Mutige Menschen für Frieden, Freiheit und Menschenrechte

Interview mit Christian Nürnberger

Sehr geehrter Herr Nürnberger, sind Sie ein mutiger Mensch?

Das kann ich nicht sagen, und dass ich das nicht kann, ist vielleicht das Beste an meinem Leben. Bert Brecht hat mal gesagt: Glücklich das Land, das keine Helden nötig hat. Ich lebe seit meiner Geburt in solch einem glücklichen Land. Ich wurde nie vor die Entscheidung gestellt, Hitlerjugend oder nicht, NS-Mitgliedschaft oder nicht, Jugendweihe oder Konfirmation, Stasi-Mitarbeit oder nicht – dafür bin ich unendlich dankbar, denn ich weiß nicht, wie ich mich in jungen Jahren entschieden hätte, wenn ich einer dieser Versuchungen ausgesetzt gewesen wäre. Ich habe mich im Verdacht, bei der Hitlerei oder der Stasi-Spitzelei mitgemacht zu haben, denn ich hatte noch keinen gefestigten Charakter als junger Mann. Insofern hatte ich einfach das Glück, zu einer günstigen Zeit an einem günstigen Ort in einem Land geboren zu werden, in dem Zivilcourage und so etwas wie Alltagsmut genügen. Daher dürfte die mutigste Entscheidung meines Lebens darin bestanden haben, vor 18 Jahren meine sichere, gut bezahlte Festanstellung aufgegeben zu haben, um zwei Kinder großzuziehen und mich als freier Autor durchzuschlagen. Und ich habe einigen Angeboten widerstanden, die finanziell lukrativ gewesen wären, mich aber gehindert hätten, jederzeit frei meine Meinung zu veröffentlichen. Aber dazu gehörte nicht viel Mut.

In Ihrem Buch stellen Sie 12 mutige Menschen in Porträts vor. Wie haben Sie die Auswahl getroffen?

Es sollten Tote und Lebende sein, Frauen und Männer, Bekannte und weniger Bekannte, und deren Mut sollte der Freiheit, der Emanzipation, dem Frieden und den Menschenrechten gedient haben. Davon ausgenommen waren die Widerständler im Dritten Reich, denen ein eigenes Buch gewidmet werden soll.

Freiheit ist ja ein sehr subjektiver bzw. kulturell definierter Begriff. Für manche Menschen ist das islamische Kopftuch ein Symbol für die Unterdrückung der Frau. Für andere einfach ein Ausdruck ihrer Religion. Wer entscheidet, welche Freiheit die richtige ist?

Im Buch entscheide ich, was Freiheit ist, und dazu können sich dann die Leser verhalten, wie sie wollen. Sie sind frei, meine Entscheidung zu teilen oder abzulehnen. In der Öffentlichkeit dagegen haben wir eine schwierige, komplizierte Diskussion über die Freiheit zu führen, und wie komplex das ist, sehen wir am Beispiel jenes einfachen Fetzen Tuches, das eine wachsende Zahl muslimischer Frauen auf dem Kopf trägt. Manche verstehen nicht, wie man sich über so ein Stück Stoff so aufregen kann. Sie sagen, es komme nicht darauf an, was eine Frau auf, sondern im Kopf hat, das Kopftuch sei sowieso Privatsache, und wenn damit eine Meinung verbunden sein sollte, gelte die Meinungsfreiheit, und dabei kommen sich diese Leute dann sehr tolerant, aufgeklärt, liberal, vernünftig und kosmopolitisch vor. Tatsächlich ist es so ziemlich die dümmste Art, mit dem Kopftuch umzugehen. Nach dieser Geisteshaltung könnten Lehrer und Lehrerinnen nackig, in SA-Uniform, als Dominas, als Fidel Castro oder im Ku-Klux-Klan-Outfit unterrichten und immerzu behaupten, ihr Outfit sei privat, gehe niemanden was an, und im übrigen komme es nicht auf solche Äußerlichkeiten an, sondern auf ihre inneren Werte, und außerdem herrsche ja Meinungsfreiheit, weshalb es jedermann erlaubt sein müsse, seine Sympathien durch gewisse Accessoires in seiner Kleidung zum Ausdruck zu bringen. Mit solch einem Unsinn braucht man sich nicht lange auseinanderzusetzen. Schwieriger wird es für viele bei der Frage, was das islamische Kopf ausdrückt? Einfach nur ein Bekenntnis zu einer angesehenen Weltreligion? Oder doch mehr die Unterdrückung der Frau? Oder ist es einfach nur ein von Musliminnen gern getragenes modisches Accessoir? Oder Ausdruck einer Trotzhaltung nach dem Motto: Je abfälliger ihr Westmenschen unser Kopftuch und unseren Glauben und unsere ganze Kultur betrachtet, desto stolzer tragen wir das Tuch.
Wir wissen nicht, wie frei die Entscheidung, das Tuch zu tragen, wirklich ist. Viele derer, die vorgeben, es aus freien Stücken zu tragen, tragen es vielleicht nur, weil sie insgeheim wissen, dass sie sich Ärger mit ihrer Familie einhandeln, wenn sie‘s nicht tragen. Diese paar Überlegungen zeigen schon, wie kompliziert es ist. Trotzdem stellt sich die Sache für mich jenseits solcher Fragen wieder sehr einfach dar. Für mich ist das Kopftuch Ausdruck und Bekenntnis zu einer Religion und zugleich ein Symbol der Unterdrückung, weil die ganze Religion unterdrückerisch ist. Es sind zwei Seiten derselben Medaille. Ich bekenne, dass mir der Islam der gegenwärtigen islamischen Wortführer so unsympathisch ist wie der Katholizismus der mittelalterlichen Päpste, wie der religiöse Nationalismus serbischer und russischer orthodoxer Popen heute und wie die fundamentalistischen Spielarten jüdischer und christlicher Sektierer, die allenthalben ihr Unwesen treiben. Religion kann ich nur akzeptieren, wenn sie durch das Stahlbad der Aufklärung gegangen ist. Für Religionen, die dieses Bad scheuen, gilt, was schon Karl Marx gesagt hat: Sie sind Opium fürs Volk, Gift für die Menschen.

