Abgefuckte Mythen

obamamerkelLieber Barack,
als Du geboren wurdest, da war ich zehn und hatte im Fernsehen die Bilder vom Bau der Berliner Mauer gesehen und deren Bedeutung aus dem entsetzten Gesicht meines Vaters herausgelesen. Zwei Jahre später sah ich im Fernsehen John F. Kennedy in Berlin und hörte, wie er sagte: »Ich bin ein Berliner«. Da waren praktisch alle Deutschen Amerikaner. Ich auch. Optimistisch, vertrauensvoll, vom Glauben an den Fortschritt und vom Glauben an das Gute der amerikanischen Politik beseelt, wähnte ich mich auf der richtigen Seite der Geschichte.
Von meinen Eltern kannte ich die Geschichte der Care-Pakete, die die Amerikaner nach Deutschland schickten, als der Krieg vorbei war und viele hungerten. In der Schule lernte ich, dass die Sowjets die Versorgungswege nach West-Berlin abschnitten und daraufhin die Amerikaner eine Luftbrücke eingerichtet hatten. Und natürlich wusste ich vom Marshallplan, den Krediten, Rohstoffen, Lebensmitteln und Waren, mit denen Amerika uns beim Wiederaufbau unseres Landes geholfen hatte.
In jenem Jahr, in dem Kennedy sich als Berliner bekannte, fuhr ich mit meiner Schulklasse in eine Jugendherberge in der Rhön. Der Aufenthalt wurde von der Regierung bezuschusst und an die Bedingung geknüpft, einen Ausflug zur »Zonengrenze« zu machen. Da standen wir dann vor der Grenze zur DDR, die damals noch SBZ genannt wurde (Sowjetische Besatzungszone), und blickten aus sicherer Entfernung auf den Stacheldrahtzaun, der Deutschland in »unsere Demokratie« und die »Diktatur da drüben« teilte.
„Kaum einer, der versucht, diese verminte Grenze zu überwinden, schafft es lebend“, sagte mein Lehrer. Ja, dachte ich, wer so etwas baut, muss böse sein, und ich war froh, auf der richtigen Seite des Zauns zu stehen. So begann ich zu glauben, dass ich in einer »westlichen Wertegemeinschaft« lebe, die von den USA angeführt und zugleich beschützt wird. In meinem Vergleich der Systeme stand es 100:0 für den Westen. Und ich war damit einverstanden, dass zur Verteidigung der Guten gegen die Bösen die NATO erfunden worden war, die unter der Führung der USA unsere Freiheit verteidigte. Der Zuschuss der Regierung zu unserer Rhönreise hatte sich, zumindest in meinem Fall, gerechnet.
Zehn Jahre nach Kennedys Berliner Spruch sahen wir im Fernsehen US-Soldaten, die in Vietnam Wälder entlaubten, Napalmbomben auf Dörfer und Städte abwarfen und auf alles schossen, was ihnen vors Gewehr lief. Damit sollten wir, »die freie Welt«, vor dem Kommunismus beschützt werden. Zum Verteidigungsbündnis dieser Wertegemeinschaft gehörte Portugal, das von einem Obristenregime diktatorisch regiert wurde und bis in die 70er Jahre Kolonialkriege in Afrika führte. Auch das NATO-Mitglied Griechenland wurde von einer Militärjunta beherrscht. Offenbar kannte der Westen also noch ein paar höhere Werte als Freiheit, Demokratie und Menschenrechte.
So bin ich erwachsen geworden und hatte im Lauf der Jahre gelernt, in der Beschwörung der »westlichen Wertegemeinschaft« die, wie ich damals schätzte, fünfzig Prozent Lüge und Propaganda zu erkennen, die damit transportiert wurden. Aber die andere Hälfte, so dachte ich, entspricht noch immer der Wahrheit. Immerhin wurde sowohl Franco aus Spanien als auch den Obristen aus Griechenland die Aufnahme in den Europarat verweigert, der 1949 als Forum westlicher Demokratien zur Abgrenzung von kommunistischen und faschistischen Diktaturen gegründet wurde. Mit seinem Gründungsdatum ist die Unterzeichnung der Europäischen Menschenrechtskonvention verbunden.
