Wir sind allein

Die 68er forderten die Abschaffung aller Autoritäten. Jetzt ist es so weit. Aber gut findet das eigentlich keiner

Jasmin und Anke schleppen regelmäßig Stückchen vom Bäcker, Schokoriegel, Cola- und Fanta-Dosen mit in den Unterricht, um ihr Frühstück zu halten. ,Wir hören doch zu und arbeiten mit‘, versprechen sie mit vollem Mund und pikiertem Augenaufschlag. Die Jungens ziehen sich Frittenportionen auf Papptellern mit Mayo und Ketchup vom Imbiss rein. ,Was regen Sie sich denn auf, bin ja gleich fertig.‘“

So klagte ein Lehrer öffentlich in der Zeitung – vor zwölf Jahren. Aber es könnte auch gestern gewesen sein. Oder vor fünfzehn Jahren.

Lehrer sind keine Autoritäten mehr. Es wird sie kaum trösten, dass sie nicht allein sind. Auch Politiker sind keine Autoritäten mehr. Intellektuelle nicht. Der Mann an sich ganz besonders nicht. Kirchen, Parteien und Gewerkschaften laufen die Mitglieder davon. Nationalstaaten sind nicht mehr souverän. Der Marxismus ist erledigt, der Aufklärungsoptimismus vorbei, und an den Kapitalismus glauben nur noch Banker und Mafiosi.

Auch die kleinen Autoritäten haben nichts mehr zu melden, denn es gibt sie gar nicht mehr. Der Hausmeister ist jetzt ein bei einer Service-Agentur angestellter Mini-Jobber, der Postler ein Zusteller auf Mindestlohn-Basis, und der ehemals gestrenge Eisenbahner, einst Schaffner genannt, heißt jetzt Zugbegleiter, fragt, ob er einen Kaffee bringen darf, und erwartet ein Trinkgeld.

Eigentlich müssten alle Alt-68er laut jubeln. Das war doch ihr Ziel, die Abschaffung jeglicher Autorität, das Schleifen der Institutionen, die Gleichheit der Menschen. Das Ziel ist erreicht. Warum feiern sie nicht, die 68er?

So könnte man fragen, wenn man dem Lieblingssport einiger Konservativer frönen wollte: dem 68er-Bashing. Es ist eine simple Sportart. Ihre Betreiber sehen immer nur die Kinderläden; das Mädchen, das mit den Füßen auf dem Klavier herumspringt; den Jungen, der fragt, ob er schon wieder tun muss, was er will. Sie sehen die Verirrungen der antiautoritären Bewegung. Und sie empfinden den Sturz der Autoritäten als Verlust, als Ursache für Chaos, Niedergang und Verfall.

Sie sehen nicht, was der Verirrung vorausging. Dabei ist uns das erst vor kurzem wieder in Erinnerung gerufen worden in Michael Hanekes Film „Das weiße Band“. Er schildert die Ordnung in einem norddeutsch-protestantischen Dorf vor dem Ersten Weltkrieg. Zu dieser Ordnung gehören der sonntägliche Kirchgang, die religiöse Unterweisung, aber vor allem der Gehorsam.

Ist wirklich niemand mehr da, der uns sagt, wo es langgeht? Müssen wir einfach lernen, uns selbst die Marschrichtung vorzugeben?

Die Kinder des Pfarrers reden das Familienoberhaupt mit „Herr Vater“ an und küssen ihm vorm Zubettgehen die Hand. Damit sie sich nicht selbst befriedigen, werden ihnen die Arme nachts am Bett festgebunden. Kleinste Vergehen haben zur Folge, dass der Herr Pfarrer in Stellvertretung für den strafenden Gott seine Urteile verkündet: zehn Schläge mit der Rute. Vollstreckung am nächsten Tag, sachlich, unabänderlich, ganz nach dem Bibelspruch, wen Gott lieb hat, den züchtigt er.

