Warum berichten Journalisten immer nur das Negative?

„Nachrichtensprecher fangen stets mit ‚Guten Abend‘ an und brauchen dann 15 Minuten, um zu erklären, dass es kein guter Abend ist“, hat Rudi Carell einmal sehr treffend bemerkt und damit ein Problem der kritischen Presse auf den Punkt gebracht, denn ja, es stimmt: Was Medien mitzuteilen haben, ist meistens negativ. Sie berichten von Kriegen und Verbrechen, Intrigen und Korruption, dem Gezänk der Parteien und dem Hass der Religionen aufeinander, von Terror, Krisen, Erdbeben, Überschwemmungen, Dürren, Missernten, Umwelt-, Steuer-, Dopingsündern, Hunger, Havarien, Horrorclowns – dem Horror dieser Welt überhaupt.    

Wer sich nur aus Nachrichten informiert, muss glauben, die Welt sei eine einzige Katastrophe. Den Vorwurf, dass Journalisten immer nur das Negative berichten, bekommen sie fast jeden Tag von fast jedem Nicht-Journalisten genauso regelmäßig zu hören wie die Frage: Wo bleibt das Positive?

Die Antwort lautet erstens: Das Positive bleibt draußen, weil es nur selten hineingehört. Und zweitens: Das Positive bleibt draußen, weil es nicht funktioniert.

Um mit dem zweiten zu beginnen, machen wir ein Gedankenexperiment. Stellen Sie sich vor, Sie stehen am Flughafen oder am Bahnhof vor zwei dieser Zeitungsboxen, die schon von weitem mit großen Lettern mitteilen, was sie heute zu verkaufen haben. Auf der linken Box lesen Sie: „Airbus abgestürzt! 350 Tote!“ Rechts lesen Sie: „Schon wieder fast alle 100.000 Flugzeuge sicher gelandet.“ Zu welcher Zeitung greifen Sie? Eben. Als ziemlich gesicherte Tatsache darf daher gelten: Zeitungen, die nur das Positive brächten, gingen über kurz oder lang pleite. Deshalb funktioniert die Positiv-Berichterstattung nicht.

Wer es trotzdem nicht glauben will, überprüfe bitte einmal selbst sein eigenes Leseverhalten. Blättern Sie eine Zeitung durch und notieren Sie dabei, was Sie gelesen, überflogen, ignoriert haben. Haben Sie im Lokalen den Bericht von der Feuerwehrhauptversammlung gelesen? Haben Sie gelesen, dass der Bürgermeister die gute und wichtige Arbeit der Feuerwehr gelobt hat und deren Vorsitzender wieder mit großer Mehrheit in seinem Amt bestätigt worden ist? Haben Sie gelesen, dass die Versammlung in ein „gemütliches Beisammensein“ überging, bei dem „das Tanzbein geschwungen“ werden durfte und die Frauen der Feuerwehrmänner „fürs leibliche Wohl gesorgt“ haben? Lauter gute Nachrichten, aber wenn Sie nicht selbst Teilnehmer dieser erfreulichen Veranstaltung waren oder mit einem Feuerwehrmann verheiratet oder verwandt oder dessen Nachbar sind, werden Sie diesen Bericht mit hoher Wahrscheinlichkeit ignoriert haben.

Gelesen haben Sie stattdessen, dass im Stadtpark schon wieder eine Frau vergewaltigt worden ist. Oder dass der für Finanzen zuständige Stadtrat für sein Eigenheim ein besonders günstiges Darlehen von der Sparkasse bekommen hat, in deren Aufsichtsrat er sitzt, und die anderen Aufsichtsräte davon angeblich nichts wissen.

Das deutsche Vereinswesen spielt eine wichtige Rolle in unserem Land und für unsere Demokratie, und ohne die vielen Ehrenamtlichen, die in diesen Vereinen ihre Arbeit machen, wäre unser aller Leben ärmer und brächen Teile des öffentlichen Lebens zusammen. Diese Arbeit wäre es daher durchaus wert, ein- oder zweimal im Jahr in einer packenden Reportage beschrieben zu werden, und das läse man dann wahrscheinlich auch. Aber die tägliche Berichterstattung über den ereignisarmen Alltag der reibungslos funktionierenden Vereinsmeierei nimmt der normale Leser oft nicht einmal dann zur Kenntnis, wenn er selbst Mitglied eines dieser Vereine ist.

Würde eine Zeitung sich zum Ziel setzen, täglich und fast ausschließlich darüber zu berichten, wie toll die Feuerwehren, Sportvereine, Rotary Clubs, Naturfreunde, Kaninchenzüchter, Sportschützen, Gemeinderäte, Kirchengemeinden, Arbeitersamariter vor sich hinarbeiten, wie überschäumend die Stimmung bei der Narrensitzung war, wie gekonnt der Bürgermeister Grundsteine legt, Bäumchen pflanzt, Grußworte spricht, Turnhallen einweiht, Hände schüttelt, vor der Kamera posiert, das Bierfass anzapft, käme eine Zeitung heraus, die sehr jenem Parteiorgan ähnelte, mit dem die Bürger der DDR ein halbes Menschenleben lang belogen worden waren. Neues Deutschland hieß die Zeitung, die fast nur Gutes über die Wirklichkeit in der guten sozialistischen DDR zu berichten hatte.