Und in meinem ganzen Leben machte und mache ich die Erfahrung: Ich darf lesen, was ich will, sagen, was ich denke, reisen, wohin ich will. Bei jeder Reise in die DDR musste ich an der Grenze den Spiegel, die Zeit, jedwedes »kapitalistische Propagandamaterial« abgeben. Bei der Ausreise hatten die DDR-Grenzer keine Einwände gegen das marxistisch-leninistische Propagandamaterial, das ich im Koffer nach Westdeutschland, in die »revanchistische BRD«, mitnahm. Die revanchistischen BRD-Grenzer hatten auch nichts dagegen, interessierten sich nicht einmal für den Inhalt meines Koffers.
Den kommunistischen Machthabern, die kein freies Wort zuließen, über Zeitungen, Radio und Fernsehen nur Lügen und Propaganda verbreiteten, Kritiker nach Bautzen, in die Psychiatrie oder in den Gulag steckten, ihre Völker hinter Stacheldraht sperrten, mit Waffengewalt an der Ausreise hinderten, schon Kinder als »junge Pioniere« zwangsmilitarisierten, Wehrdienstverweigerer schikanierten und noch nicht einmal in der Lage waren, die Konsumgüter des Alltags heranzuschaffen, traute ich jede Schandtat zu. Daher hatte ich kein Problem, zur Bundeswehr zu gehen und unser System notfalls mit Gewalt gegen diese Schergen zu verteidigen, denn es steht immerhin noch 50:0 für den Westen, dachte ich …
Bis Ronald Reagan und Margaret Thatcher während der 80er Jahre ihr neoliberales Programm starteten: Steuersenkungen für Reiche, Streichung von Sozialleistungen für Arme, Privatisierung staatlicher Einrichtungen, Entfesselung der Finanzmärkte. Da sank mein Glauben an die USA als Hüterin der westlichen Werte auf die 25-Prozent-Marke. Und schrumpft weiter, seit der neoliberale Glaube auch in Deutschland seine Wirkung entfaltet.
Mir wurde diese Wirkung erstmals bewusst, als im Jahr 1995 der damalige Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff von der Wochenzeitung Die Zeit zitiert wurde mit der Aussage, die Mobilität des Kapitals habe derart zugenommen, dass inzwischen »die internationalen Investoren unsere Jury« seien. Später zitierte dieselbe Zeitung einen ehemaligen Bundesbanker mit den Worten, das Vertrauen der Finanzmärkte in die Politik sei heute für die Regierungen mindestens ebenso wichtig wie das Vertrauen der Wähler. Seitdem bemühen sich die Regierungen um das Vertrauen der »Märkte« und der Lambsdorffschen Jury. Und verlieren im selben Maß das Vertrauen der Wähler.
Die Regierungen befreiten die ehemals demokratiekonformen Märkte von den Fesseln, die ihnen von den Verfassungen angelegt waren. Der Weg in die marktkonforme Demokratie begann, und ein großer Meilenstein dahin war eine Party im Jahr 1998 in einem der höchsten Hochhäuser Deutschlands. Über diese Frankfurter Veranstaltung war aus der Frankfurter Rundschau zu erfahren, was der damalige Dresdner-Bank-Vorstand Ernst-Moritz Lipp beim Blick auf rund 500 Finanzstrategen und Topleuten aus der Wirtschaft gesagt hatte: »Deutschland ist ein Supertanker, aber im Führerhäuschen sitzt nicht der Bundeskanzler, sondern da sitzen die Leute, die hier auf dem Podium sind!«
Seitdem geht etwas zu Ende, das man am besten mit einem Lied erzählt, das am 18. Januar 2009 ein alter Mann in Washington vor dem Lincoln Memorial gesungen hat: »This land is your land, this land is my land«. Du wirst Dich daran erinnern, Barack, Pete Seeger hieß der Mann, der das Lied schon oft gesungen hatte und es diesmal sang, weil mit Dir der erste Schwarze ins Weiße Haus eingezogen war.
»Dies Land ist dein Land, dies Land ist mein Land«, getextet und komponiert von Woody Guthrie nach dem Krieg, wurde in den USA zum Hit an Lagerfeuern, auf Demonstrationen und Klassenfahrten. Es gilt inzwischen als alternative amerikanische Nationalhymne und ist eine Liebeserklärung an ein wunderbares Land, das »für dich und mich« gemacht wurde, Platz hat für alle und eigentlich jedem – egal ob schwarz oder weiß, Chinese oder Latino – sein Auskommen ermöglichen sollte. Es wurde zum Song derer, die sich bis auf den heutigen Tag nicht damit abfinden möchten, dass es noch immer Ungleichheit, Rassismus, Krieg und eine Spaltung in Arm und Reich gibt. Es ist der Protest des anderen Amerika jenseits der Rednecks, Waffenlobbyisten, Ölmilliardäre und der Teaparty-Bewegung. Es ist das Lied von Patrioten, die ihr Land kritisieren, weil sie möchten, dass es besser wird, damit sie es weiter lieben können.