Mit jedem Porträt tauchen Sie in eine andere Zeit, in ein anderes Land, in neue Verhältnisse ein. Woher nehmen Sie Ihr Faktenwissen?

Aus Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, Lexika und dem Internet.

Haben Sie mit den noch im Freiheitskampf begriffenen mutigen Menschen, die Sie porträtieren, persönlich gesprochen?

Nein. Ich will denen nicht die Zeit stehlen. Persönliche Gespräche sind für dieses Buch gar nicht nötig. Es geht ja nicht um Aktuelles, sondern um das Grundlegende der Persönlichkeit, der Botschaft , der biografischen Daten der Porträtierten und um die Zeit, in der sie wirkten oder wirken. Daher sah ich meine Aufgabe eher darin, das bereits Vorhandene, also das an vielen verstreuten Stellen vielfältig Gedruckte und Gesendete, zu verdichten und es neu, verständlich, möglichst kurz und möglichst auch spannend und unterhaltsam zu erzählen.

In Ihren Porträts versuchen Sie dem besonderen Erlebnis, dem einen Moment auf die Spur zu kommen, in dem die Entscheidung für den Freiheitskampf gefallen ist. Gibt es da biographische Parallelen?

Meistens eher nicht, manchmal aber doch, und dann ist die Parallele verblüffend. Bei Ayaan Hirsi Ali beispielsweise ist es die drohende Zwangsverheiratung, die sie abhauen lässt und ihrem ganzen Leben eine andere Richtung gibt. Derselbe Auslöser war aber zu einer ganz anderen Zeit auch bei einem Mann am Werk: bei Nelson Mandela. Auch er haut ab, als er verheiratet werden soll, und er wäre vermutlich nie der Freiheitskämpfer geworden, der er wurde, wenn er sich damals seinem Schicksal ergeben hätte. Ein bisschen habe ich auch Martin Luther im Verdacht, dass sein Eintritt ins Kloster nicht nur der heiligen Anna geschuldet war, der er nach dem berühmten Blitzschlag gelobt hat, ins Kloster zu gehen, wenn sie ihn heil aus diesem Gewitter herausbringt. Luther war zuvor bei seinen Eltern und hat bei dieser Gelegenheit erfahren, dass sein Vater eine Frau für ihn ausgesucht hatte. Er hat nie etwas darüber gesagt, inwieweit das für seine Klosterentscheidung eine Rolle spielte, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die Sache zumindest unbewusst sehr zur Mönchwerdung Luthers beigetragen hat.

Welche Rolle spielen andererseits die äußeren Umstände für den Erfolg eines Freiheitskampfes?

