Der Sturm aufs Capitol …

… hat hierzulande vielen Angst gemacht. Mir nicht.

Nein, die Trumpisten machen mir keine Angst, denn die wesentliche Nachricht ist und bleibt die von der totalen Niederlage Donald Trumps. Präsidentschaft verloren, Repräsentantenhaus verloren, Senat verloren, Teile seiner Partei verloren. Gern würde ich hinzufügen: auch den Verstand, die Ehre, das Ansehen verloren. Aber wo nichts ist, kann man nichts verlieren. 

Den Rest werden die Gerichte erledigen. 

Die Republikaner werden sich jetzt entscheiden müssen zwischen Trump und der Demokratie. Viele haben sich schon gegen ihn entschieden. Dieser Verfall seiner Macht und seines Einflusses wird voranschreiten.

Die Idioten, die ihm bis in den Wahnsinn folgen, werden natürlich nicht aussterben. Sie werden – ähnlich wie unsere AfD- und Querdenker-Krakeeler – mit ihrer Lautstärke und Aggressivität den Eindruck erwecken, dass sie das Volk sind. Aber die Realität wird diese Realitätsleugner ebenso einholen, wie sie schon ihren obersten Realitätsleugner eingeholt hat.

Dessen Versuch, mit Hilfe des mächtigsten Amtes im Rücken Lüge als Wahrheit, Fakes als Fakten, Dummheit als Schlauheit zu verkaufen, ist nun an der Realität zerschellt. Das wird sich auswirken unter seinen Anhängern. Die Millionen Mitläufer unter seinen Wählern werden abspringen, wenn ihm die Macht, der Glanz und der Zauber des Präsidentenamtes abhanden gekommen sind. Die Zahl seiner Follower wird schrumpfen, wenn ihm der Twitter-Account des Weißen Hauses nicht mehr zur Verfügung steht.

Während er in den nächsten Jahren verzweifelt gegen seinen Bedeutungsverlust ankämpfen und sich noch lächerlicher machen wird, wird das andere, das liebenswerte, das menschliche, das starke Amerika, das wir kennen, auf die gestrige Nacht und die vier Jahre davor reagieren. Dazu wird es vier Jahre lang Zeit haben. Vier Jahre lang können jetzt Trumps Rechtsverstöße während seiner Amtszeit untersucht werden. Vier Jahre lang können all die Lakaien und Speichellecker zur Rechenschaft gezogen werden, die aus Zynismus und Opportunismus jeden noch so verrückten Schachzug Trumps mitgemacht, als klug hingestellt, als rechtmäßig bezeichnet und durchgesetzt haben. Auch Mitch McConnell, Trumps Ermöglicher, jetzt Minderheitsführer, wird sich sehr kritischen Fragen stellen müssen. Viele, die bisher aus Angst oder Kalkül geschwiegen haben, werden ihr Schweigen brechen und uns haarsträubende Geschichten aus dem Weißen Haus erzählen. Die verrückten Senatoren, die gestern im Capitol ein Stück Schmierentheater gegen die Demokratie aufgeführt haben, werden sich verantworten müssen, auch vor republikanischen Wählern, die stockkonservativ sein mögen, aber gerade deshalb eines nicht wollen: Chaos und Gewalt.

All die republikanischen Politiker, die weiterhin dem Trumpismus frönen, weil sie glauben, er sei das beste Rezept für anhaltenden politischen Erfolg, werden irgendwann ernüchtert feststellen: Trump zieht nicht mehr. Und: Man kann Realitätsverweigerung eine Zeit lang betreiben, sogar erfolgreich, aber eben nur eine Zeit lang. Und nur mit einer mächtigen Figur an der Spitze. Ist sie am Ende, sind auch die Leugner am Ende.

Vielleicht erleben wir sogar schon in den nächsten Tagen noch, wie Trump wegen Amtsunfähigkeit aus dem Weißen Haus entfernt wird. Falls nicht, auch egal.

Wichtig ist: Biden kann jetzt vier Jahre lang mit ruhiger Hand regieren und das Land halbwegs befrieden, mit der Kongressmehrheit im Rücken, mit einer jungen, bunt gemischten Truppe im Repräsentantenhaus, mit vernünftigen, erfahrenen Beratern und Ministern in seiner Regierung und mit einer charismatischen Vizepräsidentin an seiner Seite. Bald schon wird man sich der Trump-Jahre so erinnern, wie man sich heute an die McCarthy-Ära erinnert: an einen Betriebsunfall in der langen Geschichte der Demokratie.

Gestern war die finsterste Nacht in dieser Geschichte. Aber auch der Moment, ab dem es wieder heller wird.

Foto aus Spiegel online von heute, Rechte: Foto: ANDREW CABALLERO-REYNOLDS / AFP