Ich und zahlreiche Angehörige meiner Generation hatten das auch gesungen während der Zeit der außerparlamentarischen Opposition. Wo es erklang, wurde meist auch jenes Lied aus dem Kontext der schwarzen Bürgerrechtsbewegung angestimmt, das ebenfalls von Pete Seeger stammte, aber vor allem in der Version von Joan Baez weltberühmt wurde: »We shall overcome« – wir werden es überwinden.
2009, als Du ins Weiße Haus einzogst, schien sich die Hoffnung des Songs erfüllt zu haben. Aber vier Jahre später, nach Deiner Wiederwahl, sang Pete Seeger nicht mehr. Und zu Beginn des Jahres 2014 starb Pete Seeger 95-jährig. Die ZDF-Nachrichten sendeten an seinem Todestag ein älteres Interview mit ihm, an dessen Ende er ein 300 Jahre altes deutsches Volkslied in die Kamera sang: »Die Gedanken sind frei.«
Frei sind die Gedanken im Jahr 2014 immer noch, aber sie werden von den Geheimdiensten abgehört. Und wenn wir uns nicht bald zu einem Volksaufstand gegen diese Totalüberwachung aufraffen, wird der Tag kommen, an dem unsere Gedanken nicht mehr nur abgehört, sondern auch gesteuert werden.
Dass wir von den Machenschaften der Geheimdienste wissen, verdanken wir Edward Snowden, einem jungen Mann, der gesagt hat, in einer Welt, in der »so etwas möglich« ist, möchte er nicht leben. Deshalb hat er uns sein Geheimwissen erzählt, und nun wissen wir: Unsere garantierten Bürgerrechte – Briefgeheimnis, informationelle Selbstbestimmung, Recht auf Privatsphäre und Unverletzlichkeit der Wohnung – sind der paranoiden Angst vor Terrorismus, dem Allmachtstreben sich verselbständigender Polizeibürokratien und dem Kommerzinteresse der Viererbande Amazon, Apple, Facebook, Google geopfert worden.
Noch skandalöser ist: Snowden, der die Weltöffentlichkeit über diesen Fall von Staatskriminalität unterrichtet hat, gilt nun in den USA, in Deinem Land, lieber Barack, als kriminell. Die Aufdeckung des Verrats der westlichen Werte gilt den Verrätern, also Deinen Geheimdiensten, Deinen Juristen, Deiner Regierung, als Verrat. Über Snowden schwebt jetzt eine Art amerikanischer Fatwa, weshalb er sich vor der CIA und der NSA verstecken muss wie Salman Rushdie vor den Killern der iranischen Ayatollahs. Möglicherweise erwartet Snowden nicht die Todesstrafe, aber gewiss Gefängnis, schätzungsweise 35 Jahre.
So viel bekam der US-Gefreite Bradley Manning, der Hunderttausende geheimer US-Dokumente aus den Kriegen im Irak und in Afghanistan an Wikileaks geschickt und dieses digitale »Enthüllungsportal« damit weltberühmt gemacht hatte. Eines der vielen Dokumente zeigt den Einsatz zweier US-Apache-Helikopter 2007 in Bagdad. Aus der Perspektive des Schützen ist zu sehen, wie 13 Menschen sterben. Angeblich, so stand es in einem Feldbericht, waren US-Bodentruppen von Irakern angegriffen worden. Es waren aber unbewaffnete Zivilisten, die da unten im Straßenstaub starben.
Bradley Manning, der heute eine Frau ist und sich Chelsea Manning nennt, begründete seinen »Verrat« ähnlich wie Snowden: Die Leute sollten die Wahrheit erfahren, weil die Öffentlichkeit ohne Information nichts entscheiden könne. Politik müsse durchschaubar sein, wie es Amerikas Verfassung garantiere.
