Trumps Klone

Holländer, die so bitter zu leiden hatten unter der deutschen Besatzung, sind also jetzt „Nachfahren der Nazis“.
Mit einer winzigen Notiz könnten die türkischen Medien die ganze Luft herauslassen aus dem Erdoganschen Propaganda-Heißluftballon: Die Deutschen vernichteten gerade Rotterdam fast komplett, als die Türkei kurz darauf einen Freundschaftsvertrag und Nichtangriffspakt mit Hitler schloss.
So etwas erfahren die Türken aber natürlich nicht, denn Wahrheit als Norm hat ihre Gültigkeit verloren.
War in der Diktatur schon immer so, in der Demokratie bisher noch nicht. In der Demokratie stehen Politiker stets unter dem Generalverdacht, dass sie lügen, daher verwendeten sie bis vor kurzem viel Energie darauf, als ehrlich, aufrichtig, wahrhaftig zu erscheinen. Die größten Lügner und Heuchler unter ihnen erkannten also immerhin die Norm der Wahrhaftigkeit als gültig an und sahen sich mit Rücktrittsforderungen konfrontiert, wenn sie beim Lügen ertappt wurden.
Doch damit ist es seit Trumps Wahlerfolg vorbei. Trump hat bewiesen, dass man es mit offensichtlichen, dreisten Lügen bis ins Weiße Haus schaffen und dort fröhlich weiterlügen kann. Das allein ist schon eine deprimierende Geschichte.
Noch deprimierender aber ist, dass in einer Gesellschaft, die den Erfolg vergötzt, der Verstoß gegen die Norm hingenommen, legitimiert, ja geradezu geadelt wird, wenn er zum Erfolg führt.
Schon lange gilt das „taktische Foul“ im Fußball nicht mehr als unsportlich, sondern als professionell. In der Politik ist es jetzt auch so weit.
Deshalb sehen wir nun überall in der Welt kleine Trumps nachwachsen, die bewusst Foul spielen und sich dabei als die wahren Politprofis vorkommen. Putin spielt schon immer so, Erdogan versucht gerade, ihn darin zu übertreffen, und die Höckes, Wilders, Kaczyńskis eifern ihm alle nach.
Am deprimierendsten aber wird das alles, wenn die Medien mitspielen.
Wenn die immer wieder ihre Jauche auskippen über einzelne Menschen, Gruppen oder ein ganzes System wird es in deren Umgebung bald heißen: Die stinken, die müssen weg.
An unschuldigsten Menschen, Gruppen, Systemen bleibt etwas hängen, wenn sie regelmäßig mit Kübeln von Jauche übergossen werden. Auf diesen Effekt setzen Trump und seine Klone.
Mit Erfolg, wie man gerade in einer Geschichte der FAS (12. März 2017, S. 12) nachlesen kann. Sie befragte gebildete, vernünftige, in Deutschland lebende, gut integrierte Türken, warum sie Erdogan wählen werden und was sie zum Fall Deniz Yücsel sagen.
Die 30jährige Ayse Keser Çelikkaya, Studium in Luftfahrtbetriebswesen, seit fünf Jahren in Deutschland, antwortete:
„Dass Journalisten und Juristen im Gefängnis sind, verstehe ich. Wenn ich in Deutschland lebe, muss ich mich doch auch an die Gesetze halten, oder nicht? Wenn ich nicht einmal Abfall in den Mülleimer eines fremden Haushaltes werfen darf, warum denken dann so viele, dieser inhaftierte Journalist aus Deutschland hätte alles richtig gemacht? Er war nicht als Journalist, sondern als Spion unterwegs.“
Hakan Soykan, 46 Jahre, Geschäftsführer in Köln, geboren in Deutschland, sagt: „Für das türkische Volk ist es gut, wenn die Exekutive in einer Hand ist. … Die Politiker vor Erdogan haben eher in die eigenen Taschen gewirtschaftet, statt sich um das Volk zu kümmern. Das Land hat viel von Erdogan zurückbekommen, deswegen hat er so viele Unterstützer in der Türkei und auch in Deutschland. Erst kürzlich war ich mit dem Auto in der Türkei unterwegs. Wo früher vorwiegend Landstraßen waren, gibt es jetzt Autobahnen. Erdogan hat neue Flughäfen gebaut, Autotunnel und Brücken.“
Das mit den Autobahnen kommt uns Deutschen bekannt vor.
Ähnlich Bülent Güven, 45 Jahre, studierter Politikwissenschaftler, Unternehmensberater in Hamburg, seit 40 Jahren in Deutschland: „Erdogan hat vieles gut gemacht, die Löhne sind gestiegen, er hat die Infrastruktur ausgebaut und das Sozialsystem.“
Die Erdogan-Propaganda ist also schon so erfolgreich, dass selbst vernünftige und gebildete Türken ihm mehr glauben als den unabhängigen Medien Europas.
In einem Land, in dem auch die Journalisten, Schriftsteller und Intellektuellen freiwillig oder aus Zwang beim Lügen mitmachen, ist alles möglich, und ganz gewiss wartet am Ende die Katastrophe, in welcher Form auch immer.
Das, immerhin, und das bleibt unser einziger Trost in diesen deprimierenden Zeiten, ist in den USA derzeit noch anders. Dort erleben wir gerade die Medien fast vereint im Widerstand gegen den Lügner Trump und für das Festhalten an der Gültigkeit der Wahrheitsnorm. So lange dieser Widerstand anhält bleibt uns die Hoffnung, dass Trumps Präsidentschaft als Unfall in die Geschichte der US-Demokratie eingehen wird.