Eine größere, als man gemeinhin denkt. Unser Problem ist, dass nur die wenigen erfolgreichen Freiheitskämpfer in unserem Gedächtnis präsent sind. Von den vielen Gescheiterten wissen nur die Historiker etwas. Weil wir normalen Menschen nur die Erfolgreichen kennen, unterschätzen wir die Bedingungen des Erfolgs. Tatsächlich aber musste viel zusammenkommen, damit beispielsweise ein Nobody namens Martin Luther, ein kleiner unbedeutender Mönch aus der deutschen Provinz, die damalige Supermacht in Gestalt der römischen Kirche zum Beben bringen und zum Reformator, Kirchenspalter und Wegbereiter der Moderne werden konnte. Ohne die Gutenbergsche Erfindung des Buchdrucks wäre es nichts geworden aus der Reformation. Aber auch Gutenberg allein hätte wohl kaum genügt, um das historische Ereignis Wirklichkeit werden zu lassen. Auch Kopernikus war nötig, denn er säte mit seiner begründeten Vermutung, dass die Welt keine Scheibe sei, sondern eine Kugel, und dass sie nicht im Mittelpunkt des Alls stehe, sondern sich um die Sonne drehe, Zweifel an der kirchlichen Anmaßung, im Besitz der allein gültigen allumfassenden Wahrheit zu sein. Albrecht Dürer trug mit seinen Selbstporträts und Bildnissen normaler Bürger auf schwer fassbare Weise zu einer beginnenden Individualisierung bei, zur Entdeckung des Individuums und zu einem Geist, der sich von der Kirche emanzipierte. Hinzu kamen die beständigen Konflikte der deutschen Fürsten und Kurfürsten mit den Päpsten und Kaisern. Luther nützte ihnen, um sich von Kirche und Kaiser unabhängiger zu machen, und dort, wo ein Landesherr zum Protestantismus übertrat, wurde dieser über Nacht reich, denn die kirchlichen Güter fielen in seinen Besitz. Daran mag man erkennen: Es bedarf einer bestimmten Großwetterlage, einer günstigen, meist unsichtbaren Konstellation aus geschichtlichen Zuständen, gesellschaftlichen Verhältnissen, geistigen Strömungen und politischen und wirtschaftlichen Interessen, damit ein Freiheitskampf gelingt. Wir sehen zumeist nur den einsamen Kämpfer auf der Spitze des Eisbergs. Worauf er ruht, sehen wir nicht.
Bei Gandhi übersieht man gerne, dass der Zweite Weltkrieg ihm sehr geholfen hat. Dieser Krieg hat England viel Kraft gekostet, enorme Kräfte gebunden und Ressourcen verschlissen. Ohne diesen Krieg hätte es Gandhi sehr viel schwerer gehabt, gegen England zu bestehen. Und bei Rosa Parks sehen wir nur, dass sie eines Tages im Bus einfach sitzen blieb und sich weigerte, ihren Platz für einen Weißen zu räumen. Was wir nicht sehen, ist: Rosa Parks war zu dem Zeitpunkt bereits seit zwölf Jahren Mitglied einer gewerkschaftsähnlichen Vereinigung von schwarzen Bürgerrechtlern. Ihrem einsamen Widerstandsakt im Bus sind zwölf Jahre Bewusstseinsbildung vorausgegangen. Und dieses Bewusstsein entstand aus Gesprächen mit Personen und aus der Lektüre von Schriften, von denen wir heute nichts mehr wissen, die aber auch das Bewusstsein vieler anderer Schwarzer geprägt haben. Als Rosa Parks dann sitzen blieb, war die Zeit reif, dass sich die vielen einzelnen Bewusstseinsgebildeten zu einem Kollektivbewusstsein formierten, und in diesem Moment hatten sie die Kraft zu einem 381 Tage währenden Busboykott, aus dem wiederum allen schwarzen Menschen im ganzen Land die Kraft zum gemeinsamen und organisierten Handeln zuwuchs.

So eine Versammlung von mutigen Menschen kann auch entmutigend wirken – oder sind diese beeindruckenden Persönlichkeiten „auch nur Menschen“?

Ja, sie sind auch nur Menschen, haben Fehler und Schwächen wie du und ich, und richtig Schiss haben sie auch. Mahatma Gandhi sagte über sich: Ich war ein Feigling. Ich wurde geplagt von der Angst vor Dieben, Geistern und Schlangen. Ich traute mich nachts nicht vor die Tür. Dunkelheit war ein Horror für mich. Es war für mich fast unmöglich, im Dunklen zu schlafen, weil ich mir vorstellte, wie Geister aus der einen Richtung kamen, Diebe aus einer anderen und Schlangen aus der dritten.
Aber das ist es ja gerade, weshalb wir so einen zurecht als mutigen Menschen bezeichnen. Irgendwann im Leben ist es diesem Gandhi möglich geworden, seine Angst zu überwinden, und in dieser Überwindung steckt der Mut. Wer nichts überwinden und bezwingen muss, braucht auch keinen Mut. Im übrigen gilt: Ohne die anderen ist ein einzelner Mutiger, und sei er auch todesmutig, gar nichts. Er braucht viele Mitstreiter, die allesamt mehr oder weniger mutig mit ihm gehen müssen, und er braucht jeden Einzelnen, den kleinen, wie Espenlaub zitternden Feigling genauso wie den unerschrockenen Haudrauf. Jede Art und jede Größe von Mut wird gebraucht, und es gibt nichts Besseres und Schöneres für einen Freiheitskampf als einen zitternden Feigling, der seine Angst überwindet und anderen dadurch ein Beispiel gibt.

