Wer, wenn nicht wir

Billiger Strom. Billiges Essen. Billiger Sprit: Da sind wir alle gern dabei. Aber wehe, das System Günstig fordert seinen Preis. Schuld sind dann immer Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft, nur nicht wir: die Konsumenten. Ein Wutanfall aus gegebenem Anlass.

In Güllen, einer heruntergekommenen Kleinstadt irgendwo in Mitteleuropa, wo die Leute arm sind, arbeitslos und ohne Hoffnung, naht plötzlich die Rettung. Die Ölmilliardärin Claire Zachanassian hat ihren Besuch angekündigt. Alle sind sicher: Sie wird uns helfen.

Das will sie auch. Unter einer Bedingung: Die Güllener sollen den Krämer Alfred Ill ermorden. Das ist die Rache dafür, dass der Krämer vor 45 Jahren seine damalige Freundin Claire verleugnet hatte, als sie ein Kind von ihm erwartete und die Stadt verlassen musste. Später wurde sie reich durch Heirat, und diesen Reichtum setzt sie nun ein, um den Kopf des Mannes zu fordern, der sie einst verraten hatte.

Natürlich weisen die braven Güllener das Ansinnen der alten Dame entrüstet zurück. „Noch sind wir in Europa“, sagt der Bürgermeister, „noch sind wir keine Heiden. Lieber bleiben wir arm denn blutbefleckt.“

Aber die Not ist groß, und noch größer die Hoffnung, dass sich vielleicht doch etwas arrangieren ließe. So ernst wird sie es mit ihrer Forderung ja wohl nicht meinen, denken die Güllener, wollen nicht glauben, dass ihre ehemalige Mitbürgerin sie wirklich hängen lasse, und beginnen, Schulden zu machen im Vertrauen darauf, dass sich schon alles irgendwie richten wird. Doch die alte Dame beharrt darauf, dass zuerst jemand hingerichtet wird.

Wann werden die Bürger von Güllen die wahnsinnige Alte aus der Stadt jagen? So fragt der unbeteiligte Beobachter. Dafür bekäme er Beifall in der Talkshow.

Der „betroffene“ Güllener aber fragt plötzlich: Hat das gedemütigte Mädchen von damals nicht einen Anspruch auf Sühne? War das Verhalten ihres Mitbürgers Alfred Ill nicht schweinisch? Wäre es nicht recht und billig, von diesem Mann ein „notwendiges Opfer für die Allgemeinheit“ zu verlangen? Dafür gäbe es ebenfalls Beifall in der Talkshow.

Es existieren immer genügend Orientierungslose, die beifällig klatschen, wenn jemand telegen und rhetorisch eindrucksvoll die Grenzen verwischt, die Begriffe umdefiniert, für sich und andere die Realität zurechtlügt. So wird wie von selbst aus Unrecht Recht, und am Ende ermordet die Güllener „Wertegemeinschaft“ ihren Mitbürger während einer Ratsfeier – mit gutem Gewissen, sitzend auf einem beruhigenden Kissen aus rentierlichen Wertpapieren. Die Güllener lehren, wie das geht, etwas Dreckiges als sauber erscheinen zu lassen.

Friedrich Dürrenmatt hat einmal gesagt, ein Theaterstück sei erst dann fertig, wenn es die schlimmstmögliche Wendung genommen hat. In seinem Stück „Der Besuch der alten Dame“ in Güllen zeigt er, wie das funktioniert, diese quasi naturgesetzlich gesteuerte Entwicklung zum Schlimmsten.

Die Welt schaut derzeit gebannt zu, wie eine Handvoll Todgeweihter in Japan zu verhindern suchen, dass die Atompolitik ihre schlimmstmögliche Wendung nimmt. Und sie fragt: Darf ein Staat 50 Menschen oder mehr opfern, um Tausende oder Zehntausende zu retten?