Acht Monate nach der Premiere wurde bekannt, dass nach diesem Spruch in einigen Klöstern noch bis in die neunziger Jahre erzogen wurde.

Es sei ihm nicht um die Ursachen des Nationalsozialismus gegangen in seinem Film, sagte Haneke, sondern um „ein gesellschaftliches Klima, das den Radikalismus ermöglicht. (. . .) Überall, wo es Unterdrückung, Demütigung, Unglück und Leid gibt, ist der Boden bereitet für jede Art von Ideologie.“ Am Anfang des Grauens – zwei Weltkriege, Faschismus, Stalinismus – war Erziehung, erzählt Hanekes Film jenen, die nach den Ursachen des Wahnsinns fragen.

Die Fragen hätten eigentlich gleich nach dem Krieg kommen müssen. Gefragt haben aber erst die 68er. Eine der gefundenen Antworten lautete: Es ist der zum Gehorsam erzogene „autoritäre Charakter“, der das Grauen ermöglichte. Diese Antwort war gut begründet.

Wir rufen nach starken Männern und verachten tatenlose Politiker.

Weniger durchdacht waren dann die praktischen Konsequenzen. Man schaffe autoritäre Strukturen ab, kritisiere autoritäre Institutionen und Personen, verzichte auf Machtausübung im Umgang mit Menschen und besonders mit Kindern, und dann werde er endlich beginnen, der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Das Ergebnis werde der mündige Bürger sein, der seine Probleme im herrschaftsfreien Diskurs vernünftig löst – hatte man geglaubt.

Heute erkennen wir: Zwar sind die alten Autoritäten weg, aber vom mündigen Bürger ist eigentlich nicht sehr viel zu sehen. Im Gegenteil. Was wir sehen, sind Bürger, die nach starken Männern rufen und Politiker verachten, weil sie nicht tun, was ihres Amtes ist: führen. Orientierung geben. Die Schwachen vor den Starken schützen. Soziale Sicherheit gewährleisten. Recht und Ordnung garantieren.

Wir hören Bürger fragen: Wem kann ich noch glauben, an was mich halten? Und wie orientiere ich mich in einer unüberschaubar komplexen, multiethnischen, globalisierten Hightech-Gesellschaft, in der nichts mehr sicher und nichts mehr gewiss ist?

Hier müssen die alten Autoritäten passen. Da haben sie nichts mehr zu bieten, und dies, ihre eigene Hilf- und Ratlosigkeit, nicht die 68er-Bewegung, hat zum eigentlichen und wahrscheinlich endgültigen Sturz der Autoritäten geführt.

Damit sind wir dann aber an einem Punkt, an dem der „mündige Bürger“ keine Politiker-Utopie mehr ist, sondern eine existentielle Notwendigkeit. Werdet endlich erwachsen, kümmert euch selbst umeinander und um eure Angelegenheiten, statt alles vom allmächtigen Vater Staat zu erwarten, möchte man den Massen zurufen, wenn man nicht wüsste, dass die Politiker dieses Staates sich diese Unmündigkeit selbst herangezogen haben.

Werdet endlich erwachsen, möchte man auch jenen Konsumbürgern zurufen, die sich geradezu infantil allerlei Ersatz- und Pseudo-Autoritäten unterwerfen: Kochgöttern, Literaturpäpsten, Diät-Aposteln, Fitness-Gurus, Filmstars, Popstars, TV-Promis, Sporthelden, Wunderheilern, Heidi Klum und Dieter Bohlen.

