Wir müssen reden, Alice

Frauenquote, Schwarzer vs. Schröder . . . und die Feminismus-Debatte nimmt kein Ende. Dabei ist doch viel interessanter, warum zwar ständig die Geschlechterrollen erschüttert werden, nicht aber die Machtverhältnisse.

Das Gelobte Land – es könnte aus weiteren 40 Jahren Hölle bestehen. Wollen wir das, liebe Alice? Wir müssen reden.

Was war die mutigste Tat in Ihrem Leben?“ So fragte die Moderatorin die fünf frisch gekürten Gewinner des Jugendliteraturpreises 2010 im Lesezelt der Frankfurter Buchmesse. Mich – als Autor eines Buches über mutige Menschen der Anlass für diesen Überfall – traf die Frage zuerst. Ich stotterte etwas von „Demokratie“, „Zivilcourage genügt“, „glücklich das Land, das keine Helden braucht“, und dann fiel mir ein, dass ich ja doch irgendwie ein kleiner Held bin. Daher antwortete ich: „Ich glaube, die mutigste Tat meines Lebens habe ich 1990 vollbracht, als ich meine gut bezahlte, sichere Festanstellung kündigte, um mich der Erziehung meiner soeben geborenen Tochter zu widmen.“ Das Publikum klatschte. Die Moderatorin jedoch, in deren Gesicht sich interessante Spuren langer Erfahrung im Geschlechterkampf zu einem Schmunzeln falteten, kommentierte: „Soso, für mutig hält er, was jeder Frau seit Jahrhunderten zugemutet wird.“

„Ich werde hier offenbar nicht ganz ernst genommen“, antwortete ich, „aber vielleicht beeindruckt wenigstens, dass ich erlaubt habe, dass meine Kinder den Namen meiner Frau tragen.“

„Soso“, sagte sie, leise in sich hineinschmunzelnd, „erlaubt hat er es.“

Da brach es aus mir hervor: „Ja, so ist das eben, wenn ein Herrscher freiwillig seinen Patriarchenthron räumt und sich aus Vernunft, Einsicht und wegen der christlich-abendländischen Werte zur Frau hinab begibt, um sich ihr auf Augenhöhe zärtlich zuzuwenden. Dann möchte er wenigstens für seine Tat geliebt, bewundert und verehrt werden, denn dazu gehört Mut! Mut zum Verzicht auf angestammte Privilegien. Und Mut zu der Erkenntnis, dass unsereins in der Weltgeschichte einst eine ziemlich trostlose Stellung einnehmen wird.“ Und dachte im Stillen: Sie hat ja recht. Aber hat sie jetzt den jüngeren Männern im Publikum einen Grund geliefert, es mir gleichzutun? Andererseits: Wie hätte sie reagieren sollen? Hätte sie mir tantenhaft über die Haare streichen und „brav“ sagen sollen? Das wäre die wahre Hölle gewesen.

Ach, es ist kompliziert geworden zwischen Mann und Frau. Das Feld, auf dem sie sich bewegen, ist seit Jahrzehnten vermint. Dabei hatte ich der Frau Schwarzer, der Haupt-Minenlegerin, in dem erwähnten Buch über mutige Menschen Kränze geflochten, obwohl sie sich einst, in den wilden siebziger Jahren, sehr unangenehm in mein Privatleben gemischt hatte. Ich war frisch verliebt in eine Schöne und wollte Romantik, Rotwein, Kerzen, das ganz normale, heiratsanzeigenübliche Mann-Frau-Programm. Die Schöne aber wollte diskutieren. Nächtelang. Über die Frage, wer jetzt das Klo putzt. Damit hatte sie Alices Frauenfrage in den Raum gestellt. Nur war mir das damals überhaupt nicht klar. Ich hielt die Frage für so abwegig und die Leidenschaft, mit der sie mich in eine Diskussion hineingezogen hatte, für so meschugge, dass ich das Gespräch verweigerte.