Es ist immer schon zu spät, wenn so gefragt wird. Vorher hätte gefragt werden müssen: Darf ein Staat die Atomenergie durchsetzen, obwohl keine Versicherung das Restrisiko versichert? Obwohl es keine Endlager für den Atommüll gibt? Und obwohl stets klar war, dass ein einziger Super-GAU das Vielfache dessen kosten wird, was zuvor von allen Atomkraftwerken zusammen erwirtschaftet worden war?

Die ehrliche Antwort wäre nein gewesen. Aber das hätte bedeutet, auf sprudelnde Gewinnquellen zu verzichten. Also log man sich die Wirklichkeit so lange zurecht, bis zwischen Moral und wirtschaftlichen Interessen kein Gegensatz mehr bestand – die Güllener Lösung mit dem eingebauten Trend zur schlimmstmöglichen Wendung.

Güllen ist überall, nicht nur in der Atompolitik. Als amerikanische Banken jedem Bürger ein Darlehen aufschwatzten, damit er sich ein Haus baue, war rasch klar, dass viele Schuldner diese Darlehen niemals zurückzahlen würden. Statt aber den Fehler sofort zu korrigieren, machten die Banken weiter, weil sie ja so schön daran verdient hatten.

Als dann die Finanzwelt an den Abgrund geriet, überfielen die Banken die Steuerzahler. Das Wort Bankraub bekam eine völlig neue Bedeutung.

Zur Güllen-Welt gehört, dass in ihr nichts gelernt wird. Die Erfinder der Finanz-Massenvernichtungswaffen handeln munter weiter mit Leerverkäufen und Derivaten auf Derivate und finden immer eine Möglichkeit, an irgendetwas zu verdienen, sei es die Nahrungsmittelknappheit in der Welt der Armen, sei es die Zahlungsunfähigkeit der durch Spekulanten ruinierten Länder oder die Not der Japaner. Fukushima mag fallen, aber der Yen steigt.

Auch Fukushima zeitigt keinen Lerneffekt. Die Amerikaner, die Franzosen, die Tschechen, die Russen, die Chinesen bauen ihre Vernichtungsmeiler fröhlich weiter. Es gebe keine wirtschaftliche Alternative, sagen sie. Ist ja nur eine „Brückentechnologie“.

Längst ist bekannt, dass industrielle Landwirtschaft und Massentierhaltung das Klima und den Erdball ruinieren. Aber gibt es irgendwo auf der Welt eine Regierung, die von diesem Vernichtungsprogramm abrückt? Was wir stattdessen erleben, sind Funktionseliten, die das Weitermachen, ihre Einfallslosigkeit und ihren Zynismus mit scheinrationalen Argumenten zur ökonomischen Vernunft erheben, überall, auch in unseren Demokratien, unserer sogenannten westlichen Wertegemeinschaft. Wie ist das möglich?

Demokratie ist ein Garten des Menschlichen, der dauernder Pflege bedarf.

Eine Erklärung dafür lautet: Die Bürger spielen mit bei dieser Vergüllung der Welt. Als in Griechenland das ganze Versagen der politischen Klasse dort offenbar wurde, fragte Kai Strittmatter in dieser Zeitung, wie es dazu hat kommen können. Und gab die ernüchternde Antwort: „Weil die Griechen Komplizen sind. Weil eine Mehrheit das Spiel mitspielt, solange sie selbst davon profitiert: Sie sind die Steuerhinterzieher, die nicht verfolgt werden. Sie sind die Bauherren der illegal im Wald errichteten Wochenendhäuschen, die von den Behörden mit Strom und Wasser versorgt werden. Sie sind die Bauern, die auf abgebranntem Schutzwald ihre Ackerfurchen ziehen.“ Nicht nur in Griechenland ist das so.

Der Deutsche legt großen Wert auf reine Luft, sauberes Wasser, intakte Landschaften, und tierlieb ist er auch. Daher lehnt er Atomkraftwerke genauso ab wie die Massentierhaltung, Öl-, Kohle- und Gaskraftwerke auch, besonders, wenn sie in unmittelbarer Nähe seines Wohnorts gebaut werden sollen. Wenn Windräder auf seinem Hausberg aufgestellt werden sollen, gründet er eine Bürgerinitiative gegen die „Verspargelung“ der Landschaft. Groß aber wäre seine Empörung, wenn plötzlich der Strom ausfiele.

