Die Welt wie ein Kind se­hen

Mainzer Allgemeine Zeitung, SAMSTAG, 23. DEZEMBER 2017
GAST­BEI­TRAG Trä­nen in der Stier­kampf­are­na – ei­ne Weih­nachts­ge­schich­te mit Wi­de­rha­ken

Von Chris­ti­an Nürn­ber­ger

Der Stier, ob­wohl für den Kampf ge­züch­tet, will gar nicht kämp­fen. Da­mit er will, muss er ge­quält wer­den. Vor dem Kampf wird ihm da­her ei­ne Me­tall­spit­ze mit Wi­de­rha­ken in den Rü­cken ge­dreht. Vol­ler Schmerz, Angst und Wut stürmt er nun in die Are­na, wo ihm die Pi­ca­do­res und Ban­de­ril­le­ros mit wei­te­ren Spie­ßen zu­set­zen. Das macht ihn noch ag­gres­si­ver, aber auch schwä­cher. Da­mit er nicht vor­zei­tig auf­gibt, trei­ben sie ihm noch mehr Spie­ße mit Wi­de­rha­ken tief ins Fleisch. Im Wech­sel zwi­schen Auf­bäu­men und Er­mat­tung wird der Stier zu To­de ge­fol­tert. Am En­de schnei­det ihm der To­re­ro ein Ohr als Trop­häe ab.

Das klingt nicht ge­ra­de nach ei­ner Weih­nachts­ge­schich­te, und doch ist es ei­ne, wie wir noch se­hen wer­den. Er­zählt wor­den war sie vor Jah­ren in ei­nem Film­bei­trag ei­ner längst ab­ge­setz­ten ZDF-Sen­dung aus der Rei­he „Ach­tung! Le­ben­de Tie­re“.

In je­nem Film sah man im Pu­bli­kum ei­ne Mut­ter, die ihr wei­nen­des Kind aus der Are­na führ­te. Un­ter den Tau­sen­den Zu­schau­ern war die­ses Kind das ein­zi­ge We­sen, das an­ge­mes­sen rea­gier­te auf das, was es sah und fühl­te: Es ist nicht rich­tig, was da ge­schieht. Hät­te das Kind die an­de­ren in der Are­na ge­fragt, wa­rum sie zu­schau­en, hät­te es viel­leicht zu hö­ren be­kom­men: ist be­ein­druckend, muss man mal ge­se­hen ha­ben, ist halt Tra­di­ti­on.

Wä­re das Kind an­schlie­ßend zu den Be­treib­ern des Stier­kampf-Bu­si­ness ge­gan­gen und hät­te sie ge­fragt, wa­rum sie tun, was sie tun, hät­te der Stier­züch­ter ge­sagt, es sei nun mal sein Be­ruf, Stie­re zu züch­ten, er le­be da­von, und oh­ne Stier­kampf gä­be es auch kei­ne Stie­re. Der Mann, der dem Stier vor dem Kampf den Wi­de­rha­ken ins Fleisch treibt, hät­te ge­sagt, das sei not­wen­dig, da­mit der Stier kämp­fe. Der To­re­ro hät­te et­was von Stolz, Eh­re, Man­nes­mut ge­sagt. Der Lo­kal­re­por­ter hät­te He­ming­way ins Feld ge­führt, der Wis­sen­schaft­ler ei­ne Stu­die, in der steht, dass der Stier we­gen der Aus­schüt­tung ho­her En­dor­phin-Men­gen kaum Schmerz ver­spü­re. Die Po­li­ti­ker, die den Stier­kampf ver­bie­ten könn­ten, hät­ten ge­sagt, der ge­hö­re nun mal zur Kul­tur, bie­te vie­len Men­schen Ar­beits­plät­ze, und die gro­ße Nach­fra­ge be­wei­se, dass die Men­schen den Stier­kampf wol­len. Sol­len die Po­li­ti­ker den Men­schen vor­schrei­ben, was sie se­hen dür­fen?

Wa­rum lügt ihr? Wa­rum Krieg?

Die paar Tau­send Kampf­stie­re ha­ben we­nigs­tens vor ih­rem Kampf ein schö­nes Le­ben auf der Wei­de. Die Mil­lio­nen Tie­re, die auf so­ge­nann­ten Bau­ern­hö­fen mit Che­mie­fut­ter ge­mäs­tet, mit Hor­mo­nen ge­spritzt, in Kä­fi­ge ge­zwängt, per Flug­zeug, Schiff und Last­wa­gen durch die Welt ge­karrt und in den Schlach­thö­fen zu Steaks, Wurst und Schin­ken ver­ar­bei­tet wer­den, lei­den von Ge­burt an. Auch hier könn­te man sich ein Kind vor­stel­len, das die in die­sem Mil­li­ar­den-Bu­si­ness tä­ti­gen Men­schen und die Kon­su­men­ten fragt, wa­rum sie tun, was sie tun. Und wie­der be­kä­me es er­klärt, wa­rum al­les so sein muss, wie es ist. Das­sel­be be­kä­me das Kind zu hö­ren, wenn es die im Do­ping-Ge­schäft Tä­ti­gen nach dem Wa­rum frag­te. Das­sel­be wür­de ihm wi­der­fah­ren, wenn es die Au­to­bau­er frag­te: Wa­rum Be­schiss-Soft­wa­re? Die Fi­nanz­vor­stän­de der mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­ne: Wa­rum Brief­kas­ten­fir­men? Die Fa­ke­news-Pro­du­zen­ten: Wa­rum lügt ihr? Die Kor­rup­tis, Krie­ger, Ter­ro­ris­ten und uns al­le: Wa­rum? Al­le wür­den dem Kind ein­re­den, dass es ler­nen müs­se, er­wach­sen zu wer­den, die Welt sei nun mal so.

Ge­nau dies ist der Grund, wa­rum Gott vor zwei Jahr­tau­sen­den ein Kind ge­wor­den ist, und wa­rum die­ses Kind spä­ter, im Er­wachs­ene­nal­ter, ge­sagt hat: „… so ihr nicht um­kehrt und nicht wer­det wie die Kin­der, so wer­det ihr nicht ins Him­mel­reich kom­men“. Das Kind in der Krip­pe ak­zep­tiert nicht, dass die Welt so ist und bleibt, wie sie ist.

Man muss die Ge­schich­te vom Kind in der Krip­pe nicht glau­ben. Man kann so­gar At­heist sein, die Ge­schich­te als blo­ße Li­te­ra­tur ver­ste­hen, und wird den­noch zu­ge­ben müs­sen: Ja, es ist wahr, die Welt wür­de sich fun­da­men­tal än­dern, wenn wir „um­kehr­ten“, wenn wir an­fin­gen, die Welt so wahr­zu­neh­men wie das Kind, das in der Stier­kampf­are­na ge­weint hat.