Viele Leidensgenossen meiner Generation machten diese abtörnende Erfahrung. Bis dato hatten wir uns hauptsächlich mit der Klassenfrage beschäftigt. Wer ist das revolutionäre Subjekt? Wen müssen wir entmachten? Wie gehen wir vor? Die Frauenfrage war bei Marx zwar auch schon vorgekommen, aber die Antwort lautete: Löst sich automatisch mit der Lösung der Klassenfrage. Jetzt plötzlich sollten wir uns mit all diesen albernen Wer-Fragen auseinandersetzen. Wer putzt, wer kocht, wer bügelt, und warum liegen schon wieder so viele Haare im Waschbecken? Nicht meine Fragen. Für so etwas hat doch einer, der die Weltrevolution plant, keine Zeit. Daher hatte die Schöne keine Zeit mehr für mich. Heute weiß ich, dass ich damit, ohne es zu merken, zum Zeitzeugen, Opfer und Akteur des größten Ereignisses der neueren Weltgeschichte geworden war. Das Ende des Patriarchats, der am längsten währenden, also erfolgreichsten Herrschaftsform aller Zeiten, hatte begonnen.

Um nur mal daran zu erinnern, wie es vorher war: Noch 1966 malte die damalige Bundesregierung ihr Bild der Frau als „Pflegerin und Trösterin“. „Sinnbild bescheidener Harmonie“ sollte sie sein, ein „Ordnungsfaktor in der einzig verlässlichen Welt des Privaten; Erwerbstätigkeit und gesellschaftliches Engagement sollte die Frau nur eingehen, wenn es die familiären Anforderungen zulassen.“ Noch 1976 mussten Frauen ihre Ehemänner um Erlaubnis bitten, wenn sie einer Erwerbsarbeit nachgehen wollten.

Ich wollte Romantik, Rotwein, Kerzen. Sie wollte diskutieren.

Inzwischen ist die Welt eine andere als in den zehn Jahrtausenden zuvor, und geboren wurde die neue Welt unter Schmerzen und kuriosen Begleiterscheinungen. Damals sah ich mir gerne „Casablanca“ an. „Ich schau dir in die Augen, Kleines“, sagte Humphrey Bogart zu Ingrid Bergman. Und dabei blickten zwei ebenbürtige Persönlichkeiten einander in die Augen. Es ging um Liebe und Tod, um Politik und Leidenschaft, um Gut und Böse, aber nie sah man jemanden Humphrey Bogarts Hemden oder Ingrid Bergmans Blusen bügeln. Offenbar wuschen und bügelten sich die von selbst. Jedenfalls waren sie kein Thema, und darum konnte die Liebe dort so groß sein, und so rein und so romantisch. So schön.

Draußen in der Welt aber verschwand die Romantik. Die Frauen schminkten sich ab, zogen ihre Büstenhalter aus und lila Latzhosen an und verloren jede Ähnlichkeit mit Ingrid Bergman. Sie zogen sich zurück in eine hermetische Frauenbuchladen-Parallelgesellschaft, zu der kein Mann – weil potentieller Vergewaltiger – Zutritt hatte. Außerdem galt unsereins als überflüssiger Penetrant, der Frauen keinerlei Lustgewinn brachte. Nackt vor dem Spiegel erforschten die Frauen sich selbst und ihr Geschlecht.

Ein Schock. Die Frauen hatten sich zu Menschen ausgerufen. Kein Geheimnis mehr. Ab jetzt nur noch Kampf und zähe Verhandlungen zwischen Mann und Männin. Die äußerlichen Unterschiede zwischen ihnen eingeebnet wie in Maos China, wo alle im selben blauen Kittel herumliefen. Und dann gab es auch noch die Esoterikfraktion, die unterm Schein der Mondin sich selbst genügte. Die Feministin Germaine Greer lehrte die Frauen, dass ihre Emanzipation erst dann vollendet sei, wenn sie in der Lage seien, ihr eigenes Menstruationsblut zu trinken.

