Freiheit macht arm

Sprengt die globale Leistungsgesellschaft das soziale Gefüge?

Der Mensch ist von Natur aus träge. Darum muß immer mal wieder die Peitsche knallen, damit er seine Trägheit überwindet und etwas leistet.

Nein, es sind keine Zyniker, keine Menschenverächter, die solch gewerkschaftsfeindliche Äußerungen von sich geben, sondern, zum Beispiel, TV-Redakteure, die viel unterwegs sind und mit unterschiedlichen Kamerateams arbeiten. Sie berichten von einer häufigen Erfahrung: Ist es ein Team festangestellter Mitarbeiter des eigenen Senders, mit dem sie arbeiten, müssen sie viel Zeit einkalkulieren. Das Team pocht auf die Einhaltung tariflich festgesetzter Pausen und Arbeitszeiten, lehnt Überstunden ab und droht wegen jeder außerplanmäßigen Beanspruchung mit dem Betriebsrat. Ganz anders dagegen die Arbeit mit freien Teams. Sie sind höflich, munter, flexibel, leistungsbereit, ohne Scheu vor Überstunden oder Nachtarbeit, und sie murren nicht, wenn mal eine Pause ausfällt oder verschoben werden muß – schließlich möchten sie wieder engagiert werden.

Theaterintendanten, Unternehmer, Abteilungsleiter der Industrie, auch Chefredakteure, machen ähnliche Erfahrungen. Wo immer sie es mit Festangestellten zu tun haben, wird weniger geleistet und mehr gemault. Wir haben hier einen der Gründe für lean production und outsourcing – den Trend, die Belegschaft auszudünnen, immer mehr Aufgaben aus den Betrieben an freie Teams und freie Mitarbeiter zu vergeben. Gelegentlich handelt es sich bei den Mitarbeitern solcher Teams um dieselben Leute, die zuvor innerhalb des Betriebs als Angestellte den gleichen Job verrichtet haben. Jetzt aber tun sie das für weniger Geld, bei längerer Arbeitszeit, mit weniger Rechten und – zwangsweise – mit mehr Engagement.

Daß Arbeitgeberherzen deshalb höher schlagen, versteht man, und weil die Gewerkschaften dank der Globalisierung entmachtet sind, können die Arbeitgeber auf dem eingeschlagenen Weg fast widerstandslos weitermarschieren. Überall schallt es daher der Jugend entgegen: Bilde dir nicht ein, daß du deinen jetzt erlernten Beruf bis an dein Lebensende wirst ausüben können. Stell’ dich darauf ein, ihn oft wechseln zu müssen, dich ständig fortbilden und auch mal beschäftigungslose Zeiten überstehen zu müssen. Feste Belegschaften wird es kaum noch geben, allenfalls ganz kleine Truppen Festangestellter, die mit wechselnden Teams während begrenzter Zeiten ganz bestimmte Projekte verwirklichen. Vor den üblichen Risiken des Lebens, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Alter, wirst du dich selbst schützen müssen.

Aber das alles ist gut für dich, denn du wirst freier, selbständiger und flexibler sein als dein Vater, der Angestellte, es je gewesen ist. Du wirst dein eigener Chef sein, dich selber managen, dich mit deiner Kreativität immer wieder neu erfinden und dich glücklich preisen, deine Arbeit frei von den Zwängen betrieblicher Hierarchie verrichten zu können, frei von betriebsüblichen Intrigen, Mobbing, Neid und Gezänk. Und dank der Telekommunikation wirst du zu Hause arbeiten und selbst bestimmen können, wie du dir Arbeit und Freizeit einteilst. Mehr Markt, mehr Leistung, mehr Wettbewerb, mehr Flexibilität, Privatisierung und Deregulierung, das haben auch die Parteien in ihre Programme geschrieben, sogar die SPD. Nicht hineingeschrieben haben sie, daß es auch Leute gibt, die nicht so recht wissen, wie das gehen soll, „sich immer wieder neu zu erfinden”. Nicht hineingeschrieben haben sie, daß dies alles nur funktioniert, wenn man von der Existenz von Alten, Kranken, Schwachen und insbesondere Kindern absieht. Vergessen wurde in den Parteiprogrammen die Frage, was mit der wachsenden Zahl derer passieren soll, die dem Konkurrenzdruck nicht standhalten und von dem immer schneller sich drehenden Karussell der Leistungsgesellschaft hinausgeschleudert werden.