In einer Deutlichkeit wie noch nie zeigt sich an Snowden und Manning die Kluft zwischen »denen da oben« und »denen da unten«. Für »die da unten«, also für jeden normalen Bürger der westlichen Demokratien, ist Snowden ein Held unserer Zeit. Nach der Ausstrahlung eines NBC-Interviews mit ihm fanden auch 61 Prozent der Amerikaner, Snowden sei kein Verräter, sondern ein Patriot. Die Mehrheit der Amerikaner sieht klarer als ihre Regierung.
Weltweit ist das so. Weltweit gingen für Snowden die »normalen Leute« auf die Straße und forderten, ihm Asyl zu gewähren. Auch in Deutschland hat sich in einer Umfrage eine Mehrheit dafür ausgesprochen, Snowden bei uns aufzunehmen. Doch von »denen da oben« hat bis heute kaum einer auch nur einen Finger gerührt, und es ist nicht zu erwarten, dass sie es noch tun werden.
Die Frage, wie wir uns vor den Geheimdiensten unserer amerikanischen Freunde schützen können, ist etwas historisch Neues und hat uns die Augen geöffnet. Die Linken haben es schon immer gewusst, aber nun weiß es auch der Rest der Deutschen und Europäer: Amerika ist nicht unser Freund. Amerika ist nichts weiter als ein Staat mit Interessen.
Trotzdem werden weiterhin die alten Märchen erzählt: Wir, die Staaten des westlichen Verteidigungsbündnisses, sind eine Wertegemeinschaft. Deshalb sind wir Brüder im Geiste, Freunde, Verbündete, darüberhinaus eine parlamentarische Demokratie, eine soziale Marktwirtschaft. Wir leben im besten aller möglichen Systeme.
Nichts davon hat je zu hundert Prozent gestimmt, aber doch zu fünfzig Prozent plus x. Heute stimmt fast nichts mehr an dieser westlichen Selbstbeschreibung. Nicht einmal das mit der Marktwirtschaft ist noch wahr, seit Banken risikofrei hohe Gewinne einfahren können und die Lobbyisten so mächtig sind, dass sie fast jedes Gesetz verhindern oder zumindest verwässern können.
Zur Enttarnung der Geschichte von der westlichen Wertegemeinschaft als Lügenmärchen hatte bisher noch kein anderer so viel beigetragen wie Dein Vorgänger im Amt, Präsident George W. Bush. Er führte Dein Land in einen Krieg mit der Lüge über die Herstellung von Massenvernichtungswaffen im Irak, zog auch europäische Länder mit hinein und war sehr böse auf Gerhard Schröder und Joschka Fischer, die sich damals als Kanzler und Außenminister diesem sinnlosen, Billionen Dollar teuren Rachefeldzug verweigerten.
Die Vormacht dieser sogenannten Wertegemeinschaft hatte nicht nur eine Lüge benutzt, um einen völkerrechtswidrigen Krieg zu beginnen, sondern log auch noch weiter, diesen Krieg um der westlichen Werte willen zu führen, während es in Wahrheit um nichts anderes ging als um das, worum es dem Westen im Nahen Osten seit hundert Jahren schon immer gegangen ist: ums Öl. Man bezeichnete und bezeichnet bis heute solch eine Instrumentalisierung moralischer Werte für das eigene Interesse als »Realpolitik«.
Was wir uns darunter vorzustellen haben, wissen wir ziemlich genau seit dem 9. Dezember 2014. An jenem Tag hat der amerikanische Senat den bisher umfassendsten Bericht über die Verhörmethoden der CIA veröffentlicht und offiziell bestätigt, was man zwar schon wusste, was aber bis dahin von der US-Regierung geleugnet, geschönt, verschleiert, beschwiegen worden war: Der Geheimdienst der Vereinigten Staaten hat Gefangene auf der ganzen Welt gefoltert und misshandelt und zudem seine eigene Regierung jahrelang belogen und getäuscht. Der Bericht stellt klar, dass die Verhörmethoden der CIA schlimmer und brutaler waren, »als der Geheimdienst den Politikern und der Öffentlichkeit weisgemacht hat«.
Danach erfuhren wir die Details, zum Beispiel: Nicht alle folternden US-Soldaten verkrafteten ihren Job, mussten kotzen, wollten weg, baten um Versetzung, manche weinten.Die CIA-Oberen ersetzten diese Soldaten durch solche, die zuvor negativ aufgefallen waren: durch Übergriffe bei Vernehmungen, sexuelle Nötigung, Sadismus. Dieser neue Typus, dem es Freude bereitete, die Gefangenen zu quälen, übernahm nun die Arbeit.
