Karfreitag, das Kreuz – und das Kreuz mit uns und den Griechen

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Vor zwei Jahrtausenden wurde auf einem Hügel in Jerusalem von den Römern ein rund 30jähriger Jude ans Kreuz genagelt, von dem seine Anhänger später behaupteten, das sei Gottes Sohn gewesen und er sei an diesem Kreuz für unsere Sünden gestorben. Seitdem sind schätzungsweise tausend Meter Buch dazu geschrieben worden.
Das erste Buch in dieser Tausendmeterreihe, die Bibel, kennen heute nur noch die wenigsten, den Rest nur die Theologen. Und ein paar gebildete Laien haben, wenn’s hoch kommt, ein paar Meter davon gelesen. Diese, die Laien, können mit den Theologen lange, tiefsinnige Gespräche führen über die Bedeutung des Kreuzes für unsere Welt und unsere Zeit, und selbst jene, denen die Bibel nur noch als Sammlung antiker Märchen und Mythen gilt, können tief empfinden beim Anhören der Matthäuspassion.
Alle anderen aber verhalten sich nach dem Grundsatz: Was geht mich diese alte Geschichte heute noch an? Möchte man, dass ein anderer für die eigenen Sünden stirbt? So groß sind die Sünden nun auch wieder nicht, dass es nötig gewesen wäre, dafür einen so jungen unschuldigen Kerl grausam umzubringen.
Gestorben für unsere Schuld. Wenn es wenigstens für unsere Schulden gewesen wäre oder nur für die Schulden der Griechen, dann wäre die alte Geschichte heute hochaktuell und wiese vielleicht den Ausweg aus der Finanz-, Euro-, und Verschuldungskrise. Oder wir wären dank dieser Geschichte nie in diese Krise hineingeschlittert.
Zum Ärger der deutschen Regierung vermengen die Griechen gerade ihre Schulden mit deutscher Schuld – zwei ganz verschiedene Kategorien, die man sauber voneinander trennen sollte, wie unsere Regierung, etliche Medien und viele Deutsche meinen. Dass man diese aber vielleicht doch nicht so gut voneinander trennen kann, und schon gar nicht sauber, dämmerte unsereinem, als er gemütlich vor der Glotze saß, um sich von der ZDF-Politsatire Die Anstalt zu später Stunde amüsieren zu lassen.

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/sendung-a-bis-z#/beitrag/video/2373950/Reparationen

Die ganze Zeit schon war’s mal wieder um die Griechen gegangen, um die widersinnig erscheinende Exekution neoliberaler Dogmen durch die Troika und die Griechenlandrettung, die in Wahrheit eine Bankenrettung war. Zuletzt brachten Max Uthoff und Claus von Wagner die Verbrechen der Wehrmacht in Griechenland aufs Tapet und die daraus resultierenden Reparationsforderungen, die bis auf den heutigen Tag über 70 Jahre hinweg von jeder deutschen Regierung abgeschmettert worden sind. Das Lachen blieb einem zunehmend im Halse stecken und erstarb am Ende der Sendung ganz.
Da war es zu einem bewegenden Moment gekommen, vielleicht zu einem Stück Fernsehgeschichte: An der Studiowand hing ein Foto, das eine Szene des SS-Massakers im griechischen Dorf Distomo 1944 zeigt. Dann sah man das Foto eines vierjährigen Jungen, und die Kamera schwenkte auf einen weißhaarigen Mann, der im Studio ein paar Meter entfernt von diesem Foto auf einem Stuhl saß und sagte: „Der kleine Junge da, das bin ich.“ Er, Argyris Sfountouris, sei damals, 1944, am Arm seiner Schwester aus dem brennenden Haus geflohen. Seine Eltern, seine Verwandten waren von den Deutschen ermordet worden.
Sfountouris sprach mit einem leichten Schweizer Akzent, was kein Zufall war. Vier Jahre lebte er in griechischen Waisenhäusern, dann brachte ihn eine Rot-Kreuz-Delegation in ein Schweizer Kinderdorf. Dort ging er zur Schule, später studierte er in Zürich Mathematik und Astrophysik. In Distomo organisiert er seit Jahren Jugendbegegnungen mit der Deutschen Schule Athen. Es geht ihm nicht um Geld, sondern um Aufklärung, Wissen, Wahrheit und, ja, das allerdings schon: die Anerkennung von Schuld.

In jenem Moment, in dem ich Sfountouris reden hörte, dachte ich: Wenn der griechische Finanzminister Varoufakis in der ersten Woche seiner Amtszeit einfach geschwiegen und Sfountouris hätte reden lassen, und wenn sich Varoufakis in seinem weiteren Auftreten ein Beispiel an Sfountouris genommen hätte, wären die Verhandlungen mit der EU völlig anders gelaufen. Dieser alte Mann hatte innerhalb von drei Minuten das Publikum im Saal und die Zuschauer daheim für sich eingenommen. Er hätte auch die Medien und die gesamte deutsche und europäische Öffentlichkeit dafür sensibilisiert, dass die Vergangenheit noch immer gegenwärtig ist, besonders die noch nicht bekannte.

