Die Protestanten – wer sonst?

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Die Religionen dieser Welt treiben’s immer bunter. Vielen Agnostikern und atheistisch-säkularen Zeitgenossen geht das zunehmend auf die Nerven. Es hilft aber nichts, von den Religionen genervt und angeödet zu sein. Europa verwandelt sich gerade in hohem Tempo in eine multikulturelle, multireligiöse, multiethnische Gesellschaft. Soll sie nicht in Antagonismen zerfallen und sich irgendwann zerfleischen, müssen sich die hier Lebenden irgendwie miteinander verständigen und Strategien entwickeln, um friedlich und freundlich miteinander leben und arbeiten zu können. Das bedarf aber einer Auseinandersetzung, die so zu führen wäre, dass man sich hinterher fröhlich zusammensetzen kann. Der ideale Mittler in diesem Verständigungsprozess kann eigentlich nur der Protestantismus sein. Meine Gründe für diese Behauptung können in der aktuellen Ausgabe von publik-forum nachgelesen werden. Online steht derzeit jedoch nur ein Teaser zur Verfügung: http://www.publik-forum.de/Religion-Kirchen/zum-anbeissen

Was die Theologen Rudolf Bultmann und Dietrich Bonhoeffer mit einem zeitgemäßen Protestantismus zu tun haben, was die Protestanten in einen Dialog mit Juden, Muslime und Atheisten in Europa einbringen könnten und wie Christian Nürnberger den Papst und die katholische Konfession sieht, lesen Sie im neuen Publik-Forum, das am Freitag, 22. Mai, erscheint. Christian Nürnberger ist Publizist und Autor zahlreicher Sachbücher.

Den Text als Ganzes stelle ich hier zur Verfügung:

Zum Anbeißen

Warum der Protestantismus schmeckt: Für den Publizisten Christian Nürnberger ist er ist die einzig zeitgemäße Konfession. Ihr, so sagt er, kann es gelingen, die aufgeheizten religiösen Debatten zu befrieden. Die Titelgeschichte im neuen Publik-Forum

Religionen nerven. Ihre Mitglieder bekämpfen einander, hassen sich, bringen sich gegenseitig um oder köpfen »die Ungläubigen« vor laufender Kamera. Schiiten gegen Sunniten gegen Alawiten gegen Aleviten und alle gegen die Juden. Muslime gegen Christen. Hindus gegen Muslime. Liberale Juden, Protestanten und Katholiken gegen konservative Evangelikale, Traditionalisten, Orthodoxe. Alle zusammen nerven besonders einen: den modernen, westlichen, einigermaßen aufgeklärten Durchschnittsbürger, dessen absolute Wahrheit lautet, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Wenn es sie doch geben sollte, dann wird sie keinem Sterblichen zuteil. Und das, so dachte dieser moderne Mensch noch bis vor Kurzem, sei eigentlich Konsens, zumindest in Mitteleuropa.

Vorbei. Kreuze raus aus den Schulen, Gebetsräume für Muslime rein, Speisegebote in den Kantinen, Tanzverbot am Karfreitag, keine Fußballspiele am Totensonntag, Kopftücher, Burkas, Schächten. Beschneidungen der Vorhaut und Beschneidungen der Meinungsfreiheit aus Rücksicht auf religiöse Gefühle oder aus Gründen der Sicherheit vor Terrorismus, Diskussionen über eine Verschärfung des Blasphemie-Paragrafen – die Zahl der religiös bedingten Konflikte steigt mit der Zahl der Einwanderer, die ihre kulturellen und religiösen Hintergründe mitbringen.

Die Schwäche des Protestantismus erweist sich nun als Stärke

Der »normale« Mitteleuropäer möchte davon eigentlich nicht behelligt werden, ist aber gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen, obwohl er nicht besonders bibelfest ist und vom Koran in der Regel überhaupt nichts weiß. Er versteht nicht, warum die Identität eines Mannes an dessen Vorhaut und die Ehre einer Familie am Jungfernhäutchen der Tochter hängen soll. Er weiß nicht, worum es beim Abendmahlsstreit zwischen Protestanten und Katholiken geht, und will es auch gar nicht wissen.

