Sag mir, wo die Männer sind

Wann ist ein Mann ein Mann, und seit wann haben Frauen Eier? Lange nicht mehr gehabt, diesen alten Evergreen, aber heute fragt Claudius Seidl in der FAS, wo die echten Männer sind. Und ich werde später begründen, warum das eine nicht mehr zeitgemäße Frage ist, von der wir uns endlich verabschieden sollten.

Aber zunächst zu dem sehr lesenswerten und wie immer brillant geschriebenen Essay von Seidl, für den der Anlass seiner Frage in dem Thema steckt, das derzeit und wohl auch künftig alle anderen Themen überschattet: FlüchtlingePegidaAfDEuropazerfällt und wohin das alles noch führen soll.

Es ist der Versuch einer Antwort auf die Frage, die neulich Cora Stephan in der NZZ gestellt hat: Wo war der deutsche Mann in der Kölner Silvesternacht? Warum hat er die Frauen nicht beschützt? Und Cora Stephan antwortet, weil der deutsche Mann sich längst zum „postheroischen Mann“ gewandelt hat, der mit dem archaischen Begriff „Ehre“ wenig anfangen kann und schon lange nicht mehr auf die Idee kommt, Frauen als schutzbedürftig anzusehen.

„Die Jüngeren sind die friedfertige Generation, kennen keinen Krieg und selten Gewalt, haben sich als Einzelkind gegen konkurrierende Geschwister nicht durchsetzen müssen, leben geborgen im Hotel Mama. Eigentlich ist es unfair, sie dafür als Weicheier zu beschimpfen.

Sollen sie nun wieder auf ‚stark und beschützend’ lernen und sich für die Rolle des benevolent, aber mit harter Hand herrschenden Patriarchen ertüchtigen, damit kein dahergelaufener Marokkaner ihre Frauen ‚antanzen’ kann?“ (Cora Stephan)

Seidl antwortet darauf zunächst wie ein großer weiser alter Mann: Ach was, Helden, Heroismus, Männlichkeit – die Helden sind doch schon lange tot. „Siegfrieds Leiche wurde in Worms verbrannt, die des Achilles im Meer bestattet. Und jene, die einander von den Helden erzählen, die Dichter und ihr Publikum, trauern vielleicht der vergangenen Größe hinterher – und sind doch froh, dass sie es nicht mehr mit den Hydren und den Drachen zu tun bekommen. .. Die Zeit der Helden war die Vorgeschichte, … . Danach kam die Zeit der Gesetze und der Polizei.“

In diesen postheroischen Zeiten „in einem postheroischen Land, das von postheroischen Männern bevölkert ist“, leben wir also schon ziemlich lange und sehr selbstverständlich, meint Seidl, und fragt, warum plötzlich so getan wird, „als ob die Zeit der Helden gestern erst zu Ende gegangen wäre“? Warum wird suggeriert, dass wir quasi über Nacht müde, ängstliche, dekadente Weicheier geworden sind?

Weil wir mit diesem Verdacht von außen konfrontiert werden. Ein paar durchgeknallte Mitglieder der polnischen Regierung spotten über uns Veganer und Radfahrer. Und eine alte Männerherrlichkeit namens Wladimir Putin meint, „dass, wo die Frauen so stark und die Homosexuellen so sichtbar und selbstbewusst sind, für die Entfaltung deutscher Männlichkeit kein Raum mehr bleibe“ und der eigene Untergang herbeigeführt werde – ein stockreaktionärer, tausendfach nachgeplapperter und tausendfach widerlegter Uralt-Topos, der erzählt wird, „seit in der Antike die Römer und die Germanen einander gegenüberstanden: … da draußen die kräftigeren und naturwüchsigeren Männer, … hungrig, mutig und kein bisschen korrumpiert vom Reichtum der Zivilisation“ drinnen die dekadenten Schwächlinge, deren Frauen, Besitz und Kultur demnächst von den gesunden, starken, von keiner Zivilisation angekränkelten Heroes kampflos übernommen werden.

Dieser Bullshit ist der Brennstoff, mit dem heute die paranoide Angst vor der „Islamisierung des Abendlandes“ befeuert wird. Und die nordafrikanisch und arabisch aussehenden Männer auf der Kölner Domplatte samt der politisch-deutsch-korrekten Ablenker und Verharmloser haben leider auch viel dafür getan, dass diese Paranoia epidemische Ausmaße annimmt.