Das wäre die Chance gewesen, innezuhalten und grundsätzlicher zu diskutieren. Statt über die Arroganz des griechischen Finanzministers hätten wir über den Zusammenhang von Schuld und Schulden diskutiert. Es wäre Raum gewesen für die Frage, warum es so vielen Griechen so viel schlechter geht, seit sie von der Troika „gerettet“ werden. Es wäre vielleicht sogar die viel grundsätzlichere Frage gestellt geworden, ob es wirklich eine so gute Idee ist, Europa um eine Bank herumzubauen, um eine Bank, die sich jetzt in Frankfurt neben den anderen Banktürmen in den Himmel streckt als ein babylonischer Schuldenturm, der eher als Symbol für die Entzweiung Europas und der dort herrschenden babylonischen Sprachverwirrung taugt denn als Symbol für ein einiges Europa.

Und natürlich wäre auch diskutiert worden, ob es jetzt nicht allmählich an der Zeit sei, die griechischen Reparationsforderungen endlich ernst zu nehmen. Die Hardliner, die sich bisher immer juristisch trickreich durchgesetzt hatten, wären in Argumentationsnöte geraten. Auch die Schlussstrichzieher wären vor der ruhigen Gelassenheit dieses Argyris Sfountouris verstummt.

Die Mehrheit der heute lebenden Deutschen war nicht dabei, als in jenen zwölf Jahren zwischen 1933 und 1945 ein tausendjähriges deutsches Reich errichtet werden sollte, aber die Ungeheuerlichkeit dieser Jahre ragt in unsere Gegenwart hinein und wird es noch in tausend Jahren tun. Wer nach dem Krieg in Deutschland geboren wurde, ist in einen Schuldzusammenhang hineingeboren und dadurch unschuldig schuldig geworden. So muss man es wohl ausdrücken. Es gibt kein „das war ich nicht, und darum geht es mich nichts an“. Wenn mein Vater seinen Nachbarn erschlägt, kann ich zwar nichts dafür, aber das Verbrechen des Vaters haftet dem Sohn noch an, wenn der Vater schon längst tot ist.

Das Opfer des Verbrechens hat Angehörige hinterlassen, Kinder meines Alters, eine Ehefrau im Alter meiner Mutter. Zu ihnen und zur Tat meines Vaters muss ich mich ein Leben lang auf irgendeine Weise verhalten, und das Mindeste, was von mir zu erwarten ist, ist Empathie mit dem Opfer und dessen Angehörigen, das Aussprechen der Wahrheit, die Anerkennung von Schuld, Bitte um und Hoffnung auf Vergebung für den Täter und dessen Nachkommen. Und wenn die Angehörigen des Opfers in Not geraten, sind eigentlich die Angehörigen des Täters die erste Adresse, von der Hilfe kommen sollte.

Darum: Zahlt endlich, Merkel, Schäuble, Gabriel. Zwar wird kaum etwas besser in Europa, wenn Deutschland griechische Reparationsforderungen erfüllt, schon gar nicht schnell. Aber alles wird sehr schnell noch schlechter, wenn Deutschland nichts zahlt.

Die Zahlung könnte den Griechen eine Verschnaufpause ermöglichen und uns allen in Europa eine Pause fürs Nachdenken. Nachdenken darüber, wie es weitergehen soll. Die Zahlung böte die Chance, das vergiftete Klima der vergangenen Wochen zu entgiften.

Zwischen Ostern und Pfingsten liegen fünfzig Tage. Sie könnten genutzt werden, um einen Neuanfang in Europa zu initiieren, der in die Formulierung eines gemeinsamen politischen Willens fließt, und der könnte lauten: Lasst uns anfangen, Europa um eine Idee herum zu bauen.

Die Idee muss nicht erfunden werden. Sie ist seit mehr als zweitausend Jahren in der Welt – die Idee des gekreuzigten Juden.

Geht mich nichts an, werden die Atheisten jetzt mosern.

Geht Euch doch was an, behaupte ich. Die Begründung liefere ich an Ostern.

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Die Lebensgeschichte des Griechen Argyris Sfountouris, der als Vierjähriger das Massaker der Deutschen in Distomo überlebte, wurde bereits vor fast 10 Jahren in einer Dokumentation des Schweizer Filmemachers Stefan Haupt erzählt. Auf youtube findet sich der Film in elf Teilen:

https://www.youtube.com/results?search_query=Ein+Lied+für+Argyris+11

Den Faktencheck zur Sendung „Die Anstalt“ gibt es unter: http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/blob/37830270/2/data.pdf

Einen guten Artikel zur Frage der Reparationen liefert die NZZ unter:

http://www.nzz.ch/international/europa/es-ist-wichtig-dass-diese-wunde-nicht-weiter-schwaert-1.18507644

Zum Auftritt von Argyris Sfountouris schrieb die SZ: http://www.sueddeutsche.de/politik/profil-argyris-sfountouris-1.2419479