Warum ein Buch über dieses alte Buch?

So wurde ich in letzter Zeit häufig gefragt, und die Fragenden machten ein Gesicht, das zwischen einem maliziösen Lächeln und spöttischem Grinsen changierte. Religion, Glaube, Bibel, Kirche, Christentum, das alles habe sich doch längst erledigt, wurde mir gesagt. 

Es gibt kaum einen besseren Tag als den heutigen, den Tag der US-Präsidentschaftswahl, um diese mit einer Mischung aus Mitleid und Überlegenheit vorgebrachten Frage zu beantworten. Denn man schaue sich dieses Bild an, das Donald Trump zeigt, umgeben von Evangelikalen, die inbrünstig dafür beten, dass er Präsident bleibt. 

Diese Beter sind in den USA eine Macht. Sie haben einen größeren Einfluss auf die Weltpolitik als Merkel und Macron. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center wollen 82 Prozent der weißen Evangelikalen Trump wiederwählen.  Sie verzeihen ihm alles, jede Lüge, jede Gemeinheit gegen Frauen, jede Hetze gegen Latinos, jeden Skandal und jeden Bullshit, den er von sich gibt.

Warum? Weil sie die Bibel lesen, und zwar auf die dümmstmögliche Art. Sie halten die biblischen Geschichten für Tat­sa­chen­be­rich­te. Sie glau­ben wirklich, dass Gott die Erde in sechs Ta­gen ge­schaf­fen hat und der Mensch von Adam ab­stammt. Homosexualität gilt ihnen als Sünde und zugleich als Krankheit, die therapiert werden muss. Frauen, die abtreiben, gelten als Mörderinnen, die gerichtlich zu verurteilen sind. 

Das und noch ein paar apokalyptische Vorstellungen eines nahen Endkampfs zwischen Gut und Böse – wobei Trump der Anführer der Guten ist – sind die Essentials, aus denen sich das Weltbild der Evangelikalen zusammensetzt. Kommt man ihnen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, nehmen sie das als Beweis dafür, dass Wissenschaft Unsinn ist. Und schnell merkt man, dass Argumentieren zwecklos ist, weil sie dich für den Unwissenden, vom Zeitgeist Verblendeten, vom Teufel Verführten halten. 

Zu den weißen Evangelikalen gesellen sich die weißen christ­li­chen Natio­na­lis­ten. Zu ihnen gehören neben anderen evangelischen Sektierern auch viele Katholiken, die auf so Leute wie den Erzbischof Carlo Maria Vigano hören, einem Apokalyptiker, der die US-Präsidentschaftswahl als “Kampf biblischen Ausmaßes” deutet. https://www.domradio.de/themen/corona/2020-10-31/globaler-plan-namens-great-reset-erzbischof-vigano-sorgt-mit-schreiben-erneut-fuer-aufsehenhttps://www.domradio.de/themen/corona/2020-10-31/globaler-plan-namens-great-reset-erzbischof-vigano-sorgt-mit-schreiben-erneut-fuer-aufsehen

In einem kürzlich veröffentlichten Schreiben, das in mehreren Ländern und Sprachen veröffentlicht wurde, schrieb Vigano, die “Kinder des Lichts” kämpften gegen die “Kinder der Finsternis”, und eine Weltelite habe vor, “die gesamte Menschheit zu unterwerfen”. Vigano war von 2011 bis 2016 Apostolischer Nuntius in Washington. 2018 kritisierte er den Umgang von Papst Franziskus mit dem Missbrauchstäter, dem inzwischen aus dem Klerikerstand entlassenen Ex-Kardinal Theodore McCarrick, und forderte den Papst zum Rücktritt auf. 

Von den Evangelikalen über die weißen Nationalisten und katholische Traditionalisten laufen die Verbindungen weiter zu den Klimaleugnern, Impfgegnern, Waffennarren, Rassisten, Sexisten, Rechtsextremisten, Antisemiten, Islamophoben, QAnonisten, Proud boys, Alt-Right-Bewegten und neuerdings zu den Coronaleugnern. An der Spitze der Coronaleugner: Erzbischof Vigano, Verfasser eines Aufrufs gegen das Vorhaben der „Weltelite“, die Corona-Pandemie zu nutzen, um eine Gesundheitsdiktatur zu etablieren. Unterschrieben hat den Aufruf: Gerhard Ludwig Kardinal Müller, der Hardliner des deutschen Katholizismus, den der amtierende Papst aus dem Vatikan geworfen hat. Unterschrieben haben auch Hongkongs Kardinal Joseph Zen Ze-kiun sowie andere katholische Geistliche, Mediziner, Journalisten und Anwälte.

Längst das ganze Gebräu auch in Deutschland angekommen. Bei der »Quer­den­ken«-Demo Ende Au­gust in Ber­lin lie­fen 200 »Chris­ten im Wi­der­stand« mit, umgeben von den üblichen Krawallschachteln aus dem Dunstkreis der AfD, der Identitären, der Parlamentsstürmer und der Antifa. Auf der Haupt­büh­ne sang Pas­tor Stock­mann das von ihm kom­po­nier­te Lied »Wach auf Deutsch­land«, eine Hym­ne der Be­frei­ung aus an­geb­li­cher Co­ro­na-Knecht­schaft.

Die Religion, die nach der Aufklärung ins Museum für ausgemusterte Ideen abgeschoben worden war, wo man sie als für immer entsorgt wähnte, ist wieder da und zeigt sich in ihrer schrecklichsten Fratze. Wie schon immer in der Vergangenheit missbraucht sie ihre heiligen Schriften für politische Zwecke, die durch keine heilige Schrift legitimiert sind. 

