Gutmensch

Wer seinen Müll trennt, wer für Amnesty International spendet, wer für Gleichberechtigung ist, kurzum, wer versucht, alles richtig zu machen, wird von vielen als Gutmensch verspottet. Aber die, die da spotten, machen es sich zu einfach. Viel zu einfach. Eine Verteidigung

Neulich, im Mainzer Kurfürstlichen Schloss, wurde der Kabarettist Lars Reichow als »Ranzengardist 2011« ausgezeichnet, was die Welt nicht weiter interessiert hätte, wenn nicht der Laudator Thilo Sarrazin geheißen hätte, der »Ranzengardist 2009«. Das fanden Antifaschisten, Antirassisten und alle weiteren üblichen Verdächtigen so skandalös, dass sie ein Auftrittsverbot für Sarrazin forderten, draußen vor dem Schloss demonstrierten, und so der großen Mehrheit drinnen das Vergnügen verschafften, sich als verfolgte Minderheit zu gebärden, die sich genötigt sieht, die Gedanken- und Meinungsfreiheit gegen die »Diktatur der Gutmenschen« zu verteidigen.

Drinnen ergriff Thilo Sarrazin den von draußen zugespielten Ball und erhellte den verborgenen Sinn in der Reihe der bisher als »Ranzengardist« ausgezeichneten: Mit dem ZDF-Intendanten Markus Schächter habe man als Ersten »einen Guten« ausgezeichnet, mit Karl Kardinal Lehmann »einen Heiligen«, mit ihm selbst, Sarrazin, »einen Bösen«, und weil das Ganze doch sehr komisch sei, nun mit Lars Reichow »einen Komischen«.

Die Souveränität, mit der sich Sarrazin das Kostüm des »Beelzebubs aus Berlin« übergestreift hat, zeigt, wie genüsslich sich eine Kamarilla aus Rechten, Neoliberalen und Neocons mittlerweile im Kleid des Bösen als das eigentlich Gute geriert, wie wohl sie sich in der Rolle der vermeintlich verfolgten Minderheit fühlt, und mit welcher Lust sie in diesem Gewand auf die Guten eindrischt, um sie als die eigentlich Bösen und Dummen zu entlarven.

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