Mit diesen Wahnsinnigen wollten wir Männer nichts mehr zu tun haben. Also widmeten wir uns wieder der Weltrevolution. Blöd war nur, dass wir jetzt den Kaffee selber kochen mussten. Und die Papierkörbe und Aschenbecher quollen über. Und die Texte für unsere Flugblätter mussten wir auch selber tippen. Wahrscheinlich deshalb geriet die Weltrevolution ins Stocken. Andererseits zog es einen weiterhin zum anderen Geschlecht. Was blieb uns anderes übrig, als sich mit ihnen auseinanderzusetzen? Hundert Meter Frauenliteratur nachzulesen? Nebenher allmählich erwachsen zu werden?

Ja, wenn sie das doch gleich gesagt hätten. Es geht also gar nicht um diesen banalen Putzkram, sondern um die Abschaffung althergebrachter Machtverhältnisse. Das wollen wir doch auch! Da haben wir doch wieder unsere gemeinsame Basis. Sofort marschierten wir an die Spitze der Bewegung, die wir dann allerdings schon von Alice Schwarzer und ihren Truppen besetzt fanden. Die schickten uns zurück ins Glied, wo wir mühsam und schmerzlich lernten: Das Erhabene und das Banale sind auf seltsam fraktale Weise ineinander verschlungen. Erhaben ist der Gedanke der Emanzipation, die Befreiung aus Fremdbestimmung und historisch gewachsenen Fesseln. Banal aber, und doch unumgänglich, ist die Kopplung dieser geschichtsmächtigen Idee an die Frage, wer putzt. Erhaben ist die Forderung „Die Hälfte der Welt für die Frau“, banal und für unsereins unangenehm ist die Schlussfolgerung daraus: die Hälfte der niederen Arbeiten für den Mann. Mann muss die Frau schon sehr lieben, um sich darauf einzulassen.

Während wir Männer scheiterten, zogen die Frauen ihr Ding durch.

Und als wir uns darauf einließen, wurde alles noch schlimmer. Melancholie der Erfüllung. Die Frauen verloren ihr Interesse an uns. Weil es nicht mehr knisterte. Null Erotik zwischen uns. Softi wurde zum Schimpfwort, „Mann“ ein Synonym für „Krise“, und nicht wenige der militantesten Feminismus-Theoretikerinnen sah man aufgeputzt im Porsche eines Machos aus grauer Vorzeit in die Vergangenheit zurückbrausen. Also zurück zur alten Macho- und Chauvi-Nummer? Wurde offiziell auch nicht gewünscht. Was aber dann? Wussten die Frauen selber nicht. Wissen sie bis heute nicht. Die Männer haben allerdings auch keine Ahnung, wer sie noch sind und wie sie sein sollten. Elend allerorten. Ermüdende Diskussionen. Geht einem auf die Nerven.

Die Ironie der Geschichte aber ist: Während wir Männer mit unserer Weltrevolution jämmerlich scheiterten, zogen die Frauen ihr Ding konsequent durch und haben uns gezeigt, wie man eine Revolution macht. Noch dazu eine unblutige. Deren Folgen aber am meisten nerven: Frauenbeauftragte, Anti-Diskriminierungsgesetze, Frauenparkplätze, Frauenhäuser, Frauenquoten, Frauenministerinnen, Girls’ Days, keine Studenten mehr, sondern nur noch Studierende, überwiegend weiblich, immer mehr Lehrstühlinnen für Gender Studies – und je mehr es davon gibt, desto lauter ertönt die Klage über die Benachteiligung der Frau. Wie überall, so mündete auch hier der Versuch, Gerechtigkeit per Gesetz herzustellen, in Bürokratie. Und was ist das Ergebnis? Die Frauen sind frei, aber unglücklich. Die Männer auch. Beide öffnen ihre Ohren für die Sirenengesänge der Priester, Popen und Imame. Kehrt zurück zur alten Ordnung, wo alles so einfach und so fein geregelt war, singen sie.

