die Kinderhände sind, die Michels Reibach erarbeiten, wie viel Umwelt durch das globale Produzieren und Schachern um den letzten Cent verbraucht wird, wie viel krankmachender Druck auf Mitarbeiter ausgeübt wird, um die kurzfristigen, von Aktionären gesetzten Ziele zu erreichen, und wie teuer uns die Geiz-ist-geil-Mentalität zu stehen kommt. Unvorstellbare Summen an Geld kreisen täglich um den Erdball, aber niemals bleibt es dort hängen, wo es am dringendsten gebraucht würde. Aber wenn irgendwo ein sinnloser Krieg zu führen ist oder sich mal wieder eine Spekulationsblase bildet, dann finden sich die Billionen auf geheimnisvolle Weise ein. Heerscharen von bestens ausgebildeten Akademikern wurden während der letzten zwanzig Jahre dafür eingespannt, die Reichen noch reicher zu machen. Von ihrer geballten Kreativität blieb nichts für die Lösung der Frage, wie die Armut abzuschaffen sei. Was ökonomisch ist, ist vernünftig, denkt Michel, und merkt nicht, dass jedes vernünftige Prinzip in Absurdität und Wahnsinn mündet, wenn es verabsolutiert und von keinem konkurrierenden Prinzip mehr – wie etwa Demokratie oder soziale Gerechtigkeit – in Schach gehalten wird. Zwar schimpft er immerzu auf »die da oben«, aber nicht, weil deren Horizont an den jeweils nächsten Quartalszahlen endet, sondern weil sie sich auf seine, Michels, Kosten bereichern – wie jetzt wieder in der Finanzkrise, in der Michel diesmal außer viel Geld auch seinen Job verloren hat. Für sein Schicksal ist er mindestens so verantwortlich wie jene Herren mit den Titeln und Ämtern, die sich soeben wieder zurückgemeldet haben, um zu verkünden: Niemand ist schuld. Ein Systemfehler. Sicher, eine Krise. Krisen sind normal im Kapitalismus. Dass jetzt Banken nach dem Staat rufen, Opel Staatsknete braucht, um endlich die innovativen Autos zu bauen, die mit eigenem Geld zu bauen zwanzig Jahre lang versäumt wurde, das erscheint diesen Herren nicht etwa als kafkaesk, nein, das geben sie als normal aus, als gut: Seien wir doch froh, dass diese Blase endlich geplatzt ist.

»Der ganze Druck ist plötzlich raus«, sagt Matthias Horx, auch einer dieser Männer mit so Ämtern und Titeln wie »Trend Consultant«, »Future Speaker«, »Trend- und Zukunftsforscher«. Horx hat noch mehr Valium parat: »Wenn sich die eigenen Karrierepläne in heiße Luft auflösen, entspannt man sich . das ganze Buckeln und Anstrengen, das ist jetzt weg.« Da kann man befreit aufatmen und wieder nach vorn blicken. Auf den Abschwung folgt der Aufschwung. Nein, es ist keine Finanzkrise, was wir gerade erleben. Es ist nur das neueste und bisher gefährlichste Symptom einer seit zwanzig Jahren grassierenden Geisteskrankheit, und die Träger und Verbreiter des Virus sind Menschen mit Harvard-Diplom, MBA und Doktorhut. Besonders anfällig für das Virus sind Leute wie Michel M.

Süddeutsche Zeitung Magazin, 05.12.2008