Warum ist es so schwierig, mutig zu sein? Oder: Wann ist es vernünftig mutig zu sein? Mutig sein um jeden Preis?

Es ist deshalb so schwierig, weil der Mutige sich Nachteile einhandelt. Im harmlosesten Fall macht der Mutige sich einfach nur unbeliebt, handelt sich Sympathieverlust ein und Konflikte mit der Familie und vielleicht mit Freunden, Bekannten, Kollegen und der eigenen Zunft. Im schwereren Fall bringt der Mut berufliche und ökonomische Nachteile mit sich, den Verlust von Sicherheit, vielleicht auch die Trennung vom Lebenspartner oder der ganzen Familie. Und im schwersten Fall ist die gesamte Existenz bedroht, die Gesundheit, das Leben, der Verlust von Hab und Gut. Angesichts dieser Tatsache, überlegt sich jeder genau, wie weit er eigentlich gehen müsste und wie weit er tatsächlich zu gehen bereit ist. Weil man nie wissen kann, ob Mut sich auszahlt oder nur kostet und alles gefährdet, darum ist er so selten. Und darum sollten wir jene, die Mut bewiesen haben, umso fester verehren, je feiger wir selber sind. Und wir sollten wenigstens den Mut haben, vor uns und allen anderen einzugestehen, dass wir feige sind oder feige gewesen waren – was ja auch nicht selbstverständlich ist. Nach dem Fall der Mauer haben wir erlebt, dass die Bürgerrechtler, die sich gegen das DDR-Regime zur Wehr gesetzt hatten, von den Mitläufern nicht verehrt, sondern denunziert und beschimpft worden sind, vermutlich, weil sie den lebenden Beweis für das eigene Versagen darstellten. Auch nach dem Untergang des Hitler-Reiches war es so. Deutschland hatte lange gebraucht, um sich seiner Widerstandskämpfer zu erinnern, und in Amt und Würden sind schon bald jene wieder gekommen, die mitgemacht hatten bei der Hitlerei.

In Bezug auf die Emanzipation der Frau sehen Sie den Islamismus als eine neue Gefahr. Wo bleibt in dieser Diskussion beispielsweise der Katholizismus?

Es ist wahr: Der Papst will Frauen nicht ins Priesteramt lassen, und auch sonst hat die katholische Kirche ein Frauenproblem, wenn man an Pille, Kondome und Abtreibung denkt. Und manche Bischöfe sehen in der Berufstätigkeit und Emanzipation der Frau die Wurzel alles Bösen. Aber davon abgesehen würde ich, wenn ich eine Frau und gezwungen wäre, mich zwischen Katholizismus und Islam zu entscheiden, mich ohne nachzudenken tausendmal lieber für den Papst entscheiden als für irgendeinen Imam oder Ayatollah. Bei aller Kritik, die man aus weiblicher Sicht und auch sonst gegen die katholische Kirche vorbringen kann, ist sie heute im Vergleich zum Islam ein Ausbund an aufgeklärter Weisheit und Güte und Vernunft. Auch die katholische Kirche wird verunglimpft, karikiert, beschimpft, kritisiert und gehasst, aber man hat in den letzten 150 Jahren nicht mehr gehört, dass ein Papst oder Bischof öffentlich dazu aufgerufen hätte, einen Spötter, Kritiker oder Ketzer zu verbrennen oder zu ermorden. Und wenn heilige Werte der Katholiken irgendwo öffentlich in den Schmutz gezogen werden, werden keine Fahnen verbrannt, Botschaften gestürmt und Bomben gezündet, sondern die Kirche belässt es bei einem ruhig vorgebrachten Protest oder ignoriert die Sache ganz. Und wenn heute irgendwo in Deutschland eine Moschee gebaut werden soll, gehören meist Christen und Amtsträger beider Konfessionen zu den Befürwortern des Baus. Dass sich Muslime in muslimischen Ländern für den Bau von Kirchen eingesetzt hätten, habe ich dagegen noch nicht gehört. Man hört eher von Verfolgungen, Morden und Massakern an Christen. Und, um noch einmal auf das Frauenthema zu kommen: Man kann heute ohne Probleme katholische Christin sein und zugleich ein selbstbestimmtes, emanzipiertes Leben führen. Wo in der Welt können Muslimas ein von Männern unabhängiges Leben führen?

