Oh Boy!

Vor 22 Jahren beschloss unser Autor, einer der ersten „neuen Männer“ zu werden. Also ließ er seine Frau Karriere machen und kümmerte sich fortan um die Kinder. Die sind jetzt ausgezogen, 
der Hund ist tot – und einige Fragen sind immer noch offen. Eine Bilanz von Christian Nürnberger

„Erledigt“, könnte dieser Mann jetzt sagen – und als poor lonesome cowboy in den Sonnenuntergang reiten. Leider hat er kein Pferd. Und außerdem ist die Sache dann doch noch nicht erledigt.

Für meine Familie habe ich in den letzten 22 Jahren eingekauft und gekocht, Pausenbrote geschmiert, Elternabende besucht, den Kindern, als sie noch klein waren, vorgelesen, und als sie größer wurden, mit ihnen über Heimkommenszeiten, Party-Gestaltungen und Übernachtungen von Freunden und Freundinnen verhandelt. Jetzt sind sie aus dem Haus – und der Hund ist tot.

„Done“ könnte ich jetzt unter diese 22 Jahre schreiben. Und in den Sonnenuntergang reiten. Das Problem ist nur: Ich habe kein Pferd.

Das größere Problem jedoch ist: Nichts ist „erledigt“. Meine 22 Jahre waren für die Katz, zumindest politisch. Immerhin wollte ich ein Zeichen gesetzt haben, damals, 1990, als ich meine gutbezahlte Festanstellung kündigte, um mir die Haus- und Erziehungsarbeit gerecht mit meiner Frau zu teilen. Sogar die Sünden von 10 000 Jahren Männerherrschaft hatte ich auf mich genommen, als ich mich vor dem Standesamt einverstanden zeigte, dass meine Kinder den Namen meiner Frau tragen. Das müsse doch Wirkung zeigen, dachte ich.

Alice Schwarzer würde uns Supermänner lieben. Man würde uns bejubeln. Und kam es so? Tja

Frohgemut, ja geradezu übermütig, schrieb ich damals: Seht her, hier bin ich, der neue Mann, ein Held unserer Zeit! Während meine Frau Karriere macht, schmeiße ich den Haushalt, ziehe ein paar Kinder groß und setze mich als freier Autor durch. Mir nach, rufe ich meinen Geschlechtsgenossen zu, wir sind die wahren Revolutionäre. Die Supermänner! Man wird uns bewundern, man wird uns verehren, Alice Schwarzers EMMA wird uns der Reihe nach zum „Mann des Jahres“ ausrufen, die Leute werden uns in den Bundestag wählen und als Kanzlerkandidaten vorschlagen. Die ganze Gesellschaft wird sich von Grund auf verändern, und wir, wir werden nicht nur dabei, sondern die eigentlichen Akteure gewesen sein.

Aber irgendwie kam das wohl zu früh für die Welt. Zwar erregte es ein gewisses Aufsehen, dass da mal ein Mann zusehen musste, wie er Beruf und Familie unter einen Hut kriegt. Aber dass meine Frau vor der gleichen Aufgabe stand, war nicht weiter erwähnenswert. Stattdessen wurde sie immer gefragt: Warum bist du nicht bei den Kindern, warum musst du unbedingt Karriere machen? Wenn sie sagte, ich bin in jeder freien Minute bei den Kindern, wurde das nicht ernst genommen.

Ich wurde immer gefragt: Warum verzichtest du auf die Karriere, warum bist du nicht im Job? Wenn ich sagte, ich habe zwei Jobs und nutze jede freie Minute, die mir der eine Job lässt, um im anderen Job zu arbeiten und was zu schreiben, wurde das ebenfalls nicht ernst genommen.

Sie wurde als Karrierefrau beschrieben, obwohl sie sich genauso um die Familie kümmerte wie ich. Ich galt als der Hausl, obwohl ich mich zwischen Einkaufen und Kochen und Pausenbrote schmieren genauso um meinen Job als Autor gekümmert habe wie sie sich um ihren Job im Fernsehen.

Meine Tat – unsere Tat, um korrekt zu sein – wurde nicht allseits erfreut aufgenommen. Und auch nicht allseits begriffen. Und statt der Heraufkunft des neuen Mannes erlebte ich den Aufstieg der röhrenden Hirsche: Bomber-Bush, Bunga-Bunga-Berlusconi und den bleichen Zaren Putin. Ernüchtert muss ich daher nach 22 Jahren Kampf für eine neue Geschlechterfreiheit bekennen: Es scheint ihn nicht zu geben, den neuen Mann. Und die dazugehörige neue Frau auch nicht.

