Die Lizenz zum Löten

Wer hat schuld an der deutschen Misere: womöglich die Manager?

Im Herbst sollen wir wieder wählen. Eine Wahl haben wir allerdings nicht. Zwar wird uns vorgegaukelt, wir hätten eine zwischen Schröder und Kohl, aber da gab es gerade diesen Innovationskongreß der SPD in Köln, und dort hat Gerhard Schröder gesagt, was uns Kohl und Westerwelle auch schon immer gesagt haben: Wir sind schuld an der Misere Deutschlands, die Lohnnebenkosten natürlich auch, aber ganz besonders wir.

Wir, das sind jene typisch deutschen Bedenkenträger, die in der Gentechnik nur Gefahren, aber nicht deren Chancen sehen, im Computer nichts anderes zu erblicken vermögen als einen Jobkiller und ein Werkzeug des Großen Bruders und in der industriellen Produktion ein Umweltproblem. Schuld ist, so kann man zusammenfassen, das deutsche Feuilleton, denn dort wurde die Technophobie der Deutschen gehegt und gepflegt.

Das ist zwar reine Propaganda, aber sie hat natürlich den Vorzug, einen komplexen Sachverhalt auf einen einzigen, für fast alle verständlichen Gedanken zu reduzieren. Die Wirklichkeit jedoch zeichnet sich schon immer durch eine gewisse Widerspenstigkeit gegen einfache Gedanken aus. Man kommt ihr gewöhnlich etwas näher, wenn man statt eines Gedankens mindestens zwei Gedanken auf einmal denkt, besser noch wären drei oder sogar vier.

Deutsche Faxen

Versuchen wir trotzdem, drei bis vier Dinge auf einmal zu denken, und fangen wir mit dem einfachsten an: Ja, es ist wahr, es ist viel debattiert worden in Deutschland über die Gefahren neuer Technologien, während in anderen Ländern deren Chancen erkannt, zu Produkten entwickelt und auf dem Weltmarkt verkauft worden sind. Wer dieser Überlegung Beifall zollt, der möge sich aber bitte dem sehr einfachen Gedanken Nummer zwei öffnen, einer Erinnerung an fast schon vergessene Ereignisse: Es gab Tschernobyl und Harrisburg, Seveso und Bhopal, tote Fische im Rhein und in den Meeren, sterbende Wälder, geborstene Ölbohrinseln und schwere Havarien auf dem Wasser und in der Luft. Von jeder einzelnen dieser Technikkatastrophen hatte es zuvor geheißen, nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit könne sie höchstens alle 20 000 Jahre einmal oder noch seltener eintreten, und dann haben wir alle diese „nach menschlichem Ermessen ausgeschlossenen Ereignisse” binnen zweier Jahrzehnte erlebt.

Gedanke Nummer drei ist eine einfache Tatsache, die wir als Chiffre verstanden wissen möchten: Der Elektrokonzern Siemens hat das Faxgerät erfunden. Massenhaft verkauft haben es aber die Japaner, und wir können uns nur schwer vorstellen, daß daran die Lohnnebenkosten oder die Zivilisationskritiker schuld gewesen sind, haben aber schon öfter gehört, daß bei der Behörde namens Siemens schon so manch gute Idee auf dem langen Weg durch die Instanzen der Hierarchie versandet ist.

Für den Gedanken Nummer vier müssen wir unsere Feuilleton-Leser leider mit dem Ergebnis einiger Archivrecherchen belästigen. Es gibt vom Minsterium für Forschung und Technologie eine CD-ROM, welche alle periodischen Publikationen des Minsteriums zwischen 1955 und 1995 dokumentiert. In diesen Publikationen taucht das Wort Mikroelektronik zum ersten Mal Ende 1977 auf, 1978 gar nicht und 1979 zweimal. Ab 1980 häufen sich die Nennungen, sind aber immer noch deutlich seltener als die Worte Atom oder Kernenergie.

Die langsamen Brüter der SPD

In Japan dagegen wurde 1976 – also zu einer Zeit, da Schröders Vorbild, der Weltökonom Helmut Schmidt, immer noch weitere Millionen ins Milliardengrab des Schnellen Brüters in Kalkar schüttete – ein Programm zur Entwicklung der Mikroelektronik gestartet, in dessen Verlauf Staat und Wirtschaft bis 1984 je zur Hälfte rund eine Milliarde Mark investiert hatten. Danach stiegen Japans Ausgaben noch steiler an, denn in Japan wurde die Mikroelektronik als Schlüsselindustrie erkannt.

In Europa dagegen hat Ende 1983, also sieben Jahre später, der Siemens-Aufsichtsratsvorsitzende Bernhard Plettner vor einem Auditorium in Zürich gesagt, Nippon sei ein Land, „von dem bisher noch nie eine Basisinnovation ausgegangen ist”. Sein Fazit zum Thema „Lage der europäischen Elektroindustrie”: „In den nächsten zehn Jahren werden sich kaum wesentliche Veränderungen in den (weltweiten) Kräfteverhältnissen einstellen. ” (Die Zeit vom 6. April 1984)

Am Standort D sollte es noch einmal fast vier Jahre dauern, bis einige Manager und Politiker bei weitem nicht alle – aus dem kollektiven Tiefschlaf erwachten und konsterniert erkannten: Die Welt hat sich total gedreht. Erst 1988 sah sich das Weltunternehmen Siemens – nach teurem Erwerb japanischer Patente und Lizenzen – in der Lage, ebenfalls Speicherchips zu bauen, die einfachsten Bauelemente von Computern. Zu mehr, etwa zu Mikroprozessoren, reicht es bis heute nicht.

Damals, als Siemens, Philips und SGS Thomson als einzige Europäer zur Aufholjagd in der Mikroelektronik ansetzten, wohnte der Autor als Redakteur des Technologiemagazins highTech einer geradezu absurd anmutenden Debatte bei über die Frage, ob es nötig sei, daß Europas Industrie in die Mikroelektronik einsteige. Bezweifelt wurde die Notwendigkeit aber nicht etwa von rot-grünen Schwadronierern, sondern von deutschen Wirtschaftslenkern. Wortführer der Mikroelektronik-Gegner war ausgerechnet der damals sehr einflußreiche Chef des Computerherstellers Nixdorf, Klaus Luft. Mikrochips, sagte er, seien eine Art neuer Rohstoff, den man nicht selbst herstellen müsse, sondern wie Weizen oder Schweinebäuche auf dem Weltmarkt kaufen könne.

Gigantischer hat man sich als Manager kaum noch irren können. Wenn die ersten deutschen Autobauer auch so gedacht und Motoren und Getriebe irgendwo im Ausland gekauft hätten, wäre nie eine deutsche Autoindustrie entstanden. Mikrochips sind das absolute Gegenteil eines Rohstoffs, nämlich die Basistechnologie der Informationsgesellschaft. Wer keine Speicherchips bauen kann, der kann natürlich komplexere Einheiten wie Prozessoren, Motherboards, Graphikkarten, Festplatten, CD-ROM-Laufwerke, digitale Kameras oder Displays erst recht nicht bauen, sondern muß alles in Asien und Amerika einkaufen und kann das Zeug bestenfalls noch zusammenschrauben. Arbeitsplätze und Wertschöpfungen entstehen dann in Asien und Amerika statt in Europa.

Die Vorstandsetagen von Siemens und Nixdorf waren keinesfalls die einzigen Orte, an denen sich Arroganz und Unfähigkeit paarten. Zuvor schon hat in den entsprechenden Etagen von AEG, Grundig, Telefunken oder Agfa das dortige Management so lange auf die Japaner, diese „armseligen Kopisten”, heruntergeschaut, bis TV-Geräte, Videorekorder, Stereoanlagen und Kameras ausschließlich aus Japan gekommen sind und zu ersten Massenentlassungen im Standort Deutschland führten.

Und jetzt? Nachdem ehemals starke deutsche Industrien wie die Optik oder Unterhaltungselektronik komplett weggebrochen und neue Industrien wie Computer oder Informationstechnik gar nicht erst entstanden sind, sagt Schröder „Augen zu und durch”. Kann schon sein, daß der Transrapid ein wirtschaftlicher Unfug ist, bauen müssen wir ihn trotzdem, sagt Schröder, denn er muß sich als Mann der Tat, des wirtschaftlichen Sachverstands und der technischen Innovation profilieren. Kann schon sein, daß die Gentechnik gewisse Gefahren in sich birgt, aber die Debatte darüber können wir uns nicht mehr länger leisten. Wenn andere machen statt debattieren, müssen wir mitmachen, sagt der Pragmatiker und Realist Schröder. Das ist verständlich, weise ist es nicht.

1984, im Jahr George Orwells und des Großen Bruders, war es ein ziemlicher Luxus, gegen die Volkszählung zu opponieren. Heute, da wir via Chipkarten, Handys, Internetkommunikation, Gen-Datenbanken und allgegenwärtige Überwachungskameras Datensammlern ermöglichen, uns zu durchleuchten, heute wäre Widerstand gegen den Überwachungsstaat wirklich angebracht, aber den können wir uns jetzt nicht mehr leisten, denn wir müssen verlorenes Terrain zurückgewinnen, sagt Schröder.

Wenn aber Schröder immerzu das Gleiche sagt wie Kohl und Westerwelle, wenn er nur die Standort-Litanei nachbetet, die ihm unsere Wirtschafts-Fundamentalisten vorbeten: Warum sollen wir dann Schröder wählen? Wenn er den von ihm umworbenen Konzernmanagern wenigstens einmal so forsch entgegentreten würde wie seiner Partei, könnte die Illusion einer Alternative in uns keimen. Wenn er dafür plädierte, die Ursachenforschung für die deutsche Misere nicht allein auf den angeblich zu teuren und zu faulen deutschen Arbeitnehmer zu beschränken, sondern auf den deutschen Manager und Standortprediger auszuweiten, nähmen wir einen Unterschied zu Kohl wahr. Schröder könnte auch fragen, ob die Selektionsmechanismen in der Wirtschaft, der Forschung und der Verwaltung eigentlich noch richtig funktionieren. Er könnte außerdem einmal sagen: Die deutsche Kritik an neuen Technologien war zwar innovationshemmend, aber trotzdem nicht in jedem Punkt falsch. Falsch war nur, daß fast ausschließlich in Deutschland diskutiert und in der übrigen Welt mit weniger Skrupel produziert wurde. Richtig ist aber, daß man die Entwicklung der Technik nicht allein dem Markt überlassen kann. Die Konsequenz wäre daher, den europäischen Einigungsprozeß noch weiter zu forcieren, um international die Entwicklung mitbestimmen zu können und skrupelloseren Ländern jene Diskussionen aufzunötigen, die in unseren Feuilletons geführt worden sind und – wie sich noch erweisen wird – nötiger sind als je.

Wenn man auch solches mal von Schröder hören würde, dann könnten wir bei der Wahl im Herbst vielleicht doch noch eine Wahl haben.

Süddeutsche Zeitung, 14.05.1998