Im Supermarkt lässt er das Bio-Ei links liegen und greift zum Billig-Ei vom Käfighuhn und zu Fleisch aus der Massentierhaltung, denn Geiz ist geil. Zum Wutbürger aber wird er, wenn er erfährt, dass man ihm Gammelfleisch angedreht hat und das Billig-Ei ein Dioxin-Ei ist.

Der Gutbürger wiederum, der brav das teure Bio-Zeug erwirbt, sich gerade zum Vegetarismus bekehrt, Ökostrom bezieht und auch sonst total korrekt denkt und handelt, ist nicht selten ein Besserverdiener, fliegt deshalb gern mal zu einer Ausstellung in den Prado, zum Shoppen nach New York und schnell noch zur Erholung auf die Malediven, bevor diese endgültig im Meer versinken. Und produziert mit seinem Lebensstil einen CO 2 -Ausstoß, der dem von zwanzig Hartz-IV-Empfängern entspricht.

Mehr und immer noch mehr: Jeder macht mit, wenn es darum geht, das Beste für sich rauszuholen. Davon profitiert die Konsumgesellschaft westlicher Prägung, nur – wie lange noch?

Oft ist dieser Besserverdiener eine gespaltene Persönlichkeit. Zu Hause, in der Familie, ist er Amateur, schätzt Treue, Fairness, Ehrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein. In seinem Job jedoch steht er unter einem anderen Gesetz und ist ein Profi. Da muss er als Banker der Oma Zertifikate andrehen, von denen er weiß, dass sie nichts taugen. Da muss er als Fußballspieler den Gegner im Strafraum foulen, um ihn am Torschuss zu hindern. Da muss er als Manager tricksen und täuschen, weil er dazu verdammt ist, alle drei Monate Zahlen vorzulegen, die von Mal zu Mal besser aussehen sollen. Der Fernsehprofi überwacht zu Hause streng den Medienkonsum seiner Kinder. Im Sender produziert er dann das Programm, vor dem er seine Kinder daheim schützt.

Der Verlagsprofi hält ein einfach gestricktes, monothematisches Manuskript mit ein paar schrillen Thesen in der Hand, von dem er weiß, dass es Mist ist, aber sich wahrscheinlich gut verkaufen lässt. Also macht er es zum Spitzentitel, denn er hat, wie alle Profis, verlernt, zwischen gut und schlecht oder gar zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Er kennt nur noch den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg. Gut ist, was erfolgreich ist. Hat Trash Erfolg, ist Trash gut.

Fragt man die Macher, warum sie auf Quote statt Qualität setzen, antworten sie schein-demokratisch, den mündigen Bürger nicht bevormunden zu wollen. Sie gäben diesem nur, wonach er verlangt. Es ist das Argument des Dealers, entspricht sogar der Wahrheit, nur dass der Medien- wie der Polit-Zyniker genau weiß, dass er es da draußen nicht mit dem mündigen Bürger, sondern mit leicht manipulierbarem Konsum- und Stimmvieh zu tun hat.

Dem Quotenknecht ist es egal, womit er Quote macht. Er persönlich hätte kein Problem, immerzu die Literaturpreisträgerin Herta Müller zu zeigen. Leider wollen die Leute Paris Hilton sehen, also zeigt er die. Wenn die Medienprofis Dieter Bohlen und Heidi Klum medienunerfahrene Jugendliche nach allen Regeln der Kunst demütigen, wenn sie also wie Preisboxer auf dem Schulhof kleine Kinder verprügeln, und sich ein Millionenpublikum daran delektiert, verspürt der Programmmacher den Zwang, die Hinrichtungen zu zeigen.