Der Lackmus-Test für echte Emanzipation besteht ja nicht darin, dass der Mann das Klo putzt, der eigentliche Test besteht in der Überwindung archaischer Rollenmuster – und zwar auf beiden Seiten. Erträgt der Mann, dass seine Frau mehr verdient als er und dass sie eine höhere gesellschaftliche Stellung innehat? Erträgt er es nur? Oder bejaht er es? Fast noch wichtiger ist die Frage an die Frau: Erträgt auch sie es, dass sie mehr verdient? Möchte sie nicht doch lieber heimlich oder offen einen Kerl vom alten Schlag, der ihr über ist, zu dem sie aufsehen kann, der auch mal auf den Tisch haut, die Tür eintritt, die Heldenrolle annimmt?

Noch heute zucken nicht nur Männer, sondern auch Frauen zusammen, wenn sie hören, dass unsere Kinder den Namen meiner Frau tragen. Und täusche ich mich in dem Gefühl, dass Doppelnamen gerade aus der Mode kommen und Frauen wieder die Namen ihrer Männer annehmen?

Woher sollen die neuen Männer kommen, wenn sie spüren, dass Frauen sich letztlich doch nach den alten Rollenmustern und den alten Typen sehnen und dann, wenn sie so einen kriegen, auch wieder unzufrieden sind und plötzlich die Emanzipationsnummer spielen? Es gibt nur wenige freie Männer und Frauen, die wirklich auf Augenhöhe miteinander umgehen.

Gibt es sie also, die neuen Männer? Nö. Es gibt nur die alten Chef-Darsteller

Der einzige für mich erkennbare Fortschritt der letzten 22 Jahre besteht in dem Bohai, das um sogenannte neue Väter gemacht wird, die mal acht Wochen Erziehungsurlaub nehmen und danach beschwingt und fröhlich wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. Ich erntete noch hämische Kommentare von Kollegen (und leider auch Kolleginnen), als ich 1990 bekannt gab, den Schreibtisch gegen den Wickeltisch einzutauschen. Heute würde ich angeblich – von Teilen der Bevölkerung – dafür bewundert werden. Bekäme sogar Erziehungsurlaub. Betreuungsgeld. Darin besteht der Fortschritt.

Aber: Reicht das schon, um jüngeren Männern guten Gewissens zu raten, es mir gleichzutun und ihre acht Wochen auf 22 Jahre zu verlängern? Ich fürchte nein, denn letztlich hat sich nicht gar so viel verändert. Die Eckpunkte sind die gleichen geblieben.

Was ich damals gut hätte brauchen können, wäre nicht die Herdprämie gewesen, sondern ein Chef, der mir nach sechs, sieben Jahren Erziehungszeit die Chance gegeben hätte, wieder zurückzukehren. Die habe ich nicht bekommen. Die würde auch heute kaum einer bekommen, der mal eben für sieben Jahre die Kinder versorgen will.

In so gut wie jedem Unternehmen, in fast jeder Branche bekäme er zu hören: Du warst zu lange draußen, du bist zu alt, zu teuer und zu unflexibel. Dich kann man nicht von heute auf morgen nach Timbuktu schicken. Wir brauchen Leute, die ihrem Beruf und ihrer Karriere oberste Priorität einräumen – und nicht der Familie.

Die Chefs dieser Welt können unter genügend ehrgeizigen Leuten wählen, deren oberstes Ziel eine steile Karriere ist und die rund um die Uhr verfügbar sind. Männern, die gerne auch Familie hätten und bereit wären, sich die Arbeit mit ihren Frauen zu teilen, fehlen praktikable Lebensmodelle. Für Frauen, die nach der Familienzeit zurück in den Beruf wollen, gibt es immerhin ministeriell geförderte „Wiedereingliederungsprogramme“ – so, als müsste man straffällig gewordene Subjekte wieder behutsam an die Gesellschaft heranführen. Für Männer existiert nicht einmal das.

Kitas und Ganztagsschulen lindern das Problem, aber lösen es nicht, solange unsere Art des Wirtschaftens weiterhin davon abhängt, dass Männer, gerne auch Frauen, bereit sind, ihren Job über die Familie zu stellen. Noch immer scheint es davon genug zu geben. Diese Kategorie wird vom normalen Chef bevorzugt eingestellt und gefördert und befördert. Mit Leuten, die nur acht Stunden Zeit und neben dem Wohl des Unternehmens auch noch das Wohl der Familie im Kopf haben, fängt man doch gar nicht erst an, wenn man im Krieg um Marktanteile gegen die ganze Welt kämpfen muss.

Das hat zwei Folgen, die sich allmählich spürbar auswirken, wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch. Die erste Folge ist die Herausbildung eines sich selbst stabilisierenden Systems, einer „Festung Macht“, innerhalb derer die Alphamännchen nach ihren eigenen Regeln spielen und als Mitspieler nur jene zulassen, die diese Regeln akzeptieren. Die zweite Folge ist das vorhersehbare Versagen dieser Alphatier-Inzucht – mit oft katastrophalen Folgen für ganze Volkswirtschaften und Nationen.