Und wurde fürstlich entlohnt. Für Verhöre mit »erweiterten Techniken« zahlte die CIA den Folterern einen Tagessatz von 1800 Dollar, viermal so viel wie für »Standardtechniken«. Die beiden CIA-Psychologen, die sich die neuen Methoden ausgedacht hatten, zogen ihr eigenes Folter-Business auf mit einer eigenen Firma, Dutzenden Foltereinheiten und mit bis zu sechzig Angestellten. Von der CIA bekamen sie in fünf Jahren 75 Millionen Dollar. So las man es in der komplett desillusionierenden Geschichte »Folter« von Thomas Gutschker in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 14. Dezember 2014.
Dass dieser regierungsamtliche Folterbericht veröffentlicht wurde, ist Dein Verdienst, Barack, das rechne ich Dir hoch an, wenngleich ich hinzufügen muss: Die Vorgesetzten der Folterknechte, diejenigen, die das angeordnet oder wissend toleriert haben, sind bis heute nicht bestraft worden.
In derselben Ausgabe zitierte Nils Minkmar den israelischen Autor Yishai Sarid, der früher selbst als Staatsanwalt amtierte und in seinem Thriller Limassol einen Vernehmungsoffizier beschreibt, der mit ähnlichen Methoden wie denen der CIA einen Palästinenser befragt. Er droht: Seine Frau werde man holen und sie vergewaltigen lassen. »Du denkst, das ist ein Scherz? Das machen wir nicht? Doch, das machen wir alles. Wir sind genau solche Schweine geworden wie ihr.« In jenen Tagen schwand in mir der letzte Rest der Illusion, dass die westliche Führungsmacht bei aller Kritik trotzdem noch immer das bessere, humanere, gerechtere Gesellschaftsmodell auf dieser Welt verkörpere.
Die Sache hat nun weltpolitische Konsequenzen: Wenn westliche Staatoberhäupter mal wieder mit ihren russischen und chinesischen Amtskollegen über die Verletzung der Menschenrechte in deren Ländern reden möchten, werden sie ein Lächeln ernten, das besagt: Kehr‘ doch erst mal vor deiner eigenen Haustür!
Die alte Politprofi-Wahrheit, dass Staaten keine Freunde haben, sondern nur Interessen, wurde in der Vergangenheit von Politikern immer so sorgfältig und schön eingekleidet, dass sie die Bürger nicht erschreckte. Aber seit den Berichten des Whistleblowers Edward Snowden über die Methoden der NSA und seit dem CIA-Folterbericht steht diese Wahrheit nun nackt vor unser aller Augen.
Und zwingt uns zu einem deprimierenden Eingeständnis: Unsere Selbstbeschreibung als »westliche Wertegemeinschaft« ist eine große Lüge, und die führende Nation dieser Lügengemeinschaft ist eine Nation, die sich selbst verabsolutiert, die ihren Interessen, besonders ihrem Sicherheitsinteresse, alles unterordnet, notfalls auch die Menschenrechte und überhaupt jegliches Recht. Eigentlich müssten die Amerikaner beim Hissen ihrer Flagge und all den patriotischen Anlässen, bei denen sie ergriffen ihre Hymne singen und die Hand aufs Herz legen, ehrlicherweise singen: US, US über alles, über alles in der Welt.
Darum reagiere ich inzwischen allergisch, wann immer einem Politiker das Wort von der westlichen Wertegemeinschaft aus den pathetisch aufgeblasenen Backen tropft. Eine 65 Jahre alte Geschichte ist – für mich – im Jahr 2014 zu Ende erzählt worden.
Das alles lässt eigentlich nur noch zwei mögliche Reaktionen zu: eine zynische, verbunden mit dem scheinbar abgeklärt vorgetragenen Satz: Was regst du dich auf, war doch schon immer so, wird immer so sein. Sei nicht so naiv, das mit der Wertegemeinschaft wörtlich zu nehmen. Das ist doch nur für die Dummen.