Wahlkämpfe, Parlamentsdebatten, die Werbung und das Angebot von Waren und Dienstleistungen sähen anders aus, wenn ihr bevorzugter Adressat der mündige Bürger wäre. Auch Bild und Glotze sähen anders aus, wenn sich ihr Kunde für das wirklich Wichtige interessierte statt für Fußball, Formel 1, Krimi, Krebs und Koitus. Der Medienkonsument bekommt, wonach er giert. Der Effekt ist eine marktgesteuerte Mediengleichschaltung, welche der beste Zensor des untergegangenen Stalinismus nicht besser hätte zustande bringen können.

Das Ergebnis dieser Zensur durch den Markt ist Desinformation, ihre Folge Orientierungslosigkeit. So kommt es, dass Italiener immer wieder Berlusconi wählen, Amerikaner die durchgeknallte Sarah Palin reif fürs Präsidentenamt halten, Deutsche auf Guttenbergs Comeback warten wie auf die Wiederkunft Christi, und in Osteuropa Politiker regie-ren, die entweder unfähig oder korrupt oder beides sind.

„In der Diktatur kommen die Idioten durch Gewalt und Intrigen an die Macht, in der Demokratie durch freie Wahlen“, spottete der Aphoristiker Gabriel Laub zu einem Zeitpunkt, da in Deutschland Willy Brandt gerade angetreten war, mehr Demokratie zu wagen. Laubs satirisches Verdikt war auf die Vergangenheit gemünzt. Er erinnerte daran, dass Hitler ganz legal, durch freie Wahlen und eine verfassungskonforme Ernennung zum Reichskanzler an die Macht gekommen war. Und an den Jubel, mit dem die Zerstörung der Demokratie gefeiert wurde.

Demokratie ist etwas Anspruchsvolles, hochgradig Geordnetes, ein lange und schwer erkämpfter, unwahr- scheinlicher Ausnahmezustand, ein Garten des Menschlichen, der dauernder Pflege bedarf. Es ist leicht, ihn zu zerstören. Es braucht gar keine Gewalt. Schon Untätigkeit, Gleichgültigkeit lassen ihn verwildern, auch Desinformation und Lüge.

Wie schwer es ist, eine demokratische Ordnung zu errichten, ist eine Erfahrung, die den Aufständischen in den arabischen Ländern noch bevorsteht. Dass sie scheitern werden, ist wahrscheinlicher, als dass sie Erfolg haben werden. Wahrscheinlicher ist auch, dass unsere westlichen Demokratien irgendwann die schlimmstmögliche Wendung nehmen, als dass sie für immer bestehen bleiben.

Demokratie kann an Militarismus und Nationalismus zugrunde gehen, aber auch an einer Überdosis Hedonismus, Ökonomismus und Konsumismus. Oder an der von Bild im Fall Guttenbergs propagierten „Scheiß-drauf“-Haltung. Oder an der selbstgerechten Politikerverdrossenheit. Demokratie braucht Demokraten, mündige Bürger.

Wo aber steckt er, der mündige Bürger? Gibt es ihn überhaupt? Der mündige Bürger, das wäre einer, der bewusst Nachteile in Kauf nähme, wenn das Gemeinwohl es erforderte. Was wir stattdessen haben, ist der Bürger, der gegen Lärm klagt, wenn in seiner Nähe ein Kindergarten gebaut werden soll, der ja sagt zur Revolution in Arabien, aber nein zu den Flüchtlingen, die infolge der Unruhen zu uns kommen. Was wir haben, ist den Güllener, der gern als Komplize mit unsauberen Geschäftemachern kollaboriert.

Dennoch gibt es ihn, den mündigen Bürger. Man sah ihn kürzlich am Werk, als eine besoffene, medial manipulierte Mehrheit der Deutschen Guttenberg im Amt halten wollte. Reste einer kritischen Öffentlichkeit haben es verhindert.

Wird das beim nächsten Mal auch wieder klappen? Vielleicht. Aber kann eine Minderheit es schaffen, die Komplizenschaft von Konsumenten und milliardenschweren Interessensverkettungen dauerhaft zu knacken? Kann sie die Umkehr auf dem Weg in schlimmstmögliche Wendungen erzwingen?

Das muss der mündige Bürger selber entscheiden.

 

Süddeutsche Zeitung Magazin, 26.03.2011