Als ich noch Humor hatte

Wie viel Mami braucht das Kind?
Ein Hausmann kann sich über die Debatte nur wundern.

Nach vier Jahrzehnten Emanzipation hatte der heldenhafte Hausmann alle miteinander versöhnt und ging seiner Wege. Bis, ja bis . . .

Die nette Redakteurin von der Frauenzeitschrift bat um Lebenshilfe. Ich solle ihren gut verdienenden Leserinnen raten, wie sie ihre schlechter verdienenden Männer wieder aufrichten.

Ich ging, wie meistens, naiv an die Sache heran und schrieb einfach hin, was ich so dachte: Wenn dein Mann zetert und leidet, weil er weniger verdient als du, schick’ ihn weg und such’ dir einen Stärkeren, der das aushält. Oder bist vielleicht du diejenige, die leidet? Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder du befreist dich von diesen fossilen Überbleibseln aus einer versunkenen Zeit, oder du folgst weiter dem Diktat deiner Gene und Östrogene und dem Ruf der Urhorde, bleibst ein Weibchen, und suchst dir das zugehörige Macho-Männchen, das immer noch glaubt, mein-Auto-mein-Konto-mein-Haus reiche im 21. Jahrhundert als Befähigungsnachweis für die Kunst, eine moderne Ehe zu führen und ein gelingendes Familienleben zu gestalten. So oder so: Hör‘ auf zu jammern. Das ewige Drumrumgerede, das konsequenzlose Beratungs- und Therapiegeschwätz, das nervt einfach nur noch.

Die Frauenzeitschrift war beleidigt, und ich schrieb in mein Tagebuch: Im Jahr 36 nach Beginn der Frauenbewegung habe ich meinen Humor verloren.

Vor 36 Jahren erschien der Stern mit diesem berühmten Titel über die Frauen, die sich öffentlich dazu bekannt hatten, abgetrieben zu haben. Seitdem ist schätzungsweise in tausend Regalmeter Buch alles, was es über das Verhältnis der Geschlechter zu sagen gibt, von allen mehrfach gesagt und geschrieben worden. Es widerspricht inzwischen auch niemand mehr der Forderung: Die Hälfte der Welt für die Frau. Aber so bald daraus Konsequenzen gezogen werden, geht bei uns das Abendland unter, die ganze Diskussion fängt wieder bei Adam und Eva an, und Männlein und Weiblein fragen sich abermals, wer sie sind, wozu sie sind, warum, und überhaupt.

Vor fünf Jahren konnte ich darüber noch lachen. Damals tourte ich mit meiner Frau durch Deutschland, um zwischen Sylt und Konstanz vorzulesen, was wir über Erziehung geschrieben hatten. Darin betonten wir: Der erste Ort für Bildung ist die Familie.

Dann passierte, womit wir nicht gerechnet hatten. Auf jeder der mehr als hundert Veranstaltungen kam aus dem Publikum die Frage: Wenn die Familie für die Bildung so wichtig ist, wie ihr schreibt, wäre es dann nicht vielleicht doch besser, wenn die Frau zu Hause bliebe und sich wieder ganz der Familie widmete?

Das hat uns kalt erwischt, weil wir die Sache eigentlich für endgültig geklärt hielten, denn sogar die CSU hatte so eben erfolgreich einen Crashkurs im Fach Emanzipation hinter sich gebracht. Edmund Stoiber war Kanzlerkandidat und hatte die unverheiratete, mit einem zweiten Kind schwangere Mutter Katherina Reiche als künftige Familienministerin in sein Schattenkabinett berufen, und damit sei die alte Rollenverteilung zwischen Mann und Frau erledigt, dachte ich, und wir können die Lösung der wirklichen Probleme unseres Landes anpacken,

Aber in jeder unserer Lesungen stand dann plötzlich eine 40jährige Mittelstandsmutter auf und sprach, dass sie es satt habe, von den berufstätigen, egoistischen, nur sich selbst verwirklichenden Powerfrauen wechselweise als beautyfarmbevölkerndes, tennis- und golfspielendes Luxusweibchen niedergemacht zu werden oder als unbedarftes, geistig zurückgebliebenes, unselbständiges Hausmuttchen in der Kittelschürze. Sie sei es leid, die Hausfrauentätigkeit und Erziehung der Kinder gegen eine scheinbar höherwertige Berufstätigkeit verteidigen und sich für ihr Opfer rechtfertigen zu müssen. Tosender Beifall.

 

Die Temperatur im Saal fiel auf minus zwanzig Grad, und von den egoistischen Powerfrauen, die natürlich auch anwesend waren, wandte eine zaghaft ein, sie seien es doch, die sich immer für ihre Berufstätigkeit rechtfertigen und als Rabenmütter bezeichnen lassen müssten.

Krippe ja oder nein. Das ist nur noch bei uns hier ein Kulturkampf.

