Mord am Sonntag

Wer Werte zur Disposition stellt, hat sie schon aufgegeben

Güllen, eine Kleinstadt irgendwo in Mitteleuropa, steht vor dem Ruin. Die Leute sind arm, arbeitslos und ohne Hoffnung. Doch plötzlich naht die Rettung. Die Ölmilliardärin Claire Zachanassian, die selbst aus Güllen stammt, hat ihren Besuch angekündigt. Alle sind sicher: Sie wird uns helfen. Das will sie auch. Doch die alte Dame stellt eine Bedingung. Sie fordert Gerechtigkeit. Ihre Gerechtigkeit. Die Kleinstädter sollen den Krämer Alfred Ill ermorden. Das ist die Rache dafür, daß der Krämer vor 45 Jahren seine damalige Freundin Claire verleugnet hatte, als sie ein Kind von ihm erwartete und sie deshalb die Stadt verlassen und sich fern ihrer Heimat prostituieren mußte, um sich und ihr Kind durchzubringen. Später wurde sie dann reich durch Heirat, und diesen Reichtum setzt sie nun ein, um ihr Verständnis von Gerechtigkeit durchzusetzen.

Natürlich weisen die braven Bürger von Güllen das Ansinnen der alten Dame entrüstet zurück, können sich aber nicht dazu durchringen, die Dame aus der Stadt zu jagen. Zu groß ist die Not, und zu groß die Hoffnung, daß sich vielleicht doch etwas arrangieren ließe. So ernst wird sie es mit ihrer Forderung ja wohl nicht meinen, denken sie sich, und sie beginnen, auf großem Fuß zu leben, machen Schulden.

Aber die alte Dame beharrt darauf: Alfred Ill muß sterben. Und da kippt die Stimmung in der Stadt. Nicht zu Lasten der unmenschlichen Alten, nein, zu Lasten ihres Mitbürgers Ill. Hat er sich sein Schicksal nicht selbst zuzuschreiben? fragen die Bürger plötzlich. War sein Verhalten nicht schweinisch? Hat das gedemütigte Mädchen von damals nicht einen Anspruch auf Sühne? Die Bürger von Güllen wühlen in der großen Kiste der Rechtfertigungs-Schablonen, finden Fertigteile wie „Willen zur Gerechtigkeit” ode „notwendiges Opfer für die Allgemeinheit”. Und da bringen sie ihren Mitbürger während einer Ratsfeier um, denn sie wissen, es wird weder Kläger noch Richter geben. „Tod durch Herzschlag” diagnostiziert der Arzt. „Tod aus Freude” schlagzeilt die Lokalzeitung. Und die Bürger von Güllen lebten in Wohlstand bis an ihr Lebensende.

Der Philosoph Robert Spaemann hat den „Besuch der alten Dame”, dieses Stück von Friedrich Dürrenmatt vor ein paar Jahren aufgegriffen, als hierzulande über den Sonntag diskutiert wurde und über die Frage, was es die Wirtschaft koste, sonntags die Maschinen abzuschalten.

Wer fragt: „Was kostet uns der Sonntag?”, der hat, so sagt Spaemann, den Sonntag bereits zum Abschuß freigegeben. Dieser als Frage verkleidete Anschlag auf den Sonntag wirke wie der Anschlag der alten Dame in Dürrenmatts Stück. Die Menschen in diesem Stück beginnen sich nach einiger Zeit mehr unbewußt als bewußt zu fragen, was sie das Leben dieses Mannes eigentlich kostet, sagt Spaemann, und in dem Augenblick sind die Würfel gefallen, ist der Mann verloren. Dieselbe ökonomistische Denkweise stellt bei uns den Sonntag in Frage, und der steht für mehr als nur den Sonntag, nämlich als eine Chiffre für vieles, was unsere Kultur, unsere christlichabendländische Zivilisation, ausmacht: dazu gehört alles Humane, alles Recht, alles Soziale, was dem der Wirklichkeit innewohnenden großen Trend zum Inhumanen, zur Barbarei und zum Recht des Stärkeren abgetrotzt werden mußte, also auch all das, wodurch Alte, Kranke, Behinderte, Familien mit Kindern oder alleinerziehende Mütter und Väter geschützt werden.

Wer fragt, was der Sonntag kostet, hat ihn bereits in einen Arbeitstag verwandelt und den Gewinn berechnet, der uns entgeht, wenn wir ihn ungenutzt verstreichen lassen. Und damit ist der Sonntag zerstört. Der Sonntag ist nämlich gerade dadurch Sonntag, daß er nichts kostet und ökonomisch nichts bringt.