Schon jene kleine Sklaventruppe, die sich vor 3200 Jahren unter Moses’ Führung durch Flucht aus den ägyptischen Steinbrüchen selbst befreite, hatte nicht etwa vor Glück geweint, sondern frustriert gemurrt. Sie machten die Ur-Erfahrung aller nachfolgenden Freiheitsbewegungen. Im ägyptischen Sklavenhaus träumten sie davon, eines Tages frei und glücklich zu sein. In der Wüste erlebten sie, dass sie zwar frei waren, aber nicht glücklich. Wüste bedeutet Hunger und Durst, Verirrung und Orientierungslosigkeit, und nicht wissen, was der nächste Tag bringen würde. Deshalb sehnten sie sich zurück an die Fleischtöpfe Ägyptens. Lieber satt sein als frei, lieber sicher als frei, sich lieber von seinem Herrn sagen lassen, was zu tun ist, als eigenverantwortlich handeln, lieber wieder den altbewährten Göttern der Heiden vertrauen als dem neuen unbekannten Gott – und der war erbost über diese nostalgische Sklavenmentalität und ließ sie zur Strafe 40 Jahre durch die Wüste irren, bis sie gelernt hatten: Im Kampf für die Freiheit geht es nicht um Glück, sondern um Würde.

Dieselbe Lektion haben die seit 35 Jahren unglücklichen emanzipierten Frauen zu lernen. Und die unter der Emanzipation leidenden Männer. Jetzt suchen sie alle verzweifelt nach „neuen Rollenmustern“, und ich werde regelmäßig gefragt, warum ich mich für einen „Rollentausch“ mit meiner Frau entschieden habe. Ich habe aber nicht „die Rolle“ getauscht, sondern den ganzen Rollen-Unsinn entsorgt. Ich bin ein freies Wesen, ich gestalte mir mein Leben, wie ich es brauche, wie ich es kann, und wie es meine Familie braucht. Wenn ich in ihr der Computerfreak bin, interessiert mich nicht, ob ich damit ein Männerklischee erfülle. Wenn ich koche, ist es mir egal, ob ich damit eine Rock- oder Hosenrolle spiele. Und wenn ich zwei Kinder großziehe, dann nicht, weil ich mir in der „Rolle“ des Avantgardisten gefalle, sondern weil ich darin eine sinnvollere und befriedigendere Tätigkeit erkenne als in einem Zweitgeistmagazin drittklassige Texte zu redigieren.

Die Sklavin will nicht frei werden, sondern Sklavenaufseherin.

Seit 35 Jahren irren Männer und Frauen nun durch die Wüste des Geschlechterkriegs. Nach der Zeitrechnung des alten Mythos müssten wir also in fünf Jahren am Ziel sein. Wenn der Fahrplan eingehalten werden soll, wäre es jetzt an der Zeit, sich Gedanken übers Gelobte Land zu machen. Für Feministinnen scheint es erreicht zu sein, wenn die Hälfte aller Politiker-, Aufsichtsrats- und Vorstandsposten weiblich besetzt sind.

Das aber heißt: Die Sklavin will nicht frei werden, sondern Sklavenaufseherin. Was habe ich davon, wenn mir nicht ein Kanzler, sondern die Kanzlerin den Gürtel enger schnallt? Was ist gewonnen, wenn nicht ein Boss, sondern eine Bossin mich feuert? Worin besteht der Fortschritt, wenn zwar jede zweite Machtposition in weiblicher Hand ist, aber die gesamte globalisierte Wirtschaft trotzdem eine Galeere bleibt, auf der Männer wie Frauen gleichermaßen im Krieg um Marktanteile verheizt werden, und die Peitschenschwinger je zur Hälfte aus Männern und Frauen bestehen? War es uns einst nicht darum gegangen, die ganze Sklaverei abzuschaffen, liebe Alice?

Das Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern ist erschüttert. In Ordnung. Nur: Bei den anderen Machtverhältnissen bebt nichts. Im Gegenteil. Die anderen Machtverhältnisse stabilisieren sich in dem Maße, in dem immer mehr brave, bestens an den Markt angepasste Streberinnen mit den anderen Strebern darum konkurrieren, ihren Herrinnen und Herren die höchste Rendite abzuliefern.

Süddeutsche Zeitung Magazin, 20.11.2010