Die hauptamtlichen Opfermütter, sekundiert von nebenamtlichen Vätern, verwiesen auf einen Zusammenhang zwischen Krippenerziehung und PISA, Kriminalität und Amokläufen.

Es gebe doch gar keine Krippen, sagten die Powerfrauen. PISA sei ja wohl eher eine Frucht der zu Hause waltenden Hausfrau. Auch die bindungsunwilligen Muttersöhnchen, die keine Kinder, keine Verantwortung und keine Hausarbeit übernehmen möchten, seien weit überwiegend ein Resultat jenes Rundum-Sorglos-Pakets, welche die militant verwöhnenden Übermütter ihren Herzbuben angedeihen ließen.

Die militanten Übermütter konterten mit „staatlich verordnetem Kinderraub“, worauf die Powerfrauen die Betreuungsländer Frankreich, Finnland und Schweden in den Ring warfen. Es war ein richtiger Kulturkampf, der da tobte, und ich war unschuldig zwischen die Fronten geraten.

Was tun? Ob Opfermutter oder Powerfrau, ich muss sie versöhnen, dachte ich. Und so präsentierte ich mich ab der vierten Lesung als der Mann, der sein Leben dem Frieden geweiht hat. Ich bekannte, für die Verbrechen des Patriarchats Sühne leisten zu wollen und erzählte vom ersten Meilenstein, den ich auf meinem Weg des Friedens gesetzt hatte, als mir die Frage „Kind oder Karriere“ in die Quere kam und ich großzügig meiner Frau die Karriere überließ.

Ich erzählte, mir ausgemalt zu haben, wie ich Alice Schwarzer und allen anderen Frauen zurufe: Seht her, hier bin ich, der neue Mann, ein Held unserer Zeit! Während meine Frau Karriere macht, schmeiße ich den Haushalt und ziehe ein paar Kinder groß. Mir nach, Männer, wir sind die wahren Revolutionäre. Die Supermänner! Man wird uns bewundern, man wird uns verehren, die Leute werden uns in den Bundestag wählen und als Kanzlerkandidaten vorschlagen.

Ich verschwieg nicht, wie dann doch alles anders gekommen war, Schwarzers Emma mich nicht zum Mann des Jahres gewählt hat, die Medien meine revolutionäre Tat ignorierten, Franz Josef Wagner in der Bunten mich als Schlaffi niedermachte, die Welt lieber die Powerfrauen feierte, und das Feuilleton Popliteraten interessanter fand, die von morgens bis abends nichts anderes zu tun haben, als darüber nachzudenken, auf welche Party sie gehen und was sie dafür anziehen.

Ich gab zu, nicht mehr auf Partys gegangen zu sein, weil ich die Partyfrage fürchtete: Und was machst du denn so? Und ich gestand, dass ich es nach einem Jahr Hausputz- und Vatermartyrium satt hatte, von den körperlichen Bedürfnissen eines schreienden Kleinkinds durch den Tag und die Nacht gehetzt zu werden und daher begehrte, von Babysittern, Au-pair-Mädchen und dem üblichen Hilfspersonal unterstützt zu werden. Das bekam ich, aber meine Lage verbesserte sich kaum, denn auch mit all diesen Hilfstruppen besteht der Alltag des zu Hause arbeitenden Mannes aus so viel Organisation und Improvisation, dass er kaum dazu kommt, einen Artikel, geschweige denn ein Buch zu schreiben.

Das Leben ist ausgefüllt mit Arztbesuchen, Zahnspangenkorrekturen, Elternabenden, Pausenbroten, Hausaufgaben, Schulkonzerten, Kindergeburtstagen und Nachhilfestunden. Die sensible und kostbare Hilfstruppe muss gut behandelt, beschenkt, effizient geführt und häufig neu organisiert werden, da sie spontan zu anderen Plänen neigt und nicht selten über Nacht abhanden kommt. Die Klavierlehrerin schätzt es, von mir mit Kaffee und Kuchen bewirtet zu werden, und schließlich ist da noch die voll berufstätige Ehefrau, die abends nach Hause kommt und nicht nur ein köstliches Mahl auf dem gedeckten Tisch erwartet, sondern auch eine aufgeräumte Wohnung, sauber gewaschene Kinder und einen entspannten Ehemann, welcher die vom Job gestresste Ehefrau charmant lächelnd mit einem Aperitif empfängt und in die Arme nimmt.

Ich spürte, wie mir die Frauenherzen zuflogen, und ich rief in den Saal: Seit ich all diese Anforderungen kenne, welche jahrhundertelang allein den Frauen oblagen, bin ich ein Feminist!

Während alle applaudierten, holte ich zum alles entscheidenden Schlag aus und warf die Frage in den Raum: Wieviel Mutter braucht ein Kind?

