Egon Bahr so eben von Willy Brandt im Himmel empfangen worden

Egon Bahr so eben von Willy Brandt im Himmel empfangen worden

Nachdem Egon Bahr und Willy Brandt im Himmel einander stürmisch umarmt haben, fangen sie sogleich an, über Politik zu reden. „Was würdest du tun, Willy“, fragt Egon, „wenn wir jetzt noch da unten, 40 Jahre jünger und an der Regierung wären“?

„Das ist doch klar“, antwortet Willy, „wir würden den Amerikanern die Freiheitsstatue klauen und sie vorm Felsen von Gibraltar errichten, auf dass jeder, der aus Afrika kommt, lesen könnte, was da eingraviert ist:

‚Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,
Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt‘ ich mein Licht am gold’nen Tore!’

Kopien der Statuen würden wir vor Lampedusa, vor Kos und vor der ungarischen Grenze aufstellen. Vor Bayern würden wir ein Kruzifix errichten und dazu den Text der Bergpredigt in eine große Tafel meißeln.

Und dann würden wir die geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren, per Flugzeug, Schiff, mit Bussen und Bahnen nach Deutschland holen, wo sie zunächst in Zeltlagern, dann in Containern untergebracht und versorgt würden, wo Lehrer auf sie warten, um ihnen Deutsch beizubringen, wo Leute vom Arbeitsamt und Leute aus der Wirtschaft die sofort Vermittlungsfähigen schnellstmöglich in Jobs brächten. Die anderen, vor allem die jungen Männer, würden rasch angelernt, um beim Bau und der Einrichtung der Häuser und Wohnungen für die Neuankömmlinge zu helfen.

Die CSU würde schreien, wir haben kein Geld, das können wir nicht bezahlen, das können wir unserer Bevölkerung nicht zumuten. Und wir würden antworten: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Geld. Als die Banken gerettet werden mussten, war das Geld ja auch da. Als wir unsere Soldaten nach Afghanistan schickten, war das Geld da, und für den dümmsten und verlogensten Krieg des 21. Jahrhunderts hatten die Amerikaner eine Billion Dollar aufgebracht. Jetzt sollen sie mal 50 Milliarden rüberwachsen lassen dafür, dass wir hier die Probleme lösen, die durch ihren scheiß Krieg entstanden sind. Wir geben weitere 50 Milliarden dazu, und diese 100 Milliarden werden nicht verloren sein, denn sie sind eine Investition in die Zukunft. Wir investieren in Menschen, wir werden sie ausbilden, mit Wohnungen versorgen, wir gewähren ihnen Kredite, die sie im Lauf ihres Lebens hier teilweise wieder zurückzahlen, aber vor allem werden sie diese Kredite zurückzahlen durch die Arbeit, die sie hier leisten werden. Sie werden Steuern zahlen und in die Sozialkassen einzahlen. Sie werden Bankkonten eröffnen, Autos kaufen, Bausparverträge abschließen und sich versichern, aber vor allem, liebe Boot-ist-voll-Schwätzer: Das Boot leert sich gerade. Im Jahr 2050 werden wenige Junge viele Alte durchfüttern müssen. Die Flüchtlinge sind eine Chance, diesen Demografie-Effekt zu mildern.

Und noch etwas, Ihr Kurzfristdenker, die Ihr außer der Sorge um Eure Wiederwahl kaum etwas anderes im Kopf habt: Dies ist ein historischer Augenblick, in dem eine letzte Chance für die weiße Herrenrasse steckt. Diese Rasse hat zwar die Idee der Gleichheit erfunden, aber nur auf sich selbst angewandt. Die nicht-weißen Menschen in den Kolonien und in Amerika, wurden, wenn sie schwarz waren, versklavt, wenn sie rot waren, abgeknallt, der Rest wurde ausgebeutet und von gekauften Vasallen diktatorisch in Schach gehalten.

Ein großer Teil der Probleme, die jetzt durch die Flüchtlingswellen zu unseren Problemen werden, wurde durch die Tatsache verursacht, dass wir hier und in den USA über Jahrhunderte immer nur an den Rohstoffen interessiert waren und nie am Schicksal der Menschen in den Ländern, aus denen jetzt der Massenexodus beginnt.

Wir Weißen bilden eine schrumpfende Minderheit auf diesem Planeten. Kann gut sein, dass uns die Mehrheit irgendwann für 500 Jahre Kolonialgeschichte, Ausbeutung und Imperialismus büßen lässt. Wenn wir das verhindern wollen, müssen wir jetzt beginnen, diese Geschichte zu korrigieren, müssen wir jetzt Wiedergutmachung leisten. Die Flüchtlingsströme bieten uns die einmalige Chance dafür. Lasst die Flüchtlinge hier leben und lernen. Bilden wir sie so aus, dass ein Teil von ihnen in ihre Heimatländer zurückkehren kann, um dort funktionierende Demokratien mit rechtsstaatlichen Strukturen aufzubauen.
Lasst uns rund ums Mittelmeer eine Zone des Wohlstands und des Friedens schaffen, in dem Menschen unterschiedlichster Kulturen freundlich miteinander leben und arbeiten.“

So haben, nach ersten Gerüchten, Willy Brandt und Egon Bahr im Himmel miteinander gesprochen, und ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass die Geschichte so im großen und ganzen stimmt. Nur das mit der Freiheitsstatue, das glaube ich nicht. Die würden sie natürlich vor New York stehen lassen, die wäre ihnen viel zu monströs und auch zu verlogen. Allenfalls Michelangelos kleinen David würden sie vielleicht aufstellen, aber wahrscheinlich nicht einmal den, denn so romantisch und abenteuerlich waren sie ja doch nie, waren ja immer geerdete Sozialdemokraten, wenn auch Sozialdemokraten mit Visionen. Und eben wegen dieser Erdung hätten sie auch nie zum Arzt gehen müssen.

Den Arzt bitter nötig haben eher jene visionslosen Realpolitprofis, die ernsthaft glauben, mit Taschengeldkürzungen und schnelleren Abschiebungen des Flüchtlingsproblems Herr werden zu können.

Nein, unser Boot ist nicht voll, es ist nur jetzt, nach dem Fortgang von Egon Bahr, endgültig von allen guten Geistern verlassen. Und wenn wir Pech haben, gibt’s auch keinen Himmel, sondern immer nur Höllen, und die sind auf der Erde. Und zwischen den Höllen fahren ein paar Schlafwagen-Pullmans, hinter deren getönten Scheiben der deutsche Michel Fernsehen guckt, bei amazon bestellt, sich in Fantasy-Literatur und Krimis vertieft, auf den Zalando-Seiten surft und die EU-Kommission einen guten Mann sein lässt.