Er weiß auch nicht, was am Schwein schlechter oder unreiner sein soll als am Schaf. Er versteht nicht, wie sich fehlbare Menschen als Papst, Imam oder Oberrabbiner anmaßen können, für alle verbindliche Wahrheiten zu formulieren. Noch weniger versteht er, dass sich im 21. Jahrhundert Millionen Einzelne dem jeweiligen Diktum ihrer Autoritäten unterwerfen und sich bis in ihr Sexualleben hinein vorschreiben lassen, was schicklich sei.

Es fällt ihm schwer, solch einem Verzicht auf selbstständiges Denken den Respekt zu zollen, der von den Autoritäten – allen voran den islamischen – ziemlich laut eingeklagt wird. Dennoch hält er es, wenn auch kopfschüttelnd, aus Gründen der Toleranz und der Freiheit für nötig, die Religionen mit ihrem bunten Treiben gewähren zu lassen. Nur: Sympathischer werden sie ihm dadurch nicht. Glauben erwecken sie so nicht. Statt einer neuen Hinwendung des säkularen Menschen zu religiösen Traditionen erreichen sie dessen endgültige Abwendung.

Das schafft ein weiteres Problem: Gerade jene multiethnischen, multikulturellen, multireligiösen Gesellschaften, die mit wachsendem Tempo in Europa entstehen, brauchen eine Verständigung darüber, wie sie Lagerdenken verhindern, ihrem Zerfall entgegenwirken und freundlich miteinander leben und arbeiten können. Wo wäre der Ort, an dem diese überlebensnotwendige Verständigung stattfinden könnte? Wer könnte sie organisieren, moderieren, entwickeln und voranbringen? Die politischen Parteien? Denen glaubt keiner. Der Staat? Ihm wird misstraut. Also die Kirchen? Aber nur, da bitte ich die Katholiken um Verzeihung, die meinige, die evangelisch-lutherische. Denn es erweist sich nun, dass die ihr oft vorgeworfene und teilweise von ihr selbst so empfundene »Profillosigkeit« in Wahrheit eine Stärke ist.

Den Kopf frei für die Probleme der Welt

Ein Profil ist etwas Starres. Es hat zwar wegen seiner klar definierten Struktur eine hohe Wiedererkennbarkeit. Aber was nützt das, wenn das Profil in der Realität nicht greift, nicht auf sie passt? Winterreifenprofile sind zum Beispiel nützlich bei Schnee und Matsch. Im Sommer gefährdet der Winterreifen mit seiner für niedrige Temperaturen konzipierten Gummimischung die Sicherheit des Fahrers. Was es bräuchte, wäre ein dynamisch sich jeder Situation anpassender Reifen. Über diese Dynamik verfügt der Protestantismus wie keine andere Konfession und Religion.

Das liegt daran, dass Protestanten zwar an eine gemeinsame Wahrheit glauben, aber den Versuch unterlassen, diese Wahrheit zu fixieren. Daher visualisiert das Facettenkreuz, das sich einige Landeskirchen, wie etwa die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, als Logo gegeben haben, den Geist des Protestantismus ziemlich gut. Eigentlich bräuchte es statt eines Bildes ein Video. Es wäre eine schwingende, flimmernde, schillernde, ständig seine Gestalt verändernde Form, die zwar als Kreuz erkennbar bleibt, aber sich nie auf eine einzige Form festlegen lässt.