Das Geheimnis des erfolgreichen gewaltlosen Widerstands scheint Ihnen besonders am Herzen zu liegen. Worin besteht es?

Nun ja,eigentlich ist es kein Geheimnis. Gewaltloser Widerstand funktioniert nur in Demokratien, nicht in Diktaturen. Gewaltloser Widerstand ist auf Öffentlichkeit angewiesen, auf Medien, die darüber berichten, wie wehrlose Demonstranten von Polizei und Militär niedergeknüppelt werden. Das verschafft den Niedergeknüppelten einen Sympathievorteil, das führt zu öffentlicher Diskussion, zu öffentlichem Druck, zu öffentlicher Verurteilung, und das zwingt die Verantwortlichen zur Rechenschaft und meistens auch, früher oder später, zu einer Kursänderung. Aber aus Diktaturen, aus Putins „gelenkter Demokratur“ oder dem chinesischen Staatskapitalismus erfahren wir nichts, gibt es keine Bilder von gewaltfreien Protestaktionen, keine Knüppelszenen, keine Beweise, wie sich der Staat ins Unrecht setzt. Darum können Diktaturen kaum ohne Gewaltanwendung gestürzt werden. Umso schöner ist es, wenn es doch einmal gelingt, wie zum Beispiel in Deutschland und in Osteuropa nach dem Fall der Mauer – Gorbatschow sei für immer Dank.

Welches sind die aktuellen Kämpfe, für die es mutige Menschen braucht? Oder sind wir so „frei“, dass es nichts mehr gibt, wofür es sich zu kämpfen lohnt?

Oh nein, die Zahl der nötigen Kampfhandlungen ist zur Zeit wieder sehr im Steigen begriffen, aber die Sache differenziert sich, wird diffuser und schwieriger, und zugleich gibt es aber weiterhin die „klassischen Schlachtfelder“ – in Russland, Tschetschenien, Tibet, in vielen afrikanischen Staaten. Aber auch im sogenannten freien Westen müssen wir aufpassen, und das ist weit schwieriger, weil die Gefahren abstrakt und schwer zu fassen und nicht auf ein paar Bösewichter zu beschränken sind. Die USA haben gerade mit Arroganz, Lüge, Folter und Verstößen gegen die Menschenrechte in einem schrecklichen Krieg jene Werte zerstört, die durch den Krieg verteidigt werden sollten. Und haben damit für lange Zeit ihre moralische Glaubwürdigkeit verspielt. In der EU haben wir ein Demokratiedefizit, weil von niemand gewählte Brüsseler Bürokraten immer häufiger in die einzelnen Länder hineinregieren. In Italien ist es noch immer lebensgefährlich, gegen die Mafia zu kämpfen, und abermals droht mit Silvio Berlusconi dank seiner Medienmacht ein Politiker ins höchste Staatsamt gewählt zu werden, der den Staat als seine private Beute betrachtet und sich ungeniert bedient. In Osteuropa sehen wir, dass regelmäßig Politiker gewählt werden, die entweder unfähig oder korrupt oder beides sind. Und über alles wölbt sich der Trend, die westliche Wertegemeinschaft in eine Wertpapiergesellschaft zu transformieren, in der nur noch gemacht wird, was sich rechnet. Wie in einer Kriegswirtschaft wird in den einzelnen nationalen Volkswirtschaften alles dem einen Ziel der internationalen Wettbewerbsfähigkeit untergeordnet, und dabei bleiben die westlichen Werte – Freiheit, Gleichheit, Solidarität, soziale Sicherheit, Chancengerechtigkeit, Schutz der Schwachen, Bildung, gerechter Lohn, Arbeit für alle usw. – auf der Strecke. Westliche Finanzleute, die angeblich was von Geld verstehen, haben uns gerade eine Hypothekenkrise beschert, deren Kosten auf eine Billion Dollar geschätzt werden. Die Kosten des Irakkriegs werden auf drei Billionen Dollar geschätzt, macht vier Billionen. Man hätte mit dem Geld die Armut in der Welt beseitigen können. Aber für dieses Ziel wäre das Geld nie geflossen, weil irgend etwas im Westen von Grund auf falsch konstruiert ist. Das herauszufinden und zu ändern ist eine der größten Herausforderungen der Zukunft. Auch die Medien funktionieren unter der Herrschaft des Shareholder-value und der Renditemaximierung nicht mehr richtig. Statt aufzuklären und zu informieren und den Herrschenden auf die Finger zu sehen, lullen sie ihr Publikum ein mit Seichtem, Belanglosem, Überflüssigem und einer Überdosis Krimi, Krebs und Koitus. Gegen diese diffusen, demokratiezerstörenden Kräfte hilft kein klassischer Freiheitskampf und kein klassischer Einzelkämpfer mehr, da braucht es neue Formen des Widerstands, und das werden vermutlich Netzwerke und Organisationen neuer Art sein, wie sie als Vorformen mit Greenpeace und Attaq schon vorhanden sind.