Leichen säumen den Weg dieser Entwicklung. Leichen von Männern, die ihren heldenhaften Kampf um Marktanteile, Quoten, Wählerstimmen und Börsenstorys mehr oder weniger ehrenhaft verloren haben. Helden der New Economy wie Thomas Haffa, Lars Windhorst oder Gerhard Schmid. Schönwetter-Manager wie Ron Sommer, Thomas Middelhoff, Jürgen Schrempp. Jung-Siegfrieds der Politik wie Christian von Boetticher, Norbert Röttgen, Stefan Mappus, Christian Wulff, Karl-Theodor zu Guttenberg und die Boygroup der FDP.

Sie alle haben es verstanden, eine Zeitlang sich selbst und den Medien weiszumachen, sie wüssten, wo es langgeht, sie seien harte Burschen, Macher, Durchsetzer, echte Kerle „mit Eiern“ – und plötzlich stürzten sie ab, um als Suppenhühner aufzuschlagen oder von Angela Merkel gesagt zu bekommen, wo es langgeht.

Bis kurz vor ihrem Aufschlag wähnen sie sich bärenstark, und danach kapieren viele trotzdem nicht, dass sie nur über die Stärke von Problembären verfügen. Und die anderen, die den Stürzenden zusehen und daraus dennoch keine Konsequenzen ziehen, sondern nur nachfolgen wollen, kapieren nicht, dass ihr altes Männerbild das Problem ist; dass „Eier haben“ inzwischen etwas anderes bedeutet als zu John Waynes Zeiten. Eier haben heute eher die Frauen. Die Frauen des arabischen Frühlings. Die Frauen von Pussy Riot , vor denen sich Putin so sehr fürchtet, dass er sie mit der geballten Macht von Staat und Kirche ins Gefängnis werfen muss – er, der sich zwanghaft (und in wechselnden Outfits, gerne halbnackt mit Pferd, ohne Pferd, über Wasser, unter Wasser) vor jeder Kamera als größter Eierträger der nördlichen Halbkugel gerieren muss.

Andreas und Stephan Lebert haben die Spiele der Männlichkeitswahnsinnigen vor einigen Jahren in ihrem sehr klugen Buch „Anleitung zum Männlichsein“ beschrieben: „Sie vergeben und nehmen sich Jobs, es gibt Seilschaften, sie sitzen herum, ( . . . ) melden dauernd Bedenken an, ( . . . ) schenken und entziehen sich gegenseitig Respekt, applaudieren sich selbst.“

Ihr Selbstbewusstsein, ihre Identität, ihren Lebenssinn saugen sie aus ihrer Stellung in der Hierarchie. Man nehme so einem Hordenmitglied die Visitenkarte, die Sekretärin, den Dienstwagen, und es schnurrt zusammen wie ein Luftballon, aus dem die Luft entweicht.

Diese Alphamännchen und -weibchen bevölkern unsere Vorstandsetagen. Man müsste sie eigentlich von dort vertreiben, denn sie gehören auf den Affenfelsen. Aber, sagen Lebert und Lebert: „Niemand greift sie wirklich an, niemand rüttelt an den Toren, niemand will sie erstürmen. Alles, was lebendig ist, macht einen Bogen.“

„Niemand greift sie wirklich an, niemand rüttelt an den Toren.“ Gut, muss ich das halt machen

Aber genau diese Zurückhaltung der Lebendigen, die um solche Festungen einen Bogen machen, statt sie anzugreifen, ist das Problem. So verständlich und sympathisch es ist, sich vom unästhetischen Machtgerangel der Platzhirschen fernzuhalten, so fatal sind die Folgen. Auf diese Weise entstehen zwei Welten: die Festung Macht, in der die Spielregeln des Affenfelsens gelten, und die Welt der Lebendigen, die in ihren jeweiligen Nischen andere, bessere Spielregeln zu etablieren versuchen.

Blöd ist nur, dass der Affenfelsen auch über die Nischen herrscht. Dort, in den gemütlichen Nischen, wird dann gewütet, was diese Zocker und Bonusbanker „mit uns machen“. Dort ist man sich einig, dass die Verursacher der Finanzkrise alle wahnsinnig sind. Dort gibt man sich einer kollektiven Verachtung der ohnmächtigen, unfähigen, korrupten Politiker hin, die nicht in der Lage sind, gegen den Willen von einem Prozent der Bevölkerung die von 99 Prozent gewollte Transaktionssteuer durchzusetzen. Dort wird gelacht über die Blender, die uns vorgaukeln, alles im Griff zu haben und dann über Banalitäten stürzen.

Zu ändern wäre das nur, wenn die Leute in den Nischen den Angriff auf den Affenfelsen wagten. Den zu organisieren nehme ich mir jetzt einfach mal für die nächsten 22 Jahre vor. Die Kinder sind ja aus dem Haus.

Süddeutsche Zeitung