Ökonomisten wenden hier ein: Alles schön und gut, aber wenn es nun mal neue Produktionsmethoden gibt, die eine Unterbrechung der Produktion verlustreicher machen als bisher, und wenn in anderen Ländern deshalb am Sonntag gearbeitet wird, dann können wir zwar weiter den Sonntag heiligen, dürfen uns aber nicht beschweren, wenn wir uns den Sonntagsbraten nicht mehr leisten können. Zum scheinbar unschlagbaren Argument der Sachzwang-Ideologen sagt Spaemann übrigens, für freie Wesen gebe es so etwas wie Sachzwänge überhaupt nicht. In jedem vorgebrachten Sachzwang stecke verborgen bereits ein von bestimmten Wünschen, Präferenzen und Wertungen geleiteter Wille. Wem der Feiertag nicht mehr heilig ist, der sieht natürlich einen Zwang ihn abzuschaffen, wenn die Produktionsunterbrechung teuer ist.

Spaemann verallgemeinernd heißt das: Wer soziale Gerechtigkeit nicht als einen ethischen Wert, sondern nur als Investitionshemmnis betrachtet, muß soziale Gerechtigkeit abschaffen. Wer in Arbeitnehmerschutzrechten nur ein Wettbewerbshindernis zu sehen vermag, muß sie beseitigen. Wem Ökosteuern als geschäftsschädigend erscheinen, der muß sie verhindern. Wer Arbeit für eine bloße Ware hält und nicht für ein Grundrecht, der muß den Lohn so weit drücken, wie es der Markt hergibt, und der darf seine Angestellten guten Gewissens in die Arbeitslosigkeit entlassen, wenn die Maßnahme mit explodierenden Gewinnen und Aktienkursen honoriert wird.

Die ökonomistische Sichtweise wird sich weiter entwickeln. Wir werden noch erleben, daß Menschen einfach deshalb geklont werden, weil es eine Nachfrage dafür gibt. Wenn sich bei olympischen Spielen irgendwann im nächsten Jahrhundert herausstellen sollte, daß die Spitzensportler an die absoluten Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit gelangt sind, dann werden wir den Kampf gentechnisch mutierter Sportmonster erleben – es sei denn die Sonntagsredner der Parteien und die Verkünder christlich-abendländischer Werte nehmen sich endlich selbst beim Wort und gebieten dem Trend zum Wirtschaftstotalitarismus Einhalt.

Wäre die CSU tatsächlich so christlich, wie sich ihre Repräsentanten bei ihrer Demo für das Kruzifix in Schulen gefeiert haben, dann müßte der Sonntag – auch als Chiffre für christlich- abendländische Werte – für die CSU unantastbar sein, Bischof Dyba in Fulda müßte die Kirchenglocken läuten und mit der CSU die Frage stellen: Wie lösen wir unsere Produktionsprobleme unter der Voraussetzung, daß bestimmte Werte unserer Kultur nun einmal nicht zur Disposition stehen? Warum, so könnte man ja fragen, entwickelt man überhaupt Produktionsmethoden, die nur unter der unakzeptablen Voraussetzung der Wertezerstörung realisiert werden können?

In den Ohren der kämpfenden Managertruppen der Wirtschaft klingen solche Überlegungen natürlich so realitätsfremd, als kämen sie von einem anderen Stern. Eine Kaste, die sich das Zusammenleben der Völker auf diesem Erdball auch im Informationszeitalter, in der Hightech-Gesellschaft und wohl für alle Zeit nur in den Kategorien der Macht vorstellen kann – Herrschen oder Beherrschtwerden, Gewinnen oder Verlieren, Befehlen oder Gehorchen, Hammer oder Amboß sein – kann natürlich nicht an die Idee glauben, daß sich die Bürger dieser Welt aus freien Stücken für eine Wirtschaftsordnung entscheiden könnten, die nicht vom Markt, sondern von humanitären Normen diktiert wird.

Aber da gibt es ja noch die Politiker der Parteien mit dem C im Firmenschild, und auch die Politiker mit dem S für sozial und dem D für demokratisch müßten eigentlich den bestehenden Trend zum Inhumanen erkennen und bekämpfen. Es ist ein Trend, der in einer Gesellschaft ohne verbindliche Werte dazu führt, daß letztlich der Markt die Normen setzt. Nach diesen Normen wird dann nur noch gemacht wird, was sich rechnet. Und was sich nicht rechnet, unterbleibt. Gut wird sein, was erfolgreich ist, und schlecht, was sich nicht verkaufen läßt. Es ist die Moral der Mafia. Wenn wir uns die zu eigen machen – wozu feiern wird dann noch Ostern?

SZ 09.04.1998