Der Generation der heutigen Jugendlichen wird oft vorgeworfen, dass sie sich nicht mehr genügend politisch engagiert und nur noch für ihre ganz persönlichen Interessen kämpft. Jugendbewegungen wie beispielsweise die 68er, die ja die ganze Gesellschaft verändern wollten, gibt es heute nicht mehr. Bedauern oder bemängeln Sie dies?

Natürlich bedauere ich das, aber man kann den Jugendlichen daraus keinen Vorwurf machen. Die Schuld müssen wir bei uns suchen. Wir sind es, die es zugelassen haben, dass sich unsere Kinder und Jugendlichen heute fest in den Händen von VIVA und MTV und der Pop-, Konsum- und Markenindustrie befinden. Wir kaufen ihnen die iPods, mit denen sie sich die Ohren zustopfen. Wir bestücken ihre Kinderzimmer mit Computer, Fernseher und Videospielkonsole, vor denen sie vereinsamen und verstummen. Wir lassen zu, dass die Etats für öffentliche Bibliotheken schrumpfen und schrumpfen. Wir sehen tatenlos zu, wie Jugendclubs, Sozialarbeiterstellen, Jugenbildungsstätten und Kulturzentren geschlossen werden. Wir haben aufgehört, ihnen abends am Bett vorzulesen. Und wir nehmen widerspruchslos hin, dass unsere Arbeitgeber uns immer länger in ihren Büros festhalten, damit wir wacker mithalten im Rattenrennen des globalen Kapitalismus. Da bleibt keine Zeit mehr fürs Familienleben, keine Zeit mehr für längere Gespräche mit den Kindern. Woher soll dann ihr Engagement kommen? Woher sollen sie wissen, wofür zu engagieren sich lohnt oder nötig wäre? Meine Generation der jetzt bald Sechzigjährigen lebt innerlich schon im Vorruhestand und plant das Häuschen auf Mallorca. Ich würde ihnen am liebsten zurufen: Hiergeblieben. Ihr habt hier noch einiges zu erledigen, Versäumtes nachzuholen, Fehler zu korrigieren und ein paar Dinge wiedergutzumachen.

Der zweite Band, der sich mit mutigen Menschen beschäftigt, ist ganz den Widerstandskämpfern der NS-Zeit gewidmet. Welche persönliche Bedeutung hat dieses Thema für Sie?