Wer aber sah, wie beseelt jene Glücklichen in die Kameras sprachen, denen es nach durchwachter Nacht und zehnstündigem Schlangestehen vor einem Apple-Laden gelungen war, als Erste ein iPad kaufen zu dürfen, und wer sieht, wie die Massen an verkaufsoffenen Sonntagen die Geschäfte stürmen, als ob Einkaufenkönnen von Montag acht Uhr bis Samstag 22 Uhr nicht reichen würde, enthält sich am Ende doch besser aller Ratschläge. Die etwas Anspruchsvolleren halten sich an die großen alten Männer, Altpolitiker wie Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker oder Heiner Geißler, die jetzt all das sagen und fordern, was zu sagen und fordern sie sich in ihrer aktiven Zeit nicht getraut hatten. Kämen sie plötzlich in die Verlegenheit, ihren Worten Taten folgen zu lassen – ihr Absturz in die Umfragekeller vollzöge sich ähnlich schnell wie der Absturz der Westerwelles und Pofallas und all der „politischen Pygmäen“, von denen sich schon Franz Josef Strauß umgeben fühlte.

Die Verzweiflung haltsuchender Bürger ging vor einigen Jahren so weit, dass sogar der Versuch riskiert wurde, längst entmachtete Autoritäten zu reanimieren: den Papst, die Kirche. Warum auch nicht? Wenn modern und cool sich gebende Zeitgenossen an die magische Wirkung von Steinen glauben,

Horoskopen vertrauen, zur Wahrsagerin gehen, dem Dalai Lama nachlaufen, zum Islam konvertieren – warum soll man es dann nicht auch mal mit Weihrauch, Reliquien und Jakobsweg-Pilgerei versuchen?

Werdet endlich erwachsen, ihr Konsumbürger!

Zufällig herrschte, als sich diese Stimmung breitmachte, in Rom der polnische Papst, ein Kommunikations-Genie, das es verstand, die Medien für sich einzunehmen, die Jugend zu begeistern und trotzdem Pillen und Kondome zu verdammen, am Zölibat fest- und Frauen vom Priesteramt fernzuhalten. Und zufällig traf dieser Papst auf bilderhungrige Privat-TV-Sender, die gemerkt hatten, dass ihre Zuschauer die katholische Farbenpracht und den Papst in seinem Papamobil genauso goutieren wie die bunten Royals in ihren Kutschen und den Pralinésoldaten um sie herum.

Plötzlich galt katholisch sein als cool, einige Männer machten sich als Feuilleton-Katholiken in Talkshows interessant, ein Literat wollte die alte lateinische Messe zurückhaben – und dann wurden wir auch noch Papst. Die deutsche Begeisterung über den einst ungeliebten Ratzinger kannte keine Grenzen mehr, medialer Overkill war die Folge, Ernüchterung das Ergebnis. Dieser Papst blieb sich treu und mutierte nicht zum Volkstribun. Er sagte anstößige Dinge über den Islam, die Protestanten, die Judenmission, die Homosexuellen, ließ durchblicken, dass er die orthodoxen Brüder mehr schätzt als die protestantischen, und sah keinen Grund, an seinen Ansichten über Pille, Zölibat und weibliche Priester etwas zu ändern.

Die Papstbegeisterung erlosch. Und nachdem bekannt wurde, was manche Priester und Mönche mit Kindern über Jahre hinweg so getrieben hatten, fielen die Kleriker im öffentlichen Ansehen in jenen Keller, der schon von Politikern, Bankern und Managern bevölkert ist. Um die Feuilleton-Katholizisten ist es still geworden seitdem.

Und wie um zu unterstreichen, dass sie wirklich nicht mehr ernst genommen werden wollen, haben deutsche Bischöfe beider Konfessionen vor einem Jahrzehnt Beratern von McKinsey die Idee abgekauft, Kirche als Business zu verstehen, in dem es gelte, auf dem Markt der Weltanschauungen und Religion um Einfluss, Kunden und Geld zu kämpfen. Sie als leitende Angestellte ihres Religionskonzerns hätten daher ihre Pfarrer zu professionalisieren und durch stetige Erfolgskontrollen zu disziplinieren.