Die typische Meldung darin lautete: „,Bergmannskombinat ‚Stein, Kohle, Erden‘ hat Plansoll schon wieder übererfüllt.“ Dass dort wegen Sicherheitsmängeln ein Stollen einbrach und ein Dutzend Bergleute unter sich begrub, las man hingegen nicht. Immerhin enthielt das SED-Zentralorgan aber auch zahlreiche kritische und zutiefst negative Nachrichten – die sich allerdings allesamt auf die schreckliche Wirklichkeit in der bösen revanchistisch-faschistisch-kapitalistischen BRD bezogen.

Medien in der Diktatur berichten hauptsächlich Positives über ihren Diktator und dessen Helfer und Helfershelfer und hauptsächlich Negatives über deren angebliche oder tatsächlich Feinde. Medien in der Demokratie berichten hauptsächlich Kritisches bis Negatives über ihre Präsidenten, Kanzler, deren unfähige Minister und tricksende Parteifunktionäre und über die Diktatoren dieser Welt. So gut wie alle kommen mehr oder weniger schlecht weg – nicht, weil es den Redakteuren Spaß macht, ihren Lesern, Hörern, Zuschauern die Laune mit schlechten Nachrichten zu verderben, sondern weil der Auftrag einer freien Presse lautet, den Mächtigen auf die Finger zu sehen.

Zu berichten, was nicht funktioniert, schlecht ist, sich in beängstigender Weise entwickelt, das genau ist die Aufgabe einer freien Presse in einer Demokratie. Und deshalb gehört regelmäßig das Negative in die Zeitung und das Positive nur ausnahmsweise. Es ist wichtiger, über Vorgänge zu berichten, die das Leben vieler Menschen beeinträchtigen, die Welt gefährden oder der Gesundheit schaden, als einen Minister dafür zu loben, dass er noch nichts falsch gemacht hat, es sei denn, die Fehlerlosigkeit seines Tuns ist in seinem Nichts-Tun begründet, dann wiederum wäre sie ein Grund für kritische Berichterstattung. Es ist wichtiger, Fehlentwicklungen zu benennen und die dafür Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, als die Stadtverwaltung dafür zu rühmen, dass sie tut, was sie soll. Fehler müssen benannt werden, damit sie künftig vermieden werden können.

Der Auftrag, den Mächtigen auf die Finger zu sehen und Missstände anzuprangern, schafft jedoch ein Problem: Was Medien täglich über die Welt da draußen berichten, ist alles andere als ein getreues Abbild der Wirklichkeit – eben weil das Positive fast komplett fehlt. Und das ist ein Aspekt, der gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann und den sich jeder Medienkonsument an jedem Tag mindestens einmal bewusst machen sollte, besonders aber immer dann, wenn er sich mal wieder über die Negativberichterstattung ärgert.

Wenn Sie von einem Flugzeugabsturz lesen, denken Sie sich bitte dazu, dass die anderen 99.999 Flugzeuge sicher gelandet sind und dass an den allermeisten Tagen im Jahr sogar alle 100.000 Flugzeuge sicher landen. Machen Sie sich ganz generell immer bewusst, dass die Welt da draußen „in Wirklichkeit“ viel besser und normaler ist, als sie in der Zeitung oder im Fernsehen abgebildet wird, eben weil die Medien nur das Negative bringen und dabei manchmal auch noch übertreiben.

In der medial nicht belichteten, normalen Wirklichkeit geschieht viel Gutes. Zumindest in Deutschland und in der EU funktioniert vieles sehr zuverlässig, ordnungsgemäß und im Einklang mit den Gesetzen. Die meisten Menschen gehen im Allgemeinen friedlich, höflich und rücksichtsvoll miteinander um. Ärzte sind in der Regel weder Pfuscher noch Betrüger, Banker keine Zocker, nicht alle Manager geldgierig und die wenigsten Kleriker übergriffig. Der Rechtsstaat arbeitet recht gut, und die meisten Politiker sind nicht unfähig, verlogen oder korrupt, sondern leisten ordentliche Arbeit. Es wird halt nur nicht berichtet, weil es das Selbstverständliche ist. Es muss auch nicht berichtet werden.

Aber: Es sollte mehr berichtet werden über Lösungsversuche, Lösungswege und über die Menschen, die sich den Problemen dieser Welt mit Mut, Herz und Verstand stellen. Und überall dort, wo die Welt in Aufruhr ist, Hassparolen geschrien werden, Fahnen brennen, Steine fliegen, sollten wenigstens ein paar Kameras auch auf die gerichtet werden, die nicht mit der Gewalt einverstanden sind, still helfen, deeskalieren, nach Auswegen suchen aus der ewigen Spirale aus der Vergeltung der Vergeltung der Vergeltung.

Auszug aus: Petra Gerster, Christian Nürnberger: Die Meinungsmaschine. Wie Informationen gemacht werden – und wem wir noch glauben können. Randomhouse, München 2017