Ich hätte gern zu meinem Land und zu der Geschichte unseres Landes ein so unverkrampftes Verhältnis wie es die Franzosen oder Briten haben. Das geht leider nicht, eben wegen unserer Geschichte. Ich hätte gern, dass uns Briten, Franzosen, Italiener so lieben wie wir sie. Aber ich kann verstehen, dass sie das nicht können.
Noch heute gelingt es mir nicht, einem Juden – gleich welchen Alters – unbefangen zu begegnen. Wenn es dazu kommt, muss ich mich zwingen, nicht gleich damit herauszuplatzen, dass meine Eltern leider keine Juden versteckt, aber zum Glück auch keinen an die Nazis ausgeliefert und sich auch nicht an jüdischem Eigentum vergriffen haben, dass sie zwar Mitläufer waren, zugleich aber kleine Leute ohne Macht, deren größtes Vergehen in ihrem Schweigen bestanden hat. Und dass ich mich dafür schäme.
An diesen zwei Absätzen mag man erkennen, welche Bedeutung dieses Thema für mich und eigentlich für jeden Deutschen hat. Es gehört zu jenen wenigen Themen, mit denen man nie fertig wird, die einen immer wieder beschäftigen, ja fast heimsuchen, belästigen und einen daran hindern, ein unbeschwertes Leben zu führen. Man ist Angehöriger eines „Tätervolks“. Es ist, als ob man in einem kleinen Dorf lebt, in dem die eigenen Eltern einige Nachbarfamilien ermordet haben, und ein paar Verwandte der Ermordeten und deren Nachkommen leben weiterhin in diesem Dorf. Man ist für die Tat seiner Eltern nicht verantwortlich, aber allein durch das Leben in Nachbarschaft mit den Nachkommen der Ermordeten wird man täglich mit dem Geschehenen konfrontiert. Es gibt einen Tatort. Es gibt die Mord-Instrumente. Es gibt Gräber. Es gibt Berichte über den Tathergang, es gibt noch ein paar offene Fragen, und es gibt die Nachkommen der Opfer, die auf die Antworten warten, die uns genau beobachten und uns wenig Vertrauen entgegenbringen, um so weniger, je weniger wir von der Vergangenheit wissen wollen. Je weniger wir wissen wollen, desto heftiger erinnern uns die Nachkommen der Ermordeten daran, was unsere Eltern deren Eltern angetan haben.
Das ist eine Last, derer man sich gern entledigen würde. Eine Last, bei der man sich fragt, wie lange wir sie noch tragen müssen. Ich kann das, was man als „Schlussstrich-Mentalität“ bezeichnet, gut verstehen. Dieses Begehren, die Vergangenheit ruhen zu lassen, jenes Verlangen nach dem Motto „nun ist es aber gut, einmal muss Schluss sein, lasst uns nach vorne schauen“, verbunden mit dem Gefühl, selber unschuldig zu sein, weil man ja erst „danach“ geboren wurde, das alles kenne ich aus meinem eigenen Leben auch. Ich war vielleicht fünfundzwanzig, als sich dieses Gefühl bei mir zum ersten Mal eingestellt hatte.
Vorausgegangen war eine lange Beschäftigung mit dem Thema. Nachdem ich als Teenager zum ersten Mal davon gehört hatte und einfach nur entsetzt war, wollte ich mehr wissen, wollte verstehen, habe deshalb die sehr dicke Hitler-Biografie von Alan Bullock gelesen und mir jeden Film und jede TV-Dokumentation zu dem Thema angesehen. Auch mit meinen Eltern, kleinen Leuten, Mitläufern, habe ich immer wieder über die Hitler-Zeit diskutiert, jeden Zeitungsartikel zu dem Thema, sogar Schulbücher, und 1973 die noch dickere Hitler-Biografie von Joachim C. Fest hatte ich gelesen – bis ich das Gefühl hatte, genug zu wissen und die Vergangenheit „aufgearbeitet“ zu haben. Von da an wollte ich von dem Thema nichts mehr wissen.
Als 1978 der Fernseh-Vierteiler „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiß“ lief und alle Welt darüber redete, hatte ich für mich ganz bewusst entschieden: Das tust du dir nicht an. Ich war des Aufgewühltseins müde. Die Sache entsetzte mich ja immer wieder aufs Neue, es gab keinen Abstumpfungs-Effekt, sondern eher, im Gegenteil, einen wachsenden Schmerz, sodass ich mir aus einem Gefühl des Selbstschutzes heraus sagte: Es reicht jetzt. Genug gelitten mit den Opfern, die Täter gebührend verabscheut, Hitler und die Nazis so intensiv gehasst, dass ich für alle Zukunft gegen jede Form von Totalitarismus immun sein werde und weiterer Belehrungen und Informationen nicht mehr bedarf.

Ich war wirklich relativ gut informiert damals. Verstanden jedoch hatte ich noch nicht. Verstanden hatte ich erst, als ich anfing, mich zu fragen, wie ich mich damals verhalten hätte und ich begann, mir einzugestehen: Wahrscheinlich hättest du mitgemacht. Eher wärst du ein SA- oder SS-Mann geworden als ein Widerstandskämpfer, denn als Teenager und junger Mann war ich noch verführbar, nicht charakterfest, nicht reif und nicht gebildet genug. In einer Welt, in der fast alle das Abnorme tun, erscheint das Abnorme als normal, und mir wäre es vermutlich auch als normal erschienen. Bis heute weiß ich nicht, ob ich heute, als fast 60-Jähriger, widerstehen würde. Den Tod fürchte ich nicht mehr, aber ich habe eine Ehefrau und zwei Kinder. Dürfte ich deren Leben aufs Spiel setzen? Es wäre ein entsetzlicher Konflikt. Das anhaltende Erschrecken über solche Fragen führt dann doch zu einer anhaltenden Beschäftigung mit dem Thema.
Als 1985 „Shoah“ gezeigt wurde, ein vierteiliger Dokumentarfilm des Regisseurs Claude Lanzmann, war ich wieder bereit, mich mit der Sache auszusetzen, hörte den Tätern zu, den KZ-Wächtern – und diesmal nicht mehr mit der üblichen Empörung, sondern mit einem Gefühl des Erbarmens aus dem beklemmenden Wissen heraus: Dieser KZ-Scherge, dieser banale Böse, der am Heiligen Abend ein paar Dutzend Juden in die Gaskammer getrieben hat und danach zu seiner Familie nach Hause ging und vor dem Weihnachtsbaum „Stille Nacht, heilige Nacht“ und „O du fröhliche“ sang, dieses Monster in Gestalt eines biederen Familienvaters, das könntest du sein. Dass du es nicht bist, ist reines Glück, allein dem Umstand geschuldet, dass du noch nicht gelebt hast damals. Dazu gesellte sich die nicht minder beklemmende Einsicht, dass dieses Monster in vielen Menschen steckt, auch heute, es müssen nur ein paar äußere Faktoren zusammentreffen, und schon kommt das Monster zum Vorschein. Es ist und bleibt erschreckend, was Verbrecher-Regime wie die von Hitler, Stalin, Mao, Pol Pot, Franco, Mussolini aus Menschen machen, was sie mit ihnen anstellen, wie sie Menschen deformieren, entkernen, zerstören. Man wird nicht fertig mit diesem Erschrecken, daher wird es mich bis zum Rest meines Lebens begleiten.