Aber es gibt eine moderne, fortschrittliche Gegenerzählung zur verstaubten Untergang-des-dekadenten Abendlands-These. Derselbe Konflikt lässt sich nämlich laut Seidl „auch so schildern, dass der Barbar am Rand der zivilisierten Welt gar kein richtiger Mann ist, eher ein groß und geschlechtsreif gewordenes Kind, unendlich grausam und unbeherrscht.“ Wogegen ein Mann in unserem modern-fortschrittlichen Verständnis „einer ist, der an sich gearbeitet, Geist und Körper gebildet hat, ein Mensch, dessen Herrschaftsanspruch mit der Beherrschung seiner selbst beginnt. ‚Virtus’, das lateinische Wort bezeichnet nicht nur die Männlichkeit, den Mut und die Kraft, sondern auch Tugend, Moral und Sittlichkeit, was man nicht in dem Sinn lesen sollte, dass, wer das entsprechende Chromosom besitzt, die Tugend und Moral gratis mitgeliefert bekommt. Sondern, in den Jargon unserer Gegenwart übersetzt, so, dass Männlichkeit weniger eine Frage der Biologie als eine der Kultur ist, eine Fähigkeit also, die man lernen, üben, sich aneignen muss.“

Und hier liegt nun der Grund, warum wir endlich die Frage begraben sollten, was heutzutage denn männlich sei, denn schauen wir uns doch mal um: Wer beweist heute „Eier“?

Es sind sehr viele Frauen. Pussy Riot zum Beispiel. Im Frühjahr 2012 haben sie im Altarraum der Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale ein vulgäres Anti-Putin-Lied gesungen und sind natürlich sogleich abgeführt und zu zwei Jahren Arbeitslagern verurteilt worden, unter dem Beifall vieler Russen, die ihre Kirche entweiht, ihre religiösen Gefühle beleidigt und Gott gelästert sahen – eine Blasphemie.

Die wahre Blasphemie liegt aber darin, dass in dieser Kirche der russisch-orthodoxe Patriarch zuerst Putin begrüßt, dann Christus. Die Gotteslästerung liegt darin, dass sich die russische Kirche vor Putins Karren spannen und sich dafür mit staatlichen Privilegien korrumpieren lässt. Beleidigt wird von diesem uralten, voraufgeklärten Machtbündnis zwischen Thron und Altar die Vernunft aufgeklärter Christen.

Dagegen haben die Frauen von Pussy Riot am richtigen Ort mit der richtigen Aktion protestiert, wissend, dass sie das in den Gulag bringen wird. Das Mickermännchen aber, das sich in in wechselnden Outfits, gerne halbnackt mit Pferd, ohne Pferd, über Wasser, unter Wasser, am Boden und in der Luft vor jeder Kamera als größter Eierträger der nördlichen Halbkugel gerieren muss,
Wladimir Putin, hat sich vor diesen Frauen so gefürchtet, dass er seine ganze Staatsmacht aufbieten musste, um sie – und zahlreiche andere Oppositionelle – in den Gulag zu verbannen und vor ihnen sicher zu sein.

Die Journalistin Anna Politkowskaja hat mit dem Leben dafür bezahlt, dass sie jahrelang Putins Machenschaften aufdeckte. In Saudi-Arabien und im Iran sind es vor allem junge Frauen, die gegen die Unterdrückung aufbegehren. Natürlich kämpfen auch viele Männer gegen Despoten, Diktaturen und ungerechte Verhältnisse, aber die Tatsache, dass sie das an der Seite der Frauen tun, zeigt eben, dass die Frage, was männlich sei, uninteressant ist. Die einzig interessante Frage lautet daher immer schon, aber heute besonders: Was ist menschlich? Was ist erwachsen? Was ist mutig?

Was menschlich ist, was unmenschlich, wird uns gerade jetzt seit vielen Monaten regemäßig vor Augen geführt. Menschlich sind die vielen ehrenamtlichen Helfer, Polizisten, Beamte, Landräte, Bürgermeister, die – egal ob Mann, ob Frau – bis an ihre Belastungsgrenze gehen, um Flüchtlingen zu helfen. Unmenschlich sind die Flüchtlingsbus-Blockierer, Brandstifter und Pegida-Hooligans.

