Wozu ein Buch über dieses alte Buch?

Das habe sich doch längst erledigt, bekomme ich häufig zu hören.

Hat sich erledigt? Dann schaut euch dieses Bild an. Da wird inbrünstig gebetet, dass Donald Trump Präsident bleibt. Diese Beter sind in den USA eine Macht. Sie haben einen größeren Einfluss auf die Weltpolitik als Merkel und Macron.
Oder denkt an Israel, wo Netanjahu einen schmutzigen Kompromiss nach dem anderen mit den religiösen Fanatikern in seinem Land eingeht, nur um sich selbst zu retten.
Schaut nach Polen und Ungarn, wo Kaczyński und Orbán unter Berufung auf den christlichen Glauben die „illiberale Demokratie“ zu etablieren versuchen. Nicht zu vergessen die frommen Muslime, die seit Jahrzehnten die Welt terrorisieren.

Religion war nach der Aufklärung ins Museum für ausgemusterte Ideen abgeschoben worden. Sie ist längst wieder in der Welt, wo ihre Anhänger mit Macht versuchen, diese Welt nach ihren heiligen Schriften zu gestalten. Dazu verbünden sie sich gern mit den Rechtspopulisten und Rechtsextremisten dieser Welt gegen die demokratische Zivilgesellschaft.

Wer die religiösen Fundamentalisten stoppen will, muss ihnen auf ihrer Ebene begegnen, das heißt: mit ihren heiligen Schriften. Die nämlich, zumindest die Schriften der Juden und Christen (mit dem Koran kenne ich mich nicht so aus), delegitimieren die politisch-religiöse Aggressivität der Frommen. 

Schon die Propheten, Jesus und Paulus haben sich mit ihnen angelegt, waren macht-, ideologie- und religionskritisch. Daher missbraucht sie, wer sie für Volk, Nation, Ehre, Vaterland einspannt. 

Wenn sie von Volk sprachen, meinten sie das Volk Gottes, und nicht die USA, die Polen oder irgendeine andere Nation. An den Tisch des Herrn durften alle, Juden und Heiden, Männer, Frauen, Kinder, Arme und Reiche, Gesunde und Kranke, und die Nationalität war egal. Das hat schon damals Anstoß erregt bei konservativen Traditionalisten. Die Bibel ist voll von solchen anstoßerregenden Geschichten und lässt keinen Zweifel daran, auf welcher Seite die Propheten, Jesus und Paulus stehen.

Schließlich: die heiligen Schriften. Sie sind von Anfang bis Ende von irrenden, in ihrer Zeit befangenen, dennoch genialen, liebenden, sich glühend für die Wahrheit interessierenden Menschen geschrieben worden. Kein Gott hat ihnen die Texte diktiert. Diese widersprechen einander auch oft, weil sie sich im Lauf der Zeit entwickelt haben und weil schon in ihnen Konflikte zwischen Traditionalisten und Reformern ausgetragen werden. 

Sie wurden nicht für uns geschrieben, sondern – oft aus konkreten Anlässen heraus – für die damals lebenden Mitmenschen, für Anhänger, für Gegner, und natürlich für die Kinder, Enkel und Urenkel. Nicht im Traum haben die Autoren daran gedacht, dass ihre Texte zwei Jahrtausende später noch immer gelesen und auf Handlungsanleitungen für die heutige Zeit abgeklopft werden. 

Wer daher heute meint, „Bibeltreue“ bedeute, die biblischen Texte wörtlich zu nehmen, ehrt sie nicht, sondern verrät sie, macht sie für die heutigen Menschen unbrauchbar. Wer ihnen auch heute noch etwas abgewinnen will, darf, ja muss sie hinterfragen, kritisieren, interpretieren, natürlich im Geist der Liebe und der Solidarität mit denen, die sie vor Jahrtausenden geschrieben haben.