Nach welchen Kriterien haben Sie diese zwölf Personen ausgewählt? Wie haben Sie recherchiert?

Die ausgewählten Personen sollten einen Querschnitt unterschiedlichster Menschen und Motive repräsentieren, also den zivilen Widerstand und den militärischen, den organisierten Widerstand größerer Verschwörergruppen, und den eines Einzeltäters wie Georg Elser. Meistens waren es gestandene Männer, die Widerstand leisteten, aber sie taten es in der Regel mit dem Einverständnis ihrer Ehefrauen. Manchmal waren aber auch junge Menschen aktiv, wie die Münchner Studentengruppe „Weiße Rose“, deren jüngstes Mitglied eine Frau war, die 21-jährige Sophie Scholl. Auffallend ist, dass viele Widerstandskämpfer aus christlichen Motiven in diesen Kampf auf Leben und Tod getrieben wurden. Andere, vor allem Gewerkschafter und Sozialdemokraten, hatten humanistische oder rein politische Motive. Diese Vielfalt soll durch die zwölf Porträts zum Ausdruck kommen. Die Recherche bestand überwiegend aus der Lektüre reichlich vorhandener Literatur. Auch einige Filme und TV-Dokus habe ich mir noch einmal angesehen.

Was macht einen Menschen aus, der erkennt, dass er gegen die große Mehrheit seine eigene Meinung vertreten muss? Ist es nur Mut und ungeheueres Selbstbewusstsein?

Nein, es ist vor allem ein hoch entwickeltes Gespür für Recht und Unrecht, es ist Empathie, die Fähigkeit mit den Opfern zu leiden, die Überzeugung, dass es etwas gibt, was das eigene Leben übersteigt, und die Gewissheit, dass bestimmte grundlegende Normen unbedingt gelten müssen, und koste es das eigene Leben.

Aller Widerstand führte erst einmal nicht zum Ziel – Hitler zu stürzen. Warum sollten wir uns diese wenigen Mutigen, die oft mit dem Leben für ihren Widerstand bezahlt haben, trotzdem immer in Erinnerung rufen?

Weil es bei uns diesen großen Mut nicht braucht. Bei uns genügt schon Zivilcourage, aber nicht einmal das bisschen Zivilcourage, das manchmal in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz oder im Privatleben nötig wäre, bringen viele von uns noch auf. Da könnte es helfen, sich derer zu erinnern, die ein Übermaß an Mut bewiesen haben. Ein zweiter, mindestens genau so wichtiger Grund, sich daran zu erinnern, ist: Darüber, dass in unserem Land seit sechzig Jahren jeder frei seine Meinung sagen darf, müsste man eigentlich vor Glück weinen. Wir nehmen unsere Demokratie als so selbstverständlich hin, dass wir vergessen, was für eine Kostbarkeit unsere Verfassung ist, und darüber vergessen wir dann auch, diesen Schatz zu hegen und zu pflegen. Und wir sollten uns über die Juden freuen, die unter uns leben oder bei uns einwandern – sie zeigen damit, dass sie uns wieder vertrauen. Was das bedeutet, kann nur ermessen, wer die Vergangenheit kennt.

Das Thema Nationalsozialismus ist Schwerpunktthema an den Schulen. Oft bekommt man von Schülern zu hören, dass sie des Themas überdrüssig sind. Was würden Sie ihnen antworten?

Dass man dieses Themas irgendwann überdrüssig wird, kann ich gut verstehen. Mir ging es ja in meinem Leben selber so, wie ich weiter oben schon sagte. Aber dieses „Recht“, mal eine Weile in Ruhe gelassen zu werden, hat man erst, nachdem man sich eine Weile damit beschäftigt hat. Wenn schon die Erst-Beschäftigung mit diesem Thema Überdruss bereitet, dann stimmt etwas nicht. Entweder stimmt etwas nicht am Unterricht, oder es stimmt etwas nicht mit den Schülern, die das Ungeheure und Entsetzliche, das bis heute in unsere Gegenwart hineinragt, nicht packt, nicht erschüttert, nicht angreift, und nicht fragen lässt, wie so etwas geschehen konnte.