Die zweite Reaktion wäre die sensible: Doch, wir nehmen das mit der Wertegemeinschaft ernst und bestehen darauf, dass sie im Einklang mit dem Grundgesetz verwirklicht wird. Wohin eine Welt steuert, wenn sich fast alle damit abgefunden haben, dass es nun mal so ist, wie es ist, und sich nie ändern wird, beschreibt die amerikanische Fernsehserie The Wire (die auch hierzulande unter demselben Titel ausgestrahlt wurde). Sie erzählt von der in Antagonismen zerfallenden US-Gesellschaft, in der es keine Hoffnung mehr gibt, und das beste, treffendste und wahrste Wort für diesen Prozess ist das Wort »fuck«, von dem in dieser Serie ein exzessiver Gebrauch gemacht wird. Es gibt in der Serie eine Szene, in der zwei Ermittler fünf Minuten lange ihren gesamten Dialog mit dem einzigen Wort »fuck« bestreiten. Eine andere TV-Serie, House of Cards, erzählt von Frank Underwood, einem skrupellos-zynischen Kongressabgeordneten, der so heißen muss, weil seine Initialen FU die Grundidee der ganzen Serie auf den Punkt bringen: Fuck you.
»Fuck the EU«, hatte Victoria Nuland, die Europabeauftragte des US-Außenministers John Kerry, in einem abgehörten Telefonat mit dem amerikanischen Botschafter in Kiew über die Ukraine-Politik der Europäischen Union gesagt. Unsere Kanzlerin war darüber verstimmt und hat vielleicht heimlich gedacht: Fuck the US.
Wer es bei »fuck« als letztem Wort nicht belassen und nicht zum Zyniker werden will, dem bleibt nur die Möglichkeit, sensibel darauf zu reagieren und dieser Geschichte von den westlichen Werten wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. Und ich bin mir sicher: Das wäre der Wunsch der Mehrheit, wenn sie gefragt würde. Ich glaube, dass einer wachsenden Zahl von Menschen vor der Zukunft graut, die auf uns zukommt, wenn die Sensiblen nicht endlich beginnen, sich der Herrschaft der Abgefuckten zu erwehren.
Die Fronten verlaufen nicht mehr zwischen den Nationen, nicht mehr zwischen den Machtblöcken, vielleicht nicht einmal mehr zwischen Arm und Reich, die neue Front des 21. Jahrhunderts verläuft zwischen den Mitgliedern einer hochsensibilisierten Zivilgesellschaft und den alten Reptilienhirnen, die in nichts anderem denken können als in den Kategorien der Macht, in der Alternative von Hammer oder Amboss. Überall auf der Welt beginnen die Menschen gegen diese Denke zu rebellieren. Sie lassen sich nicht mehr einschüchtern, als inkompetent und als naive Gutmenschen und ahnungslose Laienspielertruppen hinstellen von den Mächtigen. Deren sogenannte Realpolitik hat uns seit Menschengedenken immer nur jene unendliche Folge aus Verhängnissen und Katastrophen beschert, die wir die Weltgeschichte nennen.
Wir hatten große Hoffnungen in Dich gesetzt, Barack Obama, viel zu große. Jedem Vernünftigen war schon vor acht Jahren klar, dass Du nicht der Messias bist. Aber auch die Vernünftigen hatten gehofft und gedacht, dass Dir mehr gelingen würde als Dir dann tatsächlich gelungen ist, und das ist vielleicht die erschütterndste Erkenntnis, die wir aus Deiner Amtszeit ableiten müssen: Selbst wenn ein Guter das Präsidentenamt erringt, ändert sich nichts. Selbst wenn wider Erwarten Bernie Sanders Präsident werden würde, änderte sich wenig. Der mächtigste Mann der Welt ist in Wahrheit ziemlich ohnmächtig. Die Macht haben jene, die als Spender die Wahlkämpfe der Abgeordneten, Senatoren, Gouverneure und Präsidentschaftskandidaten finanzieren. Gegen diese Macht warst auch Du machtlos, lieber Barack.
Du warst trotz allem ein sympathischer Präsident und mit Deiner liebreizend-sympathischen Michelle eine Verkörperung des Amerika, das wir noch immer lieben. Ich werde traurig sein wenn Ihr das Weiße Haus verlasst. Aber noch trauriger macht mich die Erwartung, dass es mit dem nächsten Präsidenten oder der nächsten Präsidentin nicht besser wird, eher noch schlechter als es eh schon ist.

(leicht geändertes Kapitel aus: Christian NürnbergerDie verkaufte Demokratie)