Gegenwärtig verbünden sich die Missbraucher aller drei abrahamitischer Religionen mit den Rechtspopulisten und Rechtsextremisten dieser Welt gegen die liberale, freiheitliche, demokratische Zivilgesellschaft. In Polen und Ungarn versuchen Jarosław Kaczyński und Viktor Orbán unter Berufung auf den christlichen Glauben die „illiberale Demokratie“ zu etablieren. In Russland hofiert Wladimir Putin die orthodoxe Kirche, und diese hofiert ihn. In der Türkei benutzt Recep Tayyip Erdoğan den Islam als Machtinstrument und Waffe. In Israel macht Benjamin Netanjahu einen schmutzigen Kompromiss nach dem anderen mit den religiösen Fanatikern in seinem Land, um sich selbst und seine Macht zu retten. 

Und in Paris, Nizza, Dresden, Wien rufen islamistische Mörder „Allahu akbar“, während sie auf „Ungläubige“ mit Messern einstechen und die Hälse durchschneiden. Diese Mörder, aber auch die Wähler Trumps, Orbáns, Kaczyńskis, Putins, Erdoğans sind Verführte, nützliche Idioten der Machtpolitiker, die mit den Heiligen Schriften in ihren Händen Wut, Hass, Mord und Krieg auslösen.

Es hilft nicht, den Handlangern der religiösen Machthaber mit Aufklärung, Wissenschaft und neuzeitlicher Rationalität zu kommen. Sie sind ja der Feind. Wenn daher überhaupt etwas helfen kann, dann sind es ihre heiligen Schriften. Die muss man ins Feld führen. Die muss man gemeinsam mit den Frommen lesen, und dann kann man sie vielleicht für die Erkenntnis gewinnen, dass es nicht nur eine Lesart gibt, sondern viele. 

Und wem es wirklich ehrlichen Herzens ernst ist mit seiner Heiligen Schrift, wird die anderen Lesarten zumindest zur Kenntnis nehmen müssen, und sich vielleicht in einem zweiten Schritt für eine neue, zeitgemäßere Lesart entscheiden.

Im dritten Schritt kann dann vielleicht die Erkenntnis reifen, dass die Heiligen Schriften, zumindest die der Juden und Christen politische Herrschaftsansprüche und politisch-religiöse Aggressivität delegitimieren.

Mit dem Koran kenne ich mich nicht so aus, aber es gibt liberale Muslime, wie etwa Seyran Ates, die Geschäfts­füh­re­rin der Berli­ner Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, die das Treiben der Islamisten als das bezeichnen, was es ist: „faschis­ti­sche und menschen­feind­li­ch“. Es gibt also offenbar auch für den Koran andere, näher am „eigentlich Gemeinten“ liegende Lesart als die dumme, ungebildete, unwissende Lesart der Fundamentalisten.

Aus der Bibel jedenfalls lässt sich herauslesen: Schon die Propheten, Jesus und Paulus haben sich mit den Missbrauchern der Schrift angelegt, waren macht-, ideologie- und religionskritisch. Es ist unmöglich, das Alte und das Neue Testament für Volk, Nation, Ehre, Vaterland einzuspannen, wenn man sich bemüht, die biblischen Texte mit intellektueller Redlichkeit zu lesen. 

Wenn sie von Volk sprechen, meinen sie das Volk Gottes, nicht das Volk der USA, der Polen oder irgendeiner anderen Nation. An den Tisch des Herrn durften alle, Juden und Heiden, Männer, Frauen, Kinder, Arme und Reiche, Gesunde und Kranke, und die Nationalität war egal. Das hat schon damals Anstoß erregt bei konservativen Traditionalisten. Die Bibel ist voll von solchen anstoßerregenden Geschichten und lässt keinen Zweifel daran, auf welcher Seite die Propheten, Jesus und Paulus stehen.

Schließlich: Alle heiligen Schriften sind von Anfang bis Ende von irrenden, in ihrer Zeit befangenen, dennoch genialen, liebenden, sich glühend für die Wahrheit interessierenden Menschen geschrieben worden. Kein Gott hat ihnen die Texte diktiert. Diese widersprechen einander auch oft, weil sie sich im Lauf der Zeit entwickelt haben und weil schon in ihnen Konflikte zwischen Traditionalisten und Reformern ausgetragen werden. 

Sie wurden nicht für uns geschrieben, sondern – oft aus konkreten Anlässen heraus – für die damals lebenden Mitmenschen, für Anhänger, für Gegner, und natürlich für die Kinder, Enkel und Urenkel. Nicht im Traum haben die Autoren daran gedacht, dass ihre Texte zwei Jahrtausende später noch immer gelesen und auf Handlungsanleitungen für die heutige Zeit abgeklopft werden. 

Wer daher heute meint, „Bibeltreue“ bedeute, die biblischen Texte wörtlich zu nehmen, ehrt sie nicht, sondern verrät sie, macht sie für die heutigen Menschen unbrauchbar. Wer ihnen auch heute noch etwas abgewinnen will, darf, ja muss sie hinterfragen, kritisieren, interpretieren, natürlich im Geist der Liebe und der Solidarität mit denen, die sie vor Jahrtausenden geschrieben haben.

Deshalb habe ich in meinem Buch die wichtigsten biblischen Geschichten noch einmal nacherzählt, kurz, in verständlicher Sprache, entlang eines roten Fadens, und mit Erklärungen, Interpretationen und Hintergrundwissen versehen, wo ich sie für nötig hielt.