Menschlich ist jene Dresdner Bürgerin, die heute in der FAS erzählt, wie sie unter dem vergifteten Klima leidet, das sich über diese schöne Stadt gelegt hat. Sie sei eigentlich eine, die sich nicht gern politisch engagiert, sei froh, wenn sie keiner nervt und ihr Leben in ruhigen Bahnen verläuft. „Aber das geht leider nicht mehr. Oder es geht für mich nicht mehr.“ Deshalb hilft sie jetzt in Flüchtlingsunterkünften, erteilt Deutschunterricht, denkt viel mehr über Dinge nach und rege sich teilweise gewaltig auf. „Manchmal sagte ich abends zu meinem Mann, ich will mich darüber jetzt nicht mehr unterhalten, ich kann einfach nicht mehr.“

Mutig und menschlich ist eine Kanzlerin, die den Problemen ins Auge sieht, sagt, wir schaffen das, die Probleme anpackt, Popularitätsverluste in kauf nimmt und tut, was sie kann, um die Zahl der Flüchtlinge zu senken. Umringt von einer Riege rechtspopulistischer Kraftmeier, in die sich das Petry-Storch-LePen-Trio Infernale verirrt hat, verhandelt sie geduldig und zäh mit Erdogan, schickt ihren Steinmeier nach Saudi-Arabien und in den Iran, macht Druck in Brüssel, während die Kraftmeier ängstlich und mutlos Zäune bauen, die Köpfe in den Sand stecken und nach der Devise handeln, rette sich, wer kann. Zu Hause ist sie umgeben von eierlosen Parteifreunden und -freundinnen, die in alle Richtungen eiern, und vom Groß-Eierträger Horst Seehofer, der alles, was er tut, aus Angst tut. Angst vor der AfD, Angst vor Machtverlust bei der nächsten bayerischen Landtagswahl, Angst vor Bedeutungsverlust seiner CSU in Berlin. Er mimt den starken Mann und ist so schwach, dass er nicht einmal mehr seinen Intimfeind Söder als Nachfolger verhindern kann.

Und dann sitzt ihm auch noch der Transrapidstotterer Stoiber im Nacken, der bis heute nicht verwunden hat, dass er nicht Kanzler geworden ist damals, als er sich schon zum Sieger ausgerufen hatte in der Wahlnacht. Der will jetzt seine kleine, spießige, armselige Rache an der Frau nehmen, auf deren Tisch als Adler aufgestiegene Jung-Siegfrieds – Christian von Boetticher, Norbert Röttgen, Stefan Mappus, Christian Wulff, Karl-Theodor zu Guttenberg, die Boygroup der FDP – reihenweise als Suppenhühner aufgeschlagen sind. Nicht weil Merkel sie abgeschossen hätte, sondern weil die sich allesamt selbst ins Knie geschossen hatten.

Nein, die Frage „was ist männlich“ brauchen wir nicht mehr. Sie hat sich erledigt.

„Diese Gegenwart, in der Männlichkeit nichts Exklusives ist und nichts, was man mit dem Y-Chromosom geschenkt bekommt, mag eine Zumutung sein“, schreibt Claudius Seidl, aber: „Es ist zugleich die beste Gegenwart, die Männer jemals hatten.“

Und Frauen auch, möchte man ergänzen. Weshalb Cora Stephan durchaus zurecht sagt:
„Es schadet derweil nicht, darüber nachzudenken, wie überlebensfähig unser hart erkämpfter und mittlerweile gewohnter moderner Lebensstil ist, auf den ich ungern verzichten würde – und wie attraktiv er auf Dauer für Zuwanderer sein kann, die seine Vorzüge erst schätzen lernen müssen. Die Individualisierung hat Europa Freiheit und Kreativität beschert. Das sollte so bleiben.“

Es braucht dafür mutige, menschliche, erwachsene Männer und Frauen, die dafür ruhig und geduldig kämpfen, dann schaffen wir das schon.

Zum Weiterlesen:

http://www.nzz.ch/meinung/debatte/der-postheroische-mann-1.18687259

http://christian-nuernberger.de/oh-boy/

Andreas Lebert Stephan Lebert: Anleitung zum Männlichsein