Protestanten wissen, dass sich die eine, absolute, für alle Zeiten und alle Menschen gültige Wahrheit weder erkennen noch formulieren lässt. Sie wissen, dass jedes Gemeindemitglied immer nur seine eigene Teilwahrheit lebt. Trotzdem geben sie den Glauben an eine »gemeinsame Wahrheit dahinter« nicht auf und wirken daher immer rührend hilflos, wenn sie über diese »Wahrheit dahinter« Auskunft geben sollen. Darüber zanken sie auch unentwegt. Aber irgendwann kommt die Einsicht: Wir sind alle Gottes Kinder, darum haben wir die Pflicht, uns zu vertragen.

Weil sie trotz Streit beieinander bleiben, lernen sie, einander auszuhalten und wie nebenbei: Konfliktmanagement, Mediation, Moderation. Sie lernen, ihre eigene Unsicherheit, Unschärfe, Unbestimmtheit zu akzeptieren. Sie lernen, alle großen Probleme differenziert zu betrachten. Und wenn sie das in ihren Denkschriften ausformulieren, kommen Texte von gähnend-langweiliger Ausgewogenheit zustande, die jeden Leser sedieren.

Aber fast immer sind sie auf hohem Reflexionsniveau. Und wenn ein aktiver oder ehemaliger Ratsvorsitzender oder eine Ratsvorsitzende – ob nun Huber, Käßmann, Schneider oder Bedford-Strohm – in der Talkshow spricht, reißt einen das zwar nicht vom Hocker, aber ich bin dann oft ein bisschen stolz auf sie, weil sie eigentlich immer vernünftig, intelligent, menschlich, sympathisch und zumindest dem Anschein nach uneitel »rüberkommen«.

Die seltsame Unbestimmtheit des Protestantismus macht diesen zwar anfällig für Moden und jeden Zeit-, Zweit- und Drittgeist. Nicht selten wird er auch deren Opfer. Aber er berappelt sich wieder und passt gerade deshalb besser in eine multikulturell-säkulare Individualistengesellschaft als jede andere Religion, den uns fremden Buddhismus vielleicht ausgenommen. Der Protestantismus passt auch besser in unsere Welt, weil er für deren Probleme – von der Umwelt über das Klima, die soziale Gerechtigkeit und den Überwachungsstaat – »den Kopf frei hat«, während der Katholizismus sich endlos quält mit seinen »heiligen Kühen«: die Pille, die Priesterschaft für die Frau, die Homosexualität. Dazu noch die Missbrauchsskandale und der sogenannte Protzbischof von Limburg. Die katholische Kirche hat, so scheint es mir, derzeit mehr mit sich selbst zu tun als mit der Welt.

Zu den pragmatischen Gründen für die Zeitgemäßheit des Protestantismus kommt noch ein theologischer. Zwei Namen protestantischer Theologen sind damit verbunden: Rudolf Bultmann und Dietrich Bonhoeffer. Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte der damals noch unbekannte Rudolf Bultmann einen aufsehenerregenden Vortrag gehalten, der beinahe zu seinem Rausschmiss aus der evangelischen Kirche geführt hätte. In ihm hatte er gesagt, all die Wundergeschichten, die in der Bibel stehen, die Geschichten über Engel, Dämonen und den Teufel, die Einteilung der Welt in die drei Stockwerke Himmel, Erde, Hölle – das alles seien keine Berichte historischer Ereignisse, sondern Mythen, also Erzählungen, die in einer religiösen Symbolsprache abgefasst sind, aber nicht historische Fakten wiedergeben.

Das Erbe von Bultmann und Bonhoeffer

Mythisch sei zum Beispiel die Schilderung von Christus als einem Gotteswesen, das vor aller Zeit existiert, auf Erden menschliche Gestalt annimmt, die Sünden der Menschen trägt, dafür am Kreuz stirbt, am dritten Tage aufersteht, in den Himmel fährt, von dort wieder zurückkommt, und nach einem Ablauf verschiedenster kosmischer Katastrophen die Toten aufweckt, vor Gericht stellt und die gesamte Menschheit in Selige und Verdammte scheidet. Dies alles seien religiöse Vorstellungen, die sich durch das moderne Weltbild erledigt hätten. Man könne nicht, so Bultmann, »elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muss sich klar machen, dass er, wenn er das für die Leistung christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht«.

