Die Kalifornische Ideologie

Wir schenken den Übeln AfD, Putin, Erdogan, Le Pen und Trump zu viel Aufmerksamkeit und dem wirklich großen, geschichtsmächtigen, weltverändernden Übel zu wenig. Dieses Übel ist die Kalifornische Ideologie aus dem Silicon Valley und hört auf so Namen wie Airbnb, Amazon, Apple, Cambridge Analytica, Facebook, Google, SCL und Uber. Sie folgen einer libertär-rechtsradikalen Silicon-Valley-Ideologie, die Demokratie durch Technologie ersetzen will, gesteuert von einer Handvoll Big-Data-Konzerne zum angeblichen Wohle der Menschheit und zum tatsächlichen Wohl dieser Konzerne.

Aktueller Anlass dieser Behauptung ist jene Berichterstattung, aus der wir in der zurückliegenden Woche wieder ein paar neue Begriffe und ein paar neue Namen gelernt haben, die wir künftig noch oft hören werden, „Microtargeting“ zum Beispiel. Es geht dabei vordergründig noch immer um die Frage, wer Trump ins Weiße Haus gebracht hat. Anfangs hieß es, die Abgehängten mit ihrem Frust über alles seien es gewesen, dann die weißen Wutbürger mit ihrem Rassismus und Sexismus, oder vielleicht die ganze Mittelschicht mit ihrer Abstiegsangst, möglicherweise aber auch die Uni-Professoren mit ihrer Political Correctness. Oder war es Facebook mit seinen Fake-News? Ende letzter Woche standen Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung unter Verdacht, auch Frauen, sogar Latinas, auch schwarze.

In dieser Woche hieß es nun plötzlich: Trumps Schwiegersohn war’s.

Er heißt Jared Kushner, und das ist der Name, den man sich merken sollte. Er soll es gewesen sein, der erstmals eine neue Technologie einsetzte in einem Präsidentschaftswahlkampf, und diese hört auf den Namen „Microtargeting“. Das ist so eine Art Meinungsdrohne, die mit einer Werbe- oder auch einer politischen Botschaft bepackt wird und sich dann selbständig den dazu passenden Kopf sucht, um diesen zu einer Kauf- oder Wahlentscheidung zu bewegen.

Volker Zastrow von der FAS widmet dieser Geschichte heute zwei volle Zeitungsseiten und stützt sich im wesentlichen auf jenen Artikel, den in dieser Woche fast alle gelesen und geteilt haben:

Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“

https://www.dasmagazin.ch/2016/12/03/ich-habe-nur-gezeigt-dass-es-die-bombe-gibt/

Darin erzählen Hannes Grassegger und Mikael Krogerus, zwei Autoren der Schweizer Zeitschrift „Das Magazin“  die Geschichte des Psychologen Michal Kosinski (merken!), der zwar erst 34, aber schon ein weltbekannter Experte der „Psychometrik“ (merken!) ist. Er soll vor ein paar Jahren bewiesen haben, „dass man aus durchschnittlich 68 Facebook-Likes eines Users vorhersagen kann, welche Hautfarbe er hat (95-prozentige Treffsicherheit), ob er homosexuell ist (88-prozentige Wahrscheinlichkeit), ob Demokrat oder Republikaner (85 Prozent). Aber es geht noch weiter: Intelligenz, Religionszugehörigkeit, Alkohol-, Zigaretten- und Drogenkonsum lassen sich berechnen. Sogar, ob die Eltern einer Person bis zu deren 21. Lebensjahr zusammengeblieben sind oder nicht, lässt sich anhand der Daten ablesen. Wie gut ein Modell ist, zeigt sich daran, wie gut es vorhersagen kann, wie eine Testperson bestimmte Fragen beantworten wird. Kosinski geht wie im Rausch immer weiter: Bald kann sein Modell anhand von zehn Facebooks-Likes eine Person besser einschätzen als ein durchschnittlicher Arbeitskollege. 70 Likes reichen, um die Menschenkenntnis eines Freundes zu überbieten, 150 um die der Eltern, mit 300 Likes kann die Maschine das Verhalten einer Person eindeutiger vorhersagen als deren Partner. Und mit noch mehr Likes lässt sich sogar übertreffen, was Menschen von sich selber zu wissen glauben.“