Der Gottesdienstbesucher als Spiritualitätskonsument, Priester als Performer, das Pfarrhaus eine Service-Agentur, Seelsorger als Kundenbetreuer – da ist das Ende nah. Bald schon wird man die Kirche trösten dürfen mit dem Käßmann-Motto: Tiefer als in Gottes Hand kannst du nicht fallen.

Die Sache hat aber auch ihr Gutes, denn durch sie zeigt sich, dass die Geschichte vom Erlöschen aller Autorität gar nicht stimmt. Wenn Bischöfe jetzt wie Manager reden, wenn sie mit deren Sprache auch deren Denke übernehmen und auf sich selbst anwenden, dann kündet das von der Herrschaft einer neuen Macht, die so total ist, dass sogar die Kirche sich ihr unterwirft.

Schon viel früher als die Bischöfe haben Politiker sich dieser Macht unterworfen, die Denke von Betriebswirtschaftlern angenommen, auf die Politik und sich selbst angewendet, und sind so zu Vermarktern ihrer eigenen Person und Verkäufern von Botschaften geworden, die im Grunde nicht ihren Überzeugungen entspringen, sondern der jeweiligen Marktlage. Sie bedienen Wählergruppen, Interessen, Stimmungen, Medien. Sie entwickeln Kommunikationsstrategien, legen sich ein Image zu, verkaufen sich als Marke.

So dient man der neuen Macht, einer unheimlichen, gesichtslosen Herrschaft, die keinen festen Wohnsitz und kein Handy hat, als Person nicht greifbar und als Macht daher auch nicht angreifbar ist. Es ist der unbekannte Großinvestor mit seinen Trittbrettfahrern, den anonymen Kleinaktionären. Sie sind die Macht, die Autorität und die Institution, die über das Wohl und Wehe ganzer Nationen entscheiden. Wo ihr Geld hinfließt, blühen Oasen. Wo sie ihr Geld abziehen, wächst die Wüste. Wo sie ihr Geld einsetzen, fordern sie Rendite, zehn Prozent, zwanzig, fünfundzwanzig, immer mehr. Sie haben den Planeten zum globalen Industriestandort gemacht, entlang ihren Geldströmen gestaltet sich die Zukunft. An ihnen richtet sich alles aus. Politiker dürfen die Entwicklung als Sachzwangvollstrecker und nachsorgende Betreuer der Opfer begleiten.

Die Zukunft wird sich von selbst ergeben aus dem Spiel zufälliger Gewinnerwartungen und notwendiger Anpassung. Wie bitte? Eine solche Zukunft möchten wir nicht? Dann sollten wir Widerspruch einlegen massenhaft, deutlich, laut.

Wir sind nicht chancenlos, denn noch gibt es eine zweite Autorität, die uns zur Seite steht: die Verfassung. Und ein Gericht, das darüber wacht, dass die Verfassung gilt.

In dieser Verfassung steht, dass wir die Autorität sind, das Volk. Wir haben darüber zu bestimmen, wie wir hier leben und arbeiten wollen, nicht anonyme Aktionärsinteressen. Unter dem Schutz dieser Verfassung ist es prinzipiell möglich, die an die anonymen Märkte verlorene Gestaltungsmacht zurückzuholen. Wir müssen das nur wollen. Es muss organisiert, und es muss dafür gekämpft werden.

Es wäre eine Chance für die alten Institutionen, die Kirchen, Parteien, Gewerkschaften. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sie sie nutzen. Die Kirchen sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Der Blick der Parteien endet zuverlässig immer bei der jeweils nächsten Landtagswahl. Gewerkschaften fehlt jegliche Vision für die Zukunft.   Die Impulse werden eher von den international vernetzten Nichtregierungs-Organisationen zu erwarten sein. Und von den mündigen Bürgern. Die als kleine Minderheit ja tatsächlich existieren.

Wer diesen Kampf um die Rückeroberung der Demokratie organisiert, führt und sogar gewinnt – der wird die Autorität der Zukunft sein.