Weniger als Sie denken, sagte ich. Kinder brauchen vor allem andere Kinder. Ganz abgesehen davon, dass es, wie überall im Leben, auch unter Müttern glatte Versager gibt. Und was kann denn eine Hausfrau ihrem Kleinkind bieten, während sie putzt, wäscht, kocht und bügelt? Diese Zeit verbringt das Kind doch im Ein-Quadratmeter-Laufstall.

In der Krippe könnte es unter der Aufsicht geschulten Personals vieles lernen, was es zu Hause nicht lernt. Ein kleiner Prinz, der zu Hause nur ein mütterlich-seufzendes „du, du“ hört, wenn er seine Mutter in den Arm beißt, bekommt in der Krippe von anderen Kindern gesagt „du blöder Depp“. Oder wird zurückgebissen. Das kann die weitere Entwicklung des kleinen Monarchen zum zivilisierten Mitteleuropäer enorm fördern.

Wie man es anstellt, respektiert, gar gemocht zu werden, einen Freund zu gewinnen, das lernt man nicht zu Hause, sondern „draußen“, in der Welt der anderen Kinder. Verteidigen, trösten, Stärkere austricksen, Schwächeren helfen, Seilschaften bilden, Intrigen durchschauen – all das lernt der Mensch nur in der Gruppe. Ganztagskindergärten sind darum keine Abschiebung unserer Kinder, auch kein bloßer Ersatz für das Nest der Familie, sondern eine notwendige Ergänzung.

Unter den Opfermüttern im Saal war es still geworden. Nachdenklich gingen sie nach Hause. Nach der hundertsten Veranstaltung hatte ich das Land wieder auf Emanzipationskurs gebracht. Der Frieden zwischen den Geschlechtern wuchs.

Wurde die kleine Maybritt Illner auf dem Töpfchen depressiv?

Bis plötzlich wie die Wildsau aus dem Unterholz ein Mensch namens Söder hervorbrach und im Namen der CSU und der heiligen Mutter Kirche alles wieder kaputtmachte. Unterstützt wird er dabei vom rechten Bodensatz unseres Volkes, einem bayerischen Provinz-Bischof, dem seit seiner Zeit im Priesterseminar von Nonnen und Haushälterinnen täglich eine warme Mahlzeit auf den Tisch gestellt wird, und der Amazonin Eva Herman, die das Gegenteil dessen gelebt hat, was sie jetzt predigt – wahrlich ein Dreigestirn, das bestens qualifiziert ist, um junge Familien zu lehren, wie sie leben sollen.

Das Dreigestirn weiß natürlich genau, wie schädlich die Krippenerziehung ist. Sieht man ja an unseren Ossis. Maybrit Illner, Peter Sodann, Manfred Krug, Wolf Biermann – allesamt sozialistisch genormte Kollektivneurotiker, deren Individualität schon bei ihren gemeinsamen Sitzungen auf dem Töpfchen im Keim erstickt wurde.

Dagegen unsere bayerischen, von ihren Supermüttern liebevoll und aufopfernd hochgepäppelten Mannsbilder – wie gesund und individuell verschieden sich die weiß-blauen Landeskinder unter ihren Vollzeit-Mamas entwickeln durften, erkennt man daran, dass sie als strebsame Jugendliche geschlossen in die CSU eintreten, dort sehr leiden unter dem Gestammel ihres großen Vorsitzenden Edi, aber viel zu gut erzogen sind, um ihm das offen ins Gesicht zu sagen, weshalb sie sich lieber hintenrum so lang das Maul zerreißen, bis eine Landrätin ausspricht, was alle denken, die Partei damit von einer Last befreit und dafür dann in Passau von den wohlerzogenen bayerischen Mamasöhnen unter Gejohle, und mit Wörtern wie Hexe, Hure und blöde Sau aus dem Bierzelt getrieben wird. Und die gebildeten Herren aus der Führungsriege, die keine Gelegenheit auslassen, den Verfall der Werte und das Fehlen von Vorbildern zu beklagen, haben inmitten der von ihnen angeheizten Lynchstimmung gegen eine wehrlose Frau vorbildlich der Versuchung widerstanden, die durchgeknallte, bayerisch-krachlederne Männermeute zur Raison zu bringen.

36 Jahre nach Beginn der Frauenbewegung wird doch tatsächlich immer noch versucht, die Rollenverteilung der Steinzeit fürs dritte Jahrtausend festzuschreiben. Und die Frauen in ihrer unendlichen Geduld setzen sich abermals damit auseinander, statt einfach nur noch zu sagen: Was wollt ihr? Unsere Rechte stehen seit einem halben Jahrhundert im Grundgesetz, also haltet endlich die Klappe oder begebt euch ins afrikanische Okavango-Delta und studiert die Jacanas. Das ist eine Vogelart, bei der die Männchen die Eier ausbrüten, während sich die Weibchen nach neuen Partnern umsehen.

Süddeutsche Zeitung Magazin, 10.03.2007