„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Über die scheinbar widersprüchliche Moral der Weltentschlechterer

Ein Buch, das zum Amazon-Boykott aufruft, wird über Amazon verkauft?

Die Frage musste kommen. Ist ja auch legitim, gestellt wird sie von Heinrich Schmitz in seiner Rezension der „Verkauften Demokratie“ im European:

http://www.theeuropean.de/heinrich-schmitz/10015-rezension-von-christian-nuernbergers-buch#

Aber: Wo ist das Problem? Ich kritisiere ja auch Facebook auf Facebook.

Ich nutze Facebook, um mit Facebook-Nutzern über Facebook ins Gespräch zu kommen. Das alles erscheint mir zielführender als zu sagen: Ich mag Facebook nicht und darum nutze ich es auch nicht.

Dasselbe mit Amazon: Wenn Amazon mir hilft, meinen Aufruf zum Amazonboykott zu verbreiten, warum soll ich diese Hilfe ausschlagen? Die Tatsache, dass Amazon nicht mich boykottiert, zeigt, wie mächtig und sicher sich der Konzern fühlt – eine Sicherheit, die auf der Bequemlichkeit von vielen Millionen Kunden beruht, denen es offenbar egal ist, dass sie mit jeder Bestellung dem Amazon-Chef Jeff Bezos ermöglichen, seinen Weltherrschaftsfantasien immer näher zu kommen, jeden Konkurrenten auszuschalten oder aufzukaufen und sämtliche Groß- und Einzelhändler dieser Welt platt zu machen. Gerade diese Kundschaft muss ich doch erreichen. Die anderen, die eh im Buchladen kaufen, brauache ich nicht mehr zu bekehren.

Und für alle, die mir jetzt trotzdem Heuchelei und die Bemäntelung meiner rein monetären Absichten unterstellen: Ja, es stimmt, ich lebe vom Schreiben, wie ein Bäcker vom Brötchenbacken lebt. Und wie ein Bäcker möglichst viele Brötchen verkaufen möchte, möchte ich möglichst viele Bücher verkaufen, denn ich muss noch zwei Kinder studieren lassen und für mein Alter vorsorgen. Und, nein, ich bin nicht der Meinung, wie die Wohlhabenden gerne suggerieren, dass man gefälligst sein Maul zu halten habe, wenn man seinen Broterwerb mit Weltentschlechterungs-Absichten verknüpft. Im Gegenteil, eine Wirtschaft, die den Planeten nicht ruiniert, sondern mit dem Ziel wirtschaftet, ihn zu einem lebenswerten Ort für alle seine Bewohner zu machen, ist ja gerade das, was ich für politisch erstrebenswert halte.

Schließlich: In meinem Buch erzähle ich von Herwig Danzer​, einem Möbelmacher, der einerseits, wie jeder Schreiner, Möbel baut und diese verkauft, andererseits aber den Anspruch hat, durch seinen Broterwerb zugleich die Welt ein wenig zu entschlechtern, und das tut er, indem er seine Möbel aus heimischem Holz baut und diese hochwertig verarbeitet – er liefert Qualität, er schont die Umwelt, und die ganze Wertschöpfung bleibt in seiner Region.

Etwas Ähnliches versuche auch ich: Schreibend die Welt ein bisschen zu entschlechtern, wenn nötig auch mit Hilfe von Amazon, und in der Hoffnung, dass alle, die mein Buch bei Amazon bestellt haben, über die Weltherrschaftsansprüche dieses Unternehmens nachdenken und vielleicht die nächsten Bücher wieder im Laden kaufen oder wenigstens bei thalia, bucher.de oder ebook.de (früher libri) bestellen.

Jeder Einzelne, nicht nur die Politiker, ist für die Zukunft unserer Demokratie verantwortlich. Wenn diese Einsicht via Amazon zu Amazonkunden gelangt, so vermag ich daran nichts Verwerfliches zu erkennen.

Und ob jetzt jemand das Buch bei amazon oder im Laden gekauft hat: Ich freue mich, wenn es Reaktionen auslöst. Z. B. hatte mein Facebook-Freund Heiko Tammena kürzlich diejenigen seiner Facebook-Freunde angeschrieben, die Amazon geliked haben:

Heiko Tammena
23. März um 21:24 · München · Bearbeitet ·

„Hab heute meinen graswurzelrevolutionären Abend, inspiriert vom schönen, wertvollen neuen Buch von Christian Nürnberger „Die verkaufte Demokratie“…
Schon nach einer Stunde habe ich 10 von 51 fb-Freundschaften, die ein like auf Amazon hatten, zum Entliken gebracht. Wer den Kettenbrief mit raus in die Welt schicken mag, nur zu – spannend zu sehen, was daraus wird.

Man müsste mal… denkst du auch oft oder?
Zum Beispiel allen Facebook-Freunden, die ihr like bei Amazon gesetzt haben, einen kleinen Kettenbrief schreiben. Mit den Fragen: Du weißt, dass der Konzern keine Steuern zahlt? Du weißt, dass seine Arbeitnehmer ausgebeutet werden? Du weißt, dass wir alle unsere Daten an den Konzern geben müssen? Du weißt, dass er kleine Händler erpresst? Du weißt, dass dieses Ich-Alles-Sofort-und-Billig alle Ansätze einer lokalen Ökonomie kaputt macht?
Heute hab ich es getan. Mach es doch einfach nach. Setz dein like weg und schreib es allen, die das immer noch tun.
Und nichts für ungut. Aber irgendwann muss man ja anfangen, die Welt besser zu machen.
Danke und ade.“