Es folgt dann eine hübsche Geschichte über den weiteren Werdegang des Psychometrik-Experten, die in eine neue Geschichte mündet mit einem neuen Namen:  SCL – Strategic Communications Laboratories, eine „weltweit agierende Wahl-Management-Agentur“, zugleich „ein kompliziertes Firmenkonstrukt mit Ablegern in Steuerparadiesen – wie die Panama Papers und Wikileaks-Enthüllungen zeigen. Manche haben bei Umstürzen in Entwicklungsländern mitgewirkt, andere entwickelten für die Nato Methoden zur psychologischen Manipulation der Bevölkerung in Afghanistan. Und mittlerweile sind SCL auch die Mutterfirma von Cambridge Analytica (unbedingt merken!), jener ominösen Big-Data-Bude, die für Trump und Brexit den Onlinewahlkampf organisierte.“

Klar, dass diese Geschichte 100.000fach geliked und geteilt wurde. Und klar, dass da nachgehakt wurde, der Widerspruch nicht lange auf sich warten ließ und wir auch fünf Wochen nach der US-Präsidentenwahl nicht wirklich wissen, wie Trumps Wahlsieg zu erklären ist. Deshalb habe ich unten auf die mir bekannten Artikel verlinkt, in denen der Frage nachgegangen wird, ob es wirklich so einfach war, oder ob es so einfach auch wieder nicht ist.

Aber während man vieles wieder vergessen kann, was nach dieser Wahl an Schnellschüssen abgefeuert wurde, gilt das nicht für diese Big-Data-Microtargeting-Sache. Die bleibt uns erhalten, wird uns noch oft beschäftigen und sollte die Frage provozieren, wie lange wir uns eigentlich noch gefallen lassen wollen, dass wir im Netz nach Strich und Faden ausspioniert werden? Und wie lange wir noch dabei zusehen wollen, wie die Diebe unserer Daten diese gegen uns und gegen die Demokratie einsetzen?

Wollen wir zulassen, dass die US-Wahlkampfmethoden auch bei uns Einzug halten? Wollen wir das US-System weiterhin als Demokratie bezeichnen, wo doch nicht erst seit der Trump-Wahl klar ist, dass dieses System mit Demokratie schon allein deshalb nichts zu tun hat, weil man mindestens Millionär sein muss, wenn man Kongress-Abgeordneter, Senator, Gouverneur oder gar Präsident werden will?

Wollen wir wirklich dulden, dass sich ein paar Dutzend Milliardäre das Netz unter den Nagel reißen, um es für sich als Verkaufs-und Manipulationsinstrument zu missbrauchen? Und wie lange noch wollen wir dem Treiben von Airbnb, Amazon, Apple, Facebook, Google und Uber tatenlos zusehen?

Wir als Einzelne können vermutlich nicht viel tun. Man müsste sich organisieren, aber das ist schwer. Man müsste die Konzerne boykottieren, aber wer tut das schon? Also bleibt nur: Öffentlich seine Meinung sagen, und zwar so laut, dass die Politiker es hören und in der ganzen EU entsprechend reagieren. Wenn das nicht gelingt, müssen eben über kurz oder lang all die eine neue Partei gründen, denen es wirklich ernst ist mit der Verteidigung der Demokratie. Ich wäre dabei.

http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/netz-kultur/netz/hannes-grassegger-artikel-big-data-100.html

http://motherboard.vice.com/de/read/was-an-dem-big-data-artikel-den-gerade-alle-teilen-falsch-ist-und-warum-er-trotzdem-wichtig-ist

https://blog.wdr.de/digitalistan/hat-wirklich-der-grosse-big-data-zauber-trump-zum-praesidenten-gemacht/

http://www.zeit.de/digital/internet/2016-12/us-wahl-donald-trump-facebook-big-data-cambridge-analytica

http://www.sueddeutsche.de/politik/us-wahl-nein-big-data-erklaert-donald-trumps-wahlsieg-nicht-1.3281871

Zum Begriff der „kalifornischen Ideologie“ vgl. Christian Nürnberger, Die MachtwirtschaftIst die Demokratie noch zu retten? Dt. Taschenbuch-Verlag, München 1999, ISBN 3-423-24162-4

und

https://www.heise.de/tp/features/Die-kalifornische-Ideologie-3229213.html