Bultmann, wenn er heute noch lebte, würde sich wundern über »moderne« Menschen, die sich ihre Horoskope vom Computer errechnen lassen. Aber das nur nebenbei. Wesentlich ist: Bultmann brachte die protestantische Kirche auf den geistigen Stand ihrer Zeit und machte sie anschluss- und diskursfähig im Streit mit dem Atheismus und der Wissenschaft – was manch militanter, noch dem 19. Jahrhundert verhafteter Atheist vom Schlage eines Richard Dawkins offenbar noch nicht bemerkt hat.

Für die Theologie gibt es daher kein intellektuell redliches Zurück mehr hinter Bultmann. Er markiert eine Wegmarke, ein Niveau der Entmythologisierung, das von den diversen katholischen, orthodoxen und islamischen Spielarten erst noch erreicht werden muss. Aber gerade deshalb sind Protestanten bessere Gesprächspartner für moderne Menschen – und vielleicht bessere Geburtshelfer für einen modernen Islam – als dogmatische Atheisten, denen das ganze »religiöse Gedöns« nur auf die Nerven geht.

Für Bultmann hat sich zwar das mythische Weltbild erledigt, nicht aber die eigentliche christliche Wahrheit jenseits des Mythos, die auch für den Menschen von heute noch relevant ist. Zu dieser Wahrheit ist die protestantische Kirche noch unterwegs. Aber immerhin ist sie unterwegs.

Und was ist mit dem Katholizismus?

Die nächste Wegmarke, die die Religionen, wenn sie denn eine Zukunft haben wollen, erreichen müssen, ist Bonhoeffers religionsloses Christentum. Dieses auf den Kern reduzierte Christentum ist nicht mehr Religion, sondern Glaube. Und als solcher ist er Aufklärung, Religions-, Herrschafts- und Autoritätskritik, Kritik an einem vergöttlichten Kapitalismus, Kritik der Götzen Reichtum, Erfolg, Karriere, Schönheit, Dünnsein, Fitness. Mit Bonhoeffer kommt der Glaube von den Nebensachen – Riten, Dogmen, Speiseverboten, Reinheitsgeboten … – zur Hauptsache. Darin geht’s nicht primär ums Jenseits, nicht um die Zukunft, sondern um das Hier und Jetzt und um die Frage: Was ist das gute Leben, und was muss getan werden, um es zu ermöglichen?

Wie können Juden, Christen, Muslime und Atheisten in Europa friedlich miteinander leben und arbeiten? Wie können wir die Regionen rund ums Mittelmeer zu einem lebenswerten Raum für alle gestalten? Wie überwinden wir die Kluft zwischen Arm und Reich? Wie erhalten wir unseren Planeten für künftige Generationen? Die besten Antworten werden, so erwarte ich es, aus dem Raum des Protestantismus kommen. Die katholische Kirche wird deshalb nicht überflüssig. Ihr Papst wird weiter gebraucht, um den Christen in der Welt eine Stimme zu verleihen. Wenn er den Kapitalismus kritisiert, wird das weltweit gehört. Wenn der EKD-Ratsvorsitzende das tut, stößt es auf begrenztes Interesse. Darum spricht der Papst, wenn er das Richtige sagt, immer auch für die Protestanten mit. Spricht er aber das Falsche, etwa zu Frauen im Priesteramt oder zur Pille oder zu Schwulen und Lesben, widersprechen die Protestanten und sprechen damit vielen Katholiken aus dem Herzen. Es ist also kein großes Unglück, dass es die eine große katholische Kirche und die vielen kleinen chaotischen Schrebergartenkirchen gibt. Sie korrigieren einander und sichern so ihr Überleben.

 

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