Nicht hineingeschrieben haben die Parteien in ihre Programme, daß mehr Wettbewerb am und um den Arbeitsplatz auch heißt: Man hat keine Kollegen mehr, nur noch Konkurrenten. Das bedeutet: mehr arbeiten als der Konkurrent; und das heißt auch: weniger Zeit haben für die Kinder, den Ehepartner, für die Pflege von Freundschaften und für ehrenamtliches Engagement. Es wird kälter werden zwischen den Menschen, und davon steht nichts in den Programmen.

Ist auch die Ehefrau berufstätig, steht sie unter dem gleichen Konkurrenzdruck wie der Mann. Dann handeln aber beide eigentlich verantwortlicher, wenn sie auf Kinder verzichten, zumindest auf ein hohes Einkommen und Karriere, denn Kinder sind für die Frau, wie auch für den Mann, der seine Vaterrolle ernst nimmt, Karriere-Killer. Jede Stunde, die für Kinder draufgeht, fehlt im Kampf gegen den kinderlosen Konkurrenten.

Schreibt man den bestehenden Trend in die Zukunft, dann wird es künftig vier Gruppen von Menschen geben: Die erste Gruppe sind die Globalisierungsgewinnler, die Eigner von Kapital, und deren Helfer auf den Führungsebenen. Dank eingesparter Arbeitskräfte, gedrückter Löhne und gestutzter Sozialleistungen steigt das Einkommen dieser Minderheit exponentiell.

Die zweite Gruppe sind Hochqualifizierte, die gut verdienen, aber ständig am Ball bleiben müssen, um nicht von Konkurrenten ins Abseits gedrängt zu werden. Von einem Achtstunden-Tag kann nicht die Rede sein.

Die dritte Gruppe sind gering Qualifizierte, die sich finanziell nur dadurch über Wasser halten können, daß sie mehrere Beschäftigungsverhältnisse gleichzeitig eingehen und wahrscheinlich moderne Formen einer neuen Tagelöhnerei praktizieren müssen. Auch sie kommen mit einem Achtstunden-Tag nicht aus.

Die vierte Gruppe sind die Überflüssigen, die den Konkurrenzkampf schon in der Schule oder der Universität verloren haben. Diese Gruppe wird verstärkt von den Leistungsschwachen, die wegen Alter, Behinderung, Krankheit, Alkoholismus, Drogensucht oder Unqualifiziertheit nicht einmal zu einer geringfügigen Beschäftigung kommen. Delinquenz, Gewalt, Drogen, Vandalismus und Kriminalität werden deren ständige Begleiter sein. Gesellschaften mit solchen Voraussetzungen müssen nicht untergehen, können sich damit ganz gut arrangieren. Die Reichen ziehen sich dann eben hinter hohe Mauern mit Stacheldraht, Videokameras und Alarmanlagen zurück, panzern ihre Autos und schützen sich und ihre Kinder mit Bodyguards und privaten Sicherheitsdiensten.

Goldene achtziger Jahre?

Die anderen, die sich keinen privaten Sicherheitsdienst leisten können, wird der Staat schützen müssen. Er kann Schnellrichter zulassen, Strafgesetze verschärfen, alle öffentlichen Plätze mit Kameras überwachen, Heere von schwerbewaffneten Hilfssheriffs durch die Städte patrouillieren lassen, von jedem Neugeborenen einen genetischen Fingerabdruck im Polizeicomputer speichern, Ausländern und Asylbewerbern elektronische Fesseln verpassen, jedes kleine Vergehen sofort ahnden, die Jugendstrafbarkeit auf 12 Jahre herabsetzen, Kindergefängnisse bauen und aufräumen wie in New York und damit die Kriminalität zwar nicht verhindern, aber auf einem noch erträglichen Maß halten.

Das Ganze wird dann wahrscheinlich auch kaum billiger sein als ein funktionierender Sozialstaat, aber der Reiche will nicht mehr teilen, sondern sich von seinen gesparten Steuern und Löhnen lieber Panzerglas und Überwachungskameras kaufen.

Und so wird man sich halt daran gewöhnen müssen, daß Kinder und Jugendliche bewaffnet in die Schulen gehen, gelegentlich auf Lehrer und ihresgleichen schießen, andere Kinder erpressen oder auf dem Schulweg und im Pausenhof drangsalieren, mit Drogen dealen und auf den Strich gehen.

Kann aber gut sein, daß dann, wenn es so weit ist, sich sogar die Reichen in die goldenen achtziger Jahre zurücksehnen, in die Dienstleistungswüste Deutschland, wo faule, maulende, sozial bestens abgesicherte und fest angestellte Arbeitnehmer für die 38,5-Stunden-Woche und sechs Wochen Urlaub kämpften und trotzdem Exportweltmeister waren.

